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11/02/2017 10:48 CET | Aktualisiert 12/02/2018 06:12 CET

Smarte Organisation - wie sieht die nächste Stufe der Business Intelligence aus?

Jose Luis Pelaez Inc via Getty Images

Damit Entscheider im täglichen Trommelfeuer neuer IT-Konzepte und -Anforderungen effektiv zwischen kurzzeitigen Hypes und nachhaltigen Veränderungen unterscheiden können, schafft die Competence Site im Rahmen ihrer Experten-Gespräche Klarheit zu Trends und Themen, die erfolgreiche Unternehmen tagtäglich umtreiben.

Auch ich hatte die Freude, meine Visionen zur Zukunft des Business Intelligence bzw. zur Smarten Organisation der Zukunft in einem solchen Experten-Interview darstellen zu können.

Nachfolgend die Fragen der Competence Site und meine Antwort mit Dank an das Team der Competence Site für die Möglichkeit, einer Veröffentlichung bei der Huffington Post.

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Was den Innovationskräften oftmals leider nicht gelingt, ist der Brückenschlag ... zu den tatsächlichen ... Unternehmenswelten

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Competence Site: Täuscht der Eindruck oder wird das Thema „datengetriebene Entscheidungsfindung" oder auch Business Intelligence (BI) nur noch von Innovationen wie dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz oder dem Internet der Dinge bestimmt? Oder anders gefragt: Ist die Zeit der klassischen BI abgelaufen?

Gut beobachtet! Auch mir selbst als BI-Protagonist drängt sich manchmal der Eindruck auf, dass in der Szene lieber über Zukunftsvisionen gesprochen wird, als das Hier und Jetzt zu thematisieren. Wie das für einen systemfremden Beobachter anmuten mag, will ich mir gar nicht erst vorstellen. (lacht)

Aber Spaß beiseite, es ist natürlich enorm wichtig, dass wir uns als Hersteller Gedanken über die Zukunft unserer Disziplin machen. Visionen, wie die von der Künstlichen Intelligenz, die menschlicher Intelligenz irgendwann mal überlegen sein soll, oder vom omnipräsenten Internet der Dinge, das alles mit allem und alles mit jedem verbinden wird, oder von der Industrie 4.0, die nur noch smarte Fabriken hervorbringen wird, sind essentiell für den Fortschritt nicht nur unserer Branche, sondern für die Wirtschaft und Gesellschaft als Gesamtes.

Was den treibenden Innovationskräften oftmals leider nicht gelingt, ist der Brückenschlag zum Bekannten - den tatsächlichen Lebens- und Unternehmenswelten. Dadurch entstehen Ressentiments und der Eindruck, dass wir IT-Hersteller uns von den eigentlichen Anforderungen entfernt haben. Denn aller Unkenrufe und Marketing-Hypes zum Trotz ist die Zeit der klassischen BI - also die Analyse, die Planung und das Reporting auf Basis aller unternehmensrelevanten Daten - nicht abgelaufen.

Das Gegenteil ist der Fall. Viele Unternehmen erkennen gerade, dass klassische BI überhaupt erst die Basis schafft für weitere Überlegungen in Richtung „vorhersagende Analytik" (Predictive Analytics) etc. Für diese Unternehmen ist die Klassik das brennende Thema und (noch) nicht die Moderne.

Wir auf der Anbieterseite sind deshalb in der Pflicht, nicht nur Innovationshunger zu zeigen, sondern auch Wegbereiter und Berater für unsere Kunden zu sein und Zukunftsthemen in Bezug zur jeweiligen Unternehmensrealität zu setzen. Das wird leider - wie gesagt - viel zu oft vernachlässigt. Das führt zu Unverständnis und dann auch zu Sorgen oder IT-Verdrossenheit.

Competence Site: Könnten Sie diese Diskrepanz zwischen tatsächlicher Herausforderung und Vision an einem konkreten Beispiel skizzieren?

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So bleibt Big Data in der breiten Wahrnehmung eine reine Worthülse ...

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Denken Sie an den monate-, ja fast jahrelangen Diskurs zum Thema „Big Data" in der IT-Szene. Für uns IT-ler ist Big Data ja schon wieder ein alter Hut. Es wurde alles dazu gesagt. Jeder weiß Bescheid. Auf zur nächsten Vision.

Doch die Wahrheit ist: Niemand außerhalb unserer Szene kann wirklich was mit Big Data anfangen. Erst am Wochenende habe ich in einem Wirtschaftsmagazin gelesen, dass laut einer Umfrage im DACH-Raum 70 Prozent der Befragten mit dem Begriff rein gar nichts anfangen können - also noch nicht mal eine vage Vorstellung haben.

Es ist augenscheinlich den Marktkräften nicht gelungen, einen Bezug zu konkreten Anwendungsfällen herzustellen.

So bleibt Big Data in der breiten Wahrnehmung eine reine Worthülse oder, technischer formuliert, eine Enabling Technology, die nicht weiß, wen oder was sie eigentlich befähigen soll. Ich bin mir sicher, dieses Phänomen beschränkt sich nicht nur auf diesen Begriff. Je abstrakter und komplexer ein IT-Thema ist, desto größer wird diese Diskrepanz.

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Weder das sture Beharren auf Traditionen, noch ein allesverschlingender Innovationshunger helfen weiter!

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Competence Site: Was unternehmen Sie, um die erwähnte Brücke zu schlagen?

Wir verfolgen einen dreigleisigen Ansatz:

Zum einen sehen wir es als einer der Pioniere in Sachen Business Intelligence im deutschsprachigen Raum als unsere Aufgabe, stets auch die Anfänge unserer Disziplin nicht aus den Augen zu verlieren und Interessierte für die Entwicklungshistorie zu sensibilisieren. Denn wer nicht weiß, woher er kommt, dem fällt es schwer, aus Erfahrungen zu lernen, Transformationsprozesse einzuleiten und Bewährtes mit Innovativem zu verbinden.

Weder das sture Beharren auf Traditionen, noch ein allesverschlingender Innovationshunger helfen weiter! Vielmehr geht es darum, das Zurückliegende bzw. Bestehende nicht einfach zu streichen und blind das Segel zu setzen, sondern das Erreichte um neue Möglichkeiten zu erweitern, Chancen zu erkennen und zu ergreifen! Da hilft der Blick in den Rückspiegel durchaus sehr.

Zweitens machen wir Interessierte immer wieder darauf aufmerksam, dass BI sich aus verschiedenen Teilbereichen zusammensetzt, die von Anfang an in einer BI-Strategie berücksichtigt werden müssen. Sonst gibt es ein (Projekt-)Ende mit Schrecken. Wir nennen das den BI-Fünfkampf.

Dieser besteht aus den Bereichen Datenmanagement, Datenmodellierung, Data Governance, Datenverteilung sowie Datenvisualisierung & Planung. Wer dieses Gesamtverständnis und sich die Zusammenhänge klargemacht hat, der erkennt schnell, dass BI weit mehr ist, als bloß hübsche KPI-Visualisierungen auf dem neuesten Tablet anzuzeigen. Und was noch wichtiger ist: Derjenige lässt sich auch vom neuesten Hype-Thema nicht mehr ins Bockshorn jagen, sondern lernt, kritisch zu hinterfragen und einzuordnen.

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BI muss dahin, wo Wertschöpfung stattfindet und wo die Anwender sind.

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Und zu guter Letzt: BI muss dahin, wo Wertschöpfung stattfindet und wo die Anwender sind. Das ist die Logik der „Gravitation der Analytik". Ersteres gelingt schon zunehmend. Heißt: BI wird als zentraler Bestandteil von Entscheidungsprozessen verstanden und kommt in andere Umgebungen eingebettet zum Einsatz, um Wege effizient zu verkürzen.

Doch wenn die viel beschworene Digitalisierung gelingen soll, dann müssen auch alle Mitarbeiter - Vorstände, Abteilungsleiter, Spezialisten, operativ tätige Mitarbeiter - gleichermaßen von BI profitieren (können).

Competence Site: Sie sprechen vom Thema Self-service BI ...?

Jein. Der Vorsatz, BI allen Mitarbeitern eines Unternehmens zugänglich zu machen, treibt die Branche nicht erst seit gestern um. Ist sogar ein Grundsatz aus den theoretischen Anfängen von BI. Unter dem Schlagwort Self-Service-BI wurde dieser Diskurs vor einigen Jahren aufgewärmt. Was tatsächlich durch diese Initiative erreicht wurde? BI-Experten und Power Usern wurde der Einstieg in die Datenanalyse weiter vereinfacht. Verbreiterung der Anwenderbasis? Fehlanzeige!

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BI ist in den meisten Fällen in Unternehmen einem kleinen, fast schon elitären Anwenderkreis vorbehalten.

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Zum besseren Verständnis: BI ist in den meisten Fällen in Unternehmen einem kleinen, fast schon elitären Anwenderkreis vorbehalten. Deshalb stagniert auch die Zahl der BI-Anwender seit Jahren bei ca. 13% der Belegschaft [1].

Da gerade mal 15% der heutigen BI-Nutzer von den Self-Service-Entwicklungen profitieren, muss sich niemand wundern, dass die Self-Service-Initiativen nicht den gewünschten Breiteneffekt hatten. Weitere 25% haben Zugriff auf dynamische Reports.

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Die restlichen 60% begnügen sich mit statischen Berichten [2]. Wohlgemerkt: Diese Zahlen beziehen sich auf die 13% der bereits aktiven BI-Anwender. Warum das so ist?

  • BI-Werkzeuge sind schlicht zu teuer, um alle Mitarbeiter eines Unternehmens damit auszurüsten.

  • BI-Werkzeuge sind zu komplex in der Bedienung, als dass alle Mitarbeiter ohne Schulungsmaßnahmen sofort intuitiv damit arbeiten könnten - trotz Self-Service.

