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12/11/2015 07:10 CET | Aktualisiert 12/11/2016 06:12 CET

So offen und ehrlich spricht eine Frau über ihre Depression

WIN-Initiative via Getty Images

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Als ich im vergangenen Jahr bekannt gab, dass ich lange an einer schweren Depression gelitten hatte, sagte man mir oft, wie mutig ich sei.

Das hat mich beunruhigt. Wenn ich mutig war, hieß das ja, dass ich eigentlich etwas zu verbergen gehabt hätte. Hätte man mich auch mutig genannt, wenn ich verkündet hätte, an Diabetes erkrankt zu sein?

Psychischen Krankheiten haftet nach wie vor ein Stigma an. Daher trauen sich so wenig Erkrankte, darüber zu sprechen. Ich weiß, wovon ich rede. Denn als Botschafterin der Organisation SANE habe ich schon viele Reden zu dem Thema gehalten. Meine Biographie "Black Rainbow" ist vergangenen April erschienen. Ich frage mein Publikum oft: Können Sie mit ihrer Erkrankung ganz offen umgehen? In der Familie, am Arbeitsplatz? Die Antwort ist oft: Nein.

Der Grund dafür liegt darin, dass viele Erkrankte den Eindruck haben, sie hätten in irgendeiner Form versagt. Und unsere Gesellschaft ist nicht sehr offen für Menschen, die als Versager wahrgenommen werden.

Es ist uns peinlich, wenn Dinge falsch laufen. Wir haben Angst, verurteilt zu werden, lächerlich gemacht zu werden. Viele Personen des öffentlichen Lebens, Politiker, Sportler oder auch Schauspieler, wollen nicht als verletzlich wahrgenommen werden. Sie wollen nicht als menschlich wahrgenommen werden.

Vor Kurzem haben ich mit einem sehr bekannten britischen TV-Moderator über meine Erkrankung gesprochen. Auch er hatte einen psychischen Zusammenbruch gehabt, aber hatte sich aus Angst nicht öffentlich dazu geäußert - er wollte nicht, das dieser Teil seines Lebens seine Karriere negativ beeinflusst.

Wenn wir dieses Stigma also wirklich abschaffen wollen, muss es uns gelingen, Menschen davon zu überzeugen, dass Erfolg nicht bedeutet, ein "perfektes" Leben zu führen. Wir müssen vielleicht etwas von der positiven Einstellung übernehmen, die es in den USA zu dem Thema gibt. Dort wird in unzähligen Workshops, Seminaren und Konferenzen "die Kunst, Fehler zu machen" gefeiert.

US-Autoren schreiben Bücher mit Titeln wie "Warum Erfolg immer mit Fehlern beginnt", dort wurde auch folgender Begriff geprägt: "failing up", also "nach oben scheitern". Dahinter steckt die Idee, dass Hürden auf unserem Weg auch als Stufen nach oben gesehen werden können.

Scheitern, Fehler, auch Leid, macht uns zu dem, der wir sind. Ich bereue es nicht, schwere Depressionen gehabt zu haben. Es war zwar eine grauenvolle Zeit, aber sie hat mein Leben letztendlich positiv beeinflusst.

Dank der Krankheit musste ich ganz neu lernen zu leben. Ich fühle mich jetzt gut, und manchmal kommt es mir sogar so vor, als liefe ich auf Sonnenstrahlen. Wäre ich nicht so krank gewesen, hätte ich mein Leben nicht geändert und hätte nicht gelernt, bewusster und mit mehr Sinn zu leben.

Mittlerweile nutze ich einen bunten Strauß an Strategien, um sicherzustellen, dass ich glücklich bleibe. Wir alle wissen ja eigentlich, dass wir Sport machen sollten, um fit zu bleiben. Aber ich habe auch gelernt, wie wichtig es ist, auf die psychische Gesundheit zu achten. Es gibt viele kleine Schritte, die ich gehe, um sicherzustellen, dass ich auf dem Boden bleibe. So habe ich für mich eine Umgebung geschaffen, in der Glück ganz unerwartet hervorkommt, wie der wundervolle Dichter Raymond Carver es mal formulierte.

Viele dieser Strategien sind beeinflusst von buddhistischer Philosophie, die wir im Westen mit "mindfulness" oder Achtsamkeit umschreiben. Ein Beispiel: Bevor ich meinen ersten Zusammenbruch hatte, war ich jemand, der entweder die Vergangenheit bereute oder über die Zukunft grübelte. Aber dank verschiedener Atemübungen habe ich gelernt, dem jetzigen Moment mehr Aufmerksamkeit zu widmen und ihn so ganz neu zu genießen.

Andere Änderungen, die ich vorgenommen habe, haben etwas mit meiner Ernährung zu tun. Denn mir wurde die Verbindung zwischen Geist und Ernährung immer bewusster. Ich bin fest davon überzeugt, dass Vitamin-D-Präparate in unserem Klima wichtig sind. Auch glaube ich an die stimmungsaufhellende Wirkung von Vitamin B.

Aber ganz grundsätzlich glaube ich, dass ich einfach "Scheitern" ganz anders wahrnehme. Mittlerweile nehme ich es an - ich bin dankbar für jede Lektion, die ich lerne und für jeden kleinen Umweg, den ich nehmen muss.

Meine eigene Krankheit hat mir einen Traum geschenkt - und mit diesem Traum möchte ich anderen helfen.

Mittlerweile fühle ich mich wirklich mutig. Nicht dafür, dass ich etwas, das viele schamhaft verschweigen, nach außen getragen habe, sondern dafür, dass ich diese Mauer des Schweigens angesprochen habe. Mich selber erklärt habe und andere dabei unterstütze, es auch zu tun.

Dieser Text erschien zunächst auf Action for Happiness und wurde von Gunda Windmüller aus dem Englischen übersetzt.

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