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06/02/2016 09:28 CET | Aktualisiert 06/02/2017 06:12 CET

Legale Spätabtreibungen

KIRILL KUDRYAVTSEV via Getty Images

WARNUNG!!!!

Dieser Beitrag ist wirklich nichts für zarte Gemüter. Aber mir liegt es am Herzen auch darüber aufzuklären. Bitte nur weiterlesen, wenn du wirklich etwas wegstecken kannst! Ich weiß, dass es sehr viel Text ist, aber ich hoffe, dass die, die sich trauen das ganze zu lesen, es auch tun und so mit helfen können aufzuklären! Ich habe bewusst keine Bilder verwendet sondern nur Text, da es sonst zu viel des Guten gewesen wäre. Mir steckt es noch Tage später in den Knochen.

Ich habe ein Buch gelesen: Tim lebt!

Wer ist Tim?

Tim ist ein ganz besonderer Mensch. Sein Geburtstag sollte sein Todestag sein. Ein kleiner Junge, der im Sommer 1997 seine eigene Abtreibung überlebte. Wegen eines genetischen Defektes - Trisomie 21, auch Down-Syndrom oder Mongolismus genannt - hatten sich seine Eltern in der 25. Schwangerschaftswoche für

eine Abtreibung entschieden. Tim kam aber lebend zur Welt - 690g schwer und 32cm groß.

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Man ließ ihn liegen - ohne medizinische Versorgung - , packte ihn lediglich in warme Tücher und befreite regelmäßig die Atemwege. Erst als er nach 10 Stunden immer noch lebte, brachte man ihn auf die geburtshilfliche Intensivstation. Heute hat Tim neben der Trisomie, der der Grund für seine Abtreibung war, zusätzlich schwerste Behinderungen als Folge der versuchten Abtreibung. Vielleicht hast du den Bericht über Tim im Fernsehen gesehen. Es lässt mir keine Ruhe, dass so etwas möglich ist und vor allem WIE!

Das Buch hat mich aufgewühlt und schrecklich zum Weinen gebracht. Es freut mich das es Tim jetzt gut geht und er eine tolle Familie hat. Aber Wieso darf man das? Natürlich gibt es Gründe, bei denen es wirklich in Ordnung ist, aber so, wie es zurzeit ist, gibt es viel zu viel Spielraum und das ist es, was mich wahnsinnig macht!

Ein paar Fakten zur Spätabtreibung:

1. Der Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland nach § 218 des Strafgesetzbuches im Allgemeinen rechtswidrig. Es ist jedoch nach § 218a StGB in einer Reihe von Ausnahmefällen Straffreiheit möglich.

2. Ein Spätabbruch ist in Deutschland und in den meisten anderen Ländern nur erlaubt, wenn eine medizinische Indikation vorliegt, das heißt eine Gefährdung der körperlichen oder psychischen Gesundheit der Frau (mütterliche Indikation).

Finde ich soweit okay, wenn es wenigstens nach ärztlichem Attest wäre, ist es aber nicht. Wenn ich zum Beispiel mit einem Trisomie-Kind schwanger bin und da einfach kein Bock drauf habe, kann ich sagen, dass ich mir sonst das Leben nehme, ob ich es ernst meine oder nicht bleibt dahin gestellt.

3. Ein Spätabbruch ist, allein weil eine schwerwiegende Fehlbildung oder Behinderung des Fötus (embryopathische Indikation ) oder wenn das Kind nach einer Geburt nicht lebensfähig wäre, nicht zulässig (gem. § 218 a StGB).

4. Das Risiko für ein Kind in Deutschland im Mutterleib getötet zu werden, ist um ein

Hundertfaches höher, als bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen

5. Gesetzliche Grundlagen

Mit der Neuregelung des § 218, am 29. Juni 1995, wurde die "embryopathische" Indikation abgeschafft. Diese Indikation stellte eine Abtreibung aus eugenischen Gründen, das heißt wegen einer vermuteten Behinderung des Kindes, bis zur 22. Woche p.c. straffrei.

Damit sollte, so die offizielle Wortregelung, der Forderung von Behindertenverbänden und Kirchen nachgekommen werden, behinderte Menschen nicht zu diskriminieren. In Wirklichkeit ist die embryopathische Indikation in der erweiterten medizinischen Indikation integriert worden und die zeitliche Begrenzung wurde aufgehoben. Spätabtreibungen sind seit dieser Zeit bis unmittelbar vor der Geburt rechtmäßig, wenn die Bedingungen nach § 218 a Abs. 2 erfüllt sind.

Die "erweiterte" medizinische Indikation:

In der aktuellen Fassung des § 218 a Absatz 2 StGB heißt es:

"Der mit Einwilligung der Schwangeren von einem Arzt vorgenommene Schwangerschaftsabbruch ist nicht rechtswidrig, wenn der Abbruch der Schwangerschaft unter Berücksichtigung der gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse der Schwangeren nach ärztlicher Erkenntnis angezeigt ist, um eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden und die Gefahr nicht auf andere, für sie zumutbare Weise abgewendet werden kann."

(es geht NUR um die Mutter, NICHT um das Kind...)

Soweit so "gut"

Jetzt sollten empathische Menschen aufhören zu lesen.

Gehen wir mal ans Eingemachte:

Spätabtreibungen nennt man einen Schwangerschaftsabbruch, der nach der 23. Schwangerschaftswoche erfolgt. Das Kind ist zu diesem Zeitpunkt bereits lebensfähig. Trotzdem sind Spätabtreibungen nach deutschem Gesetz zulässig und werden fast täglich durchgeführt. Der Eingriff ist für die Mutter beschwerlich, auch das Kind erleidet hierbei Schmerzen.

Methoden der Spätabtreibung, die in Deutschland angewendet werden, sind die Prostagladinmethode, die Kaliumchloridmethode und der Kaiserschnitt. Bei der Prostagladinmethode wird eine Frühgeburt eingeleitet. Das Kind wird „geboren", indem die Mutter es zur Welt bringt. Sie spürt hierbei das Treten des Kindes in seinem Todeskampf und hört oft auch die Schreie ihres Kindes.

Mit der Kaliumchloridmethode soll das Überleben des Kindes nach der Geburt verhindert werden. Hierzu wird die Bauchdecke der Frau mit einer langen Nadel punktiert und diese Nadel wird unter Ultraschallsicht in das Herz des Ungeborenen gestochen. Das Herz des Kindes hört sofort auf zu schlagen, da Kaliumchlorid die Reizleitung am Herzen unterbindet.

Ein Kaiserschnitt als Abtreibungsmethode wird heute noch angewandt, wenn es unter der eingeleiteten Fehlgeburt zu Problemen kommt.

Neun von zehn behinderten (oder möglicherweise behinderten) Kindern werden abgetrieben.

Auch wenn nur die Vermutung einer Behinderung des Kindes gegeben ist, darf die Schwangerschaft abgebrochen werden und das bis zur Geburt, offiziell natürlich nicht weil das Kind behindert ist, sondern - wie es im Gesetz heißt - unter Berücksichtigung der gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse der Schwangeren und um die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen und seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden und die Gefahr nicht auf andere, für sie zumutbare Weise abgewendet werden kann.

In der Praxis ist es jedoch nicht immer möglich eine Fehlbildung frühzeitig sicher festzustellen. Deshalb entscheiden sich einige Frauen/Paare dazu, einen Abbruch auch bei großer Wahrscheinlichkeit einer schweren Beeinträchtigung durchzuführen. Außerdem kommt es auch zu Fehldiagnosen, sodass von Schwangerschaftsabbrüchen auch ein in der offiziellen Statistik nicht ausgewiesener Anteil gesunder Föten betroffen ist und schwere Behinderungen, die einen Abbruch rechtfertigen könnten, unentdeckt bleiben.

Eine Untersuchung an der Charité (Berlin) von 2003 stellte bei einer Analyse früherer wissenschaftlicher Arbeiten erhebliche Schwankungen in der Fehlerquote verschiedener diagnostischer Verfahren fest. Bei unerfahrenen Diagnostikern zum Beispiel bis zu 80% nicht entdeckte morphologische Fehlbildungen durch Sonografie (gegenüber möglichen 10% bei damit sehr erfahrenen Ärzten). Bezogen auf die durchgeführten Abbrüche kommt die Untersuchung für die Universitätsklinik Charité auf einen Wert von 6% der Abbrüche, die aufgrund falsch positiver Diagnosen (das heißt die diagnostizierten Fehlbildungen lagen gar nicht vor) durchgeführt wurden, bei Einsatz aller diagnostischen Verfahren.

statistik

Bis 1994 wurden jährlich 24 Schwangerschaftsabbrüche nach der 22. Schwangerschaftswoche wegen Lebensgefahr der Mutter in Deutschland durchgeführt, nach Einführung des neuen Gesetzes werden aber nach Einschätzung von Experten bis zu 800 Kinder jährlich im lebensfähigen Alter abgetrieben. (Die Zahl stammt aus dem Jahre 2002. Wie viele es heute tatsächlich sind, weiß ich nicht).

Nun etwas persönliches dazu

Als meine Tante damals mit meiner Cousine schwanger war, wurde meiner Tante eröffnet, dass meine Cousine laut Ultraschall Missbildungen hätte. Ihr wurde nahe gelegt, abtreiben zu lassen, was will sie auch mit einem vielleicht schwer behindertem Kind. Tage hat meine Tante überlegt und sich zum Glück für ihre Tochter entschieden. Meine Cousine wohnt mittlerweile mit ihrem ersten Freund zusammen, hat einen tollen Schulabschluss und ist kerngesund!

An sich ist die Pränataldiagnostik eine gute Sache, sicherlich werden sich mit den Jahren zunehmend therapeutische Möglichkeiten hieraus eröffnen - schon heute kann man einige Krankheiten des Kindes bereits im Mutterleib behandeln (zum Beispiel Bluttransfusionen verabreichen, operative Eingriffe bei bestimmten Nieren- und Herzmissbildungen, auch schon bei Spinabifida Kindern mit offenem Rücken) oder man kann Vorkehrungen für die Geburt oder die Zeit danach für ein behindertes Kind treffen.

Ist die Frau oder die Familie nach der Geburt mit einem kranken oder behinderten Kind überfordert, dann muss gegebenenfalls der Sozialstaat die Last erleichtern oder abnehmen (durch Pflegehilfe, Heimunterbringung oder ähnliches). Auch die Freigabe eines behinderten Kindes zur Adoption wäre möglich. Dies wäre eine zumutbare und rechtsstaatliche Lösung, nicht jedoch die Erlaubnis, ein Kind umzubringen. Schwer geschädigte Unfallopfer, die ständiger Betreuung und Pflege bedürfen, werden ja schließlich auch nicht zur Tötung freigegeben, oder?

In der heutigen Zeit stehen Mütter beziehungsweise Eltern so unter Druck ein gesundes nicht behindertes Kind zur Welt zu bringen, dass ich die Mütter zum Teil echt verstehen kann, leider.

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