  • Eine fehlende datengetriebene Entscheidungskultur verhindert, dass BI stärker in den Fokus rückt.

Was also mit den 87% Nicht-Versorgten tun? Das ist die Gretchen-Frage zur Gravitation der Analytik.

Competence Site: Welche Antwort geben Sie auf diese Frage?

Die Schützenhilfe von Skype, Whatsapp und Co. annehmen. Und von Chatbots ...

Bevor Sie fragen: Messenger-Dienste sind der Anwendermagnet schlechthin. Keine Applikation kann mit vergleichbaren Nutzerzahlen aufwarten. Gepaart mit den Fortschritten im Bereich Künstliche Intelligenz befeuert dies aktuell die Entwicklung sogenannter Chatbots.

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Die Bot-Technologie könnte BI zum Durchbruch in der Anwenderbreite verhelfen und BI für alle im Unternehmen zugänglich und leistbar machen.

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Chatbots sind, einfach ausgedrückt, nicht-menschliche Chatpartner. Mit ihnen lässt sich mittels natürlicher Sprache wie mit einem Menschen kommunizieren. Dahinter stecken textbasierte Dialogsysteme, die auf Schlüsselwörter, definierte Regeln oder via künstlicher Intelligenz auf Nachrichten reagieren.

Der Clou: Bots lassen sich in Messenger-Dienste nahtlos integrieren. Und sie erlauben es, Funktionen außerhalb des Messengers anzusteuern. Erste Bots erweitern die Chat-Funktionalität um BI. Nutzer können in Echtzeit dynamische Anfragen gegen ein BI-System schicken - per natürlicher Sprache.

Das Ergebnis zeigt der Bot direkt im Chat an. Jeder, der chatten kann, kann nun also von BI profitieren. Kein Schulungsaufwand, keine Vorkenntnisse nötig. Einfacher geht es nicht. Die Bot-Technologie könnte BI zum Durchbruch in der Anwenderbreite verhelfen und BI für alle im Unternehmen zugänglich und leistbar machen.

Competence Site: Viele Anwender sind schlicht überfordert von der schieren Masse an (neuen) Tools, Konzepten und Anforderungen. Sind Chatbots das Silver Bullet nach dem sich also so viele sehnen?

Nein, wir glauben nicht an die Silberkugel für alle Probleme. Auch wenn ich verstehen kann, dass viele froh wären, wenn es sie gäbe. Aber die Erfahrung zeigt, es gibt nicht das eine, allein glückseligmachende Werkzeug.

Alle angesprochenen Teilbereiche sind wichtig, um eine moderne und erfolgreiche Organisation aufzubauen. Eine zentrale Plattform ist als Ausgangsbasis und Einstieg sinnvoll und richtig, aber punktuell wird diese immer ergänzt werden müssen, gerade wenn es um die zu Anfang angesprochenen Themen wie Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge und Industrie 4.0 geht.

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Auch die BI-Geschäftsmodelle und die Preis- und Lizenzmodelle müssen sich den wandelnden Gegebenheiten ... anpassen.

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Doch nicht nur die Technologie ist entscheidend. Auch die Geschäftsmodelle und die Preis- und Lizenzmodelle müssen sich den wandelnden Gegebenheiten immer wieder anpassen. Nur so können in einem Unternehmen alle Mitarbeiter, Geschäftspartner und sogar deren Kunden von der Leistungsfähigkeit von Business Intelligence profitieren.

Ob auf dem Werksgelände oder unterwegs im Vertrieb: Überall können interaktiv am Prozess die Berichte und Informationen oder Hinweise genutzt werden, die notwendig sind, um durch diese leistungsfähigere Unterstützung einen ganz wesentlichen Hebel auf die bisherige Wertschöpfung zu realisieren.

Business Intelligence amortisiert sich so ganz schnell durch den Mehrwert und die höhere Leistungsfähigkeit der Teams. So wird eine BI-Plattform am Ende zur Plattform für eine Smartere Organisation, die Business Intelligence aus der Experten-Nische befreit.

Competence Site: Wie nah ist die Smarte Organisation? Viele Blütenträume scheinen nur in einer sehr fernen Zukunft zu reifen. Wie ist es mit der Smarten Organisation? Wer wird diese Innovation vorantreiben?

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Nicht immer passiert Innovation zuerst im Silicon Valley. Manchmal genügt ... einfach eine Reise ins oberbayerische Rosenheim!

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Die Zukunft der Smarten Organisation ist für uns nicht ganz neu. Mit Stolz können wir sagen, dass wir als erster Anbieter weltweit die Chatbot-Technologie produktiv eingesetzt haben. Nicht immer passiert Innovation zuerst im Silicon Valley. Manchmal genügt auch einfach eine Reise ins oberbayerische Rosenheim! Wir sind sehr optimistisch, dass die Branche unserem Vorbild recht bald folgen wird. Es bleibt also durchaus spannend.

Vielen Dank für das Gespräch!

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[1] Vgl. BARC: The BI Survey 16; 8ff.

[2] Vgl. BARC: The BI Survey 16; 8ff.

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