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25/12/2015 10:26 CET | Aktualisiert 25/12/2016 06:12 CET

Politisches Schwarzfahren unserer Zeit

dpa

Es gibt Vorstellungen, Gefühle und Anschauungen, die uns vergiften, weil sie uns voneinander trennen. Sie führen zu einer Zersprengung der Öffentlichkeit, die der Katastrophe auf dem Mittelmeer seelenruhig zusehen kann - und dort nichts mehr sieht. Wenige verstehen überhaupt, was diese Katastrophe mit uns zu tun hat. Was sie aus uns macht. Das Ausmaß an Gleichgültigkeit benötigt eine Toxikologie.

Anspruch auf moralischen Fortschritt


Das Blumenmeer nach dem Tod von Lady Di oder Michael Jackson, die Massenaufläufe bei königlichen Hochzeiten, mit Liveübertragungen auf allen Kanälen, der mediale Crash vor einer Klinik, in der Michael Schumacher liegt - diese medialen Ikonen unserer modernen Anteilnahme sind die passenden Kontrastfolien zur Teilnahmslosigkeit gegenüber den Mittelmeertoten. Die Bilder der Särge passen so gar nicht zu dem Bild, das wir von uns selbst haben. Sie verkörpern das Kollabieren unseres Anspruchs auf moralischen Fortschritt. Das gilt auch im umfassenderen Sinn.

Wurden wir schon einmal in Gruppen zusammengetrieben? Hatten wir schon einmal Angst, an Ort und Stelle vergewaltigt zu werden? Haben wir schon einmal unsere eigene Vernichtung gefürchtet? Das größte Infrastrukturprojekt unserer Zeit ist eine gigantische Schallmauer um Europa herum. Dieser Schallschutz ist mentaler Art und schützt uns davor, die Hilfeschreie weiter hören zu müssen. Wir wollen nicht zum Ