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16/10/2015 08:13 CEST | Aktualisiert 16/10/2016 07:12 CEST

Ja, die Angst vor den Flüchtlingen ist begründet, die vor den Deutschen auch

Eric Crama via Getty Images

Die Angst geht um. Flüchtlinge drängen zu Tausenden pro Tag über die Grenzen. Die Auffanglager - Entschuldigen Sie: Transitzonen - sind überfüllt. Die Helfer kommen nicht mehr hinterher und es ist kein Ende in Sicht.

Nicht nur die Neo-Nazis mit ihrer rechten Agenda haben ein Problem damit. Auch viele - nennen wir sie die normalen - Deutschen fürchten sich vor den Folgen der Masseneinwanderung.

Die Flüchtlinge würden das Land finanziell in den Ruin treiben, den Deutschen dann die Arbeitsplätze wegnehmen - und noch schlimmer: ihre eigene Kultur mitbringen und sich nicht an die deutschen, westlichen Werte anpassen. Die gehen damit doch den Bach runter. Denken Sie nur an Stichworte wie: Islamisierung und Gewaltbereitschaft.

Gewalt und Terror

Denn das ist für viele klar: Flüchtlinge sind gewalttätig. Die Zahl der Gewalttaten ist unter Flüchtlingen und Einwanderern deutlich höher als unter Deutschen. Geht Deutschland also bald in Gewalttaten und Terror unter?

Das sind nur einige der Befürchtungen, die in der Debatte um die Flüchtlingsproblematik regelmäßig aufkommen. Und ich möchte diese Argumente weder bestärken noch entkräften. Eines ist für mich aber absolut logisch nachvollziehbar: Die Flüchtlinge sitzen in ihren Zelten oder Turnhallen oder Containerunterkünften und haben nichts zu tun.

Sie warten, können sich keine Ziele machen und haben keine Ahnung, wie ihre Zukunft aussehen wird. Das Problem daran ist: Ohne Ziele und ohne Tätigkeit landet jeder Mensch früher oder später in einer Depression - oder eben in Gewalt.

Sind die Ängste der deutschen Bürger also begründet?

Selbstverständlich! Aber nur, solange sie Angst haben. Verstehen Sie nicht? Der Zusammenhang ist einfach: Angst ist die Annahme von einer Zukunft mit schlechtem Ausgang. Diese negative Annahme steuert die Wahrnehmung, also was der Mensch in seinem Umfeld überhaupt bemerkt.

So wie Frauen mit Kinderwunsch überall Schwangere sehen, achten diejenigen, die sich vor den negativen Folgen der Einwanderung fürchten, eben hauptsächlich auf Schlägereien in Flüchtlingsheimen. Diese selektive Wahrnehmung beeinflusst dann maßgeblich ihre Realität.

Und zudem: Unter Angst produziert der Mensch Adrenalin. Und Adrenalin führt zu einer Denkblockade, weil sämtliches kreative Denken abgestellt und durch bloßen Reaktionsmus ersetzt wird.

Das bedeutet: Solange die Deutschen Angst davor haben, dass das Land unter der Last der Flüchtlinge zusammenbricht, fehlt ihnen jegliche Kreativität, sich einen anderen Ausgang vorzustellen. Oder kurz: Ihnen fällt nichts Besseres ein. Und das führt natürlich dazu, dass keine neuen Möglichkeiten entstehen, diesen Ausgang abzuwenden. So wird die negative Prognose tatsächlich Realität.

Nur wie befreien Sie sich von dieser hemmenden Angst?

Wie heißt es im Volksmund? Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Wenn Sie sich also bewusst machen, dass Ihre Angst nichts ist außer der Annahme, dass die Flüchtlingssituation eskalieren wird, können Sie ruhig und aktiv darüber nachdenken, wie sie anders ausgehen könnte.

Und je mehr Menschen das verstehen, desto mehr Ideen wird es geben, wie das Land oder die Kommunen oder auch einzelne lokale Vereine die Flüchtlingsproblematik anders angehen können - und das Land dadurch sogar einen Nutzen daraus ziehen kann.

Denn ein Punkt ist ganz wichtig: Die Bürger haben Angst, was mit dem Land passiert, und die Flüchtlinge haben Angst, was mit ihnen passieren wird. Da treffen gleich zwei Angstpotenziale aufeinander. Daraus kann nichts Gutes entstehen, weil beide Seiten reaktiv sind und sich lediglich einen Schlagabtausch liefern, um die eigene Position zu verteidigen.

Das kann nicht gut gehen. Also werden Sie sich Ihrer Angst bewusst, haben Sie klar vor Augen, dass Sie den Ausgang beeinflussen können - und dann arbeiten Sie kreativ daran, eine Lösung für das Problem zu finden.

"Dankbarkeit heißt Integration": Müssen Flüchtlinge den Deutschen dankbar sein?

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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