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22/11/2015 09:41 CET | Aktualisiert 22/11/2016 06:12 CET

10 Jahre Merkel: Unser Land braucht ein Gefühl von Sicherheit

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Seit 10 Jahren regiert Angela Merkel das Land. In der Huffington Post beantworten Politiker, Flüchtlinge, Studenten, Prominente und andere die Frage: Wie hat sich Deutschland seitdem verändert? Alle Stimmen könnt ihr hier lesen.

Angela Merkel hat einen erstaunlichen Weg hinter sich: Von der DDR-Bürgerin zur führenden Politikerin Europas - egal wie man einzelne Entscheidungen von ihr bewerten mag - das ist ein großer Erfolg, und das zeigt auch, dass sie in ihrem politischen Leben sehr vieles richtig gemacht hat.

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Ich habe sie als einen hochintelligenten Menschen kennengelernt. Sie durchdenkt Dinge gründlich - und kann doch nahezu sprunghaft ihre Meinung ändern.

Die Energiewende ist so ein Fall: Die Entscheidung für diesen radikalen Schritt kam quasi über Nacht - selbst Menschen, die eng mit ihr zusammengearbeitet haben, ahnten damals nichts von diesem radikalen Kurswechsel. Mich hat die Entscheidung daher sehr überrascht.

Keine Kurzschlussreaktion

Gleichzeitig bin ich aber davon überzeugt, dass es keine Kurzschlussreaktion war. Sie hat ein generelles Unbehagen gegenüber der Kernenergie in der Bevölkerung aufgegriffen, das sie schon länger gespürt hat.

Die allgemeine Stimmung hat sicher auch bei ihrer Haltung in der Flüchtlingskrise eine Rolle gespielt. Zunächst äußerte sie sich in der Sache lange nicht. Doch dann hat sie, stärker als bei vielen anderen politischen Themen, Position bezogen. Dabei haben sicher auch die Bilder aus Budapest und das weinende Flüchtlingsmädchen eine Rolle gespielt - soetwas berührt auch Spitzenpolitiker.

Doch dieses Mal hat Angela Merkel meines Erachtens nach die Emotionalität der Menschen unterschätzt. Viele fragen sich ja immer lauter: Wie sollen wir das überhaupt hinbekommen, wenn wir nicht einmal wissen, wie viele Menschen hier sind?

Angela Merkel hat die emotionale Wucht unterschätzt, die die Bilder der Menschenschlangen vor Aufnahmeeinrichtungen auslösen werden.

Vielleicht hat sie auch übersehen, dass Deutschland mittlerweile ein verunsichertes Land ist - auch aus ganz anderen Gründen.

Vordergründig geht es uns gut

Vordergründig geht es uns sehr gut. Die Fast-Nullzinsen, der niedrige Eurokurs und der billige Ölpreis treiben unsere Wirtschaft an. Sie wirken wie staatliche Konjunkturprogramme, bei denen die Wirtschaft mit Geld überschüttet wird. Doch wir wissen aus der Vergangenheit, dass solchen Programmen immer die harte Landung folgt.

Deshalb steht es um die deutsche Wirtschaft in Wirklichkeit nicht so glänzend da wie viele meinen.

Wir haben keine überzeugende Antwort auf die zunehmende Konkurrenz der asiatischen Länder. Genauso wenig sind die Probleme gelöst, die Europa in die Krise getrieben haben, um nur einige Probleme zu nennen.

Deutschland fehlt ein Leitbild, das Ernstnehmen der sozialen Marktwirtschaft - das merken wir gerade mehr denn je.

Im Zeichen der Krisenbewältigung

Die Regierungszeit Merkel ist eher gekennzeichnet von Krisenbewältigung. Wir haben Ländern in ganz Europa erklärt, wie sie sich für die Zukunft aufstellen sollen: Griechenland, Irland, Portugal. Doch wir haben dabei vergessen, diese Frage ebenso für Deutschland zu beantworten.

Dieser Blick in die Zukunft gehört zu Angela Merkels Schwächen. Wir haben auch in unserer gemeinsamen Koalition nicht die entscheidenden Reformprojekte umsetzen können: Mit der Steuerpolitik sollte eine andere Relation zwischen Privatheit und Staat hergestellt werden. Das war mit ihr nicht zu machen.

Es ist nicht einmal so, dass sie es nicht könnte. Sie hat ja vor gut zehn Jahren selbst radikale Vorschläge für eine Steuerreform propagiert.

Doch das hat ihr fast die Kanzlerschaft gekostet. So etwas will sie nie wieder erleben. Damals hat sie verstanden, dass die Deutschen ein Volk sind, das lieber eine Kanzlerin will die verwaltet und nicht zu viel ändert.

Chancen erkennen

So ticken sogar einige unserer großen Unternehmen: Sie verwalten lieber Marktanteile, als zu kämpfen. Das ist gefährlich. Denn in Asien und den USA gibt es sehr viele neue Player, die bereit sind, es mit den großen, traditionellen Playern aufzunehmen. Das sehen wir zum Beispiel in der Automobilindustrie.

Für die Zukunft unseres Landes ist das Erkennen von Chancen und nicht nur von Risiken entscheidend.

Diese fehlende Idee, wie unsere Zukunft aussehen kann, sorgt aber für Unsicherheit. Ich würde sogar sagen, dass dieses Gefühl verantwortlich ist für die zunehmende Abstiegsangst vieler Menschen in unserem Land. Und die entsteht immer dann, wenn die Menschen nicht mehr das Gefühl haben, dass sie es selbst schaffen können. Das nagt an ihrem Selbstwertgefühl.

Wird es Angela Merkel gelingen so ein Gefühl herzustellen? Ich weiß es nicht.

Klar aber ist auch: Es wird nicht bei diesen zehn Jahren bleiben. Sie hat den Willen zur Macht. Und deshalb ist nach Vorn hin viel offen.

10 Jahre Merkel

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