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30/10/2015 16:03 CET | Aktualisiert 30/10/2016 06:12 CET

Pfarrer: Hört endlich auf Halloween zu verteufeln!

Jag_cz via Getty Images

Strenge Christen und konservative Kulturwahrer in Europa verteufeln seit Jahren Halloween als „Dämonisierung und Amerikanisierung" unserer Jugend. Blödsinn findet der altkatholische Priester Peter Priller und weist auf die positiven Aspekte des Festes hin. Text: Peter Priller

Gleich vorab sei es gesagt: möchte ich mal eine Lanze brechen für - ihr werdet euch wundern - ja für Halloween! Und ihr werdet euch auch wundern, was das mit Spiritualität/Kirche und meinem Beruf als altkatholischer Seelsorger oder mit der gay-community zu tun hat.

Vor allem im deutschen Sprachraum wird Halloween von konservativen Christen katholischer wie auch evangelischer Couleur gern verteufelt, zumindest angefeindet. Von „Amerkanisierung" ist da zu hören und zu lesen, bis hin zu „Dämonisierung" Auch im romanischen Bereich begegnet man Halloween nicht gerade überall mit Begeisterung: „Non credoin Halloween, credo in Gesù Christo" hab ich neulich auf der Facebookseite eines mir bekannten italienischen Priesters gelesen.

Blödsinn kann ich da nur sagen. Ob Halloween tatsächlich aus dem keltischen Samheinfest hervorgegangen ist, lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Die ursprüngliche Verbreitung vor allem in keltisch besiedelten Gebieten würde dafür sprechen. Doch Achtung! Keltisch besiedelt war das heutige Süddeutschland und Österreich vor der letzten großen Völkerwanderung auch. Also wenn, dann ist Halloween keine Neueinführung, sondern höchstens eine Art „Reimport".

Und auch, wenn es manche Lutheraner nicht gern hören, weil sie das Reformationsfest von Halloween bedroht sehen, der jetzige Termin ist definitiv christlich: „All HallowsEvening" = Der Abend aller Heiligen. Nun verstand man, gut paulinischer Tradition folgend, unter „Heiligen" ursprünglich ganz sicher keine moralinsauren Tugendbolde, die auf Erden nur gut waren („Gutmenschen"?) und die nach dem Tod auf Wolke 7 „Hosianna" singen. Heilige, das bist du und ich, und das sind Menschen, die vor uns gelebt haben, mit Makeln, Ecken und Kanten.

Im normalen gesellschaftlichen Leben wird der Tod meist verdrängt, ausgeblendet, übergangen. „Das große schwarze Loch", über das man nicht spricht. Kein Wunder, dass sich das unterdrückte Wissen um die eigene Endlichkeit woanders Luft macht, zum Beispiel in der weiteren Verbreitung von Halloween. Da ist es zwar völlig säkularisiert und den allerwenigsten „Kürbisköpfen", die da mehr oder weniger wilde Partys feiern ist der Zusammenhang mit dem darauf folgenden Feiertag Allerheiligen bewusst. Doch der Zusammenhang besteht, ob wir es wahrnehmen oder nicht.

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Und ich mag auch Allerheiligen. Das hat andere Wurzeln, hier handelt es sich um ein ursprünglich römisches Märtyrerfest (Weihe des Pantheons als Kirche aller Märtyrer). Doch aus der Verbindung des keltischen Halloween und des römischen Aller-Märtyrer-Fests ist eine Art „herbstliches Osterfest" geworden.

Die dunkle Seite, Halloween, sollte dabei nicht ausgeblendet werden. Auch Ostern ist ohne den Karfreitag nicht zu haben. Und einen guten Monat nach Allerheiligen wird die Lichtgestalt des heiligen Nikolaus vom dunklen Krampus, Knecht Ruprecht, von Perchten, Buttenmandeln und anderen dunklen Gestalten begleitet.

Ich frage mich: Liegt der Sinn von Religiosität nicht auch darin, Licht und Dunkel zusammenzubringen?

Das Helle, wie das Dunkle als Teil dieser Welt, als Teil der eigenen Persönlichkeit zu begreifen und zu bejahen ist Lebenshilfe im besten Sinn.

Vielleicht fehlt unserer christlichen Religiosität und Spiritualität die Auseinandersetzung mit der Schattenseite, mit dem Dunklen, mit dem nicht begreifbaren. Und selbst den Tod in seiner Bedrohlichkeit „beten" wir dann gern mal schnell weg und wenden uns schnell den Spekulationen über „das Danach" zu, anstatt den Tod in seiner Unbarmherzigkeit und seiner Barmherzigkeit, seiner Ungerechtigkeit und seiner Gerechtigkeit zu betrachten.

Franz von Assisi hat den Tod noch „Bruder Tod" genannt. Das Mittelalter war manchmal weiter als wir heute.

Viele schwule Männer, bzw. homosexuelle Menschen überhaupt, kennen das aus der eigenen Persönlichkeitsentwicklung. Der Drang hin zum eigenen Geschlecht, die damit zusammenhängenden Phantasien - über Jahrhunderte von allen Autoritäten verteufelt - verlieren genau dann ihr Unheimliches, wenn wir diesen Drang und diese Phantasien ernstnehmen, annehmen und auch gutheißen. Und so ist es mit vielen Emotionen und Fähigkeiten in uns: Aggression, Wut, Lust usw.

Und noch ein Punkt fällt mir zu dem Thema ein: Gerade wir schwulen Männer, so von 45 aufwärts, hätten eigentlich eine riesen Chance uns dem Thema Tod und Endlichkeit zu stellen. Wir sind alle von HIV betroffen, ganz egal, ob wir selbst infiziert sind oder nicht.

Keine gesellschaftliche Gruppe hat so viele Verluste an geliebten Menschen, an Freunden und Bekannten, Weggefährten, Mitstreitern hinnehmen müssen, wie die schwulen Männer in den 1980er und 1990er Jahren. Ich denke, es ist heilsam für uns heute, an die zu denken, die damals buchstäblich hinweggerafft wurden aus der Mitte des Lebens heraus.

Heute ist die Medizin weiter - Gott sei Dank - eine HIV-Diagnose ist längst kein „Todesurteil" mehr. Doch sterben werden wir trotzdem, wie alle anderen Menschen auch - früher oder später. Die AIDS-Toten von damals könnten uns helfen, zu wachsen, zu reifen und ganz zu werden.

Egal, ob wir am 31. Oktober eine wilde Halloween-Party feiern, oder an Allerheiligen und Allerseelen zum Friedhof gehen, oder sogar beides: Wer das Dunkle ins Licht holt, bringt auch Licht ins Dunkel. In diesem Sinn: Happy Halloween!

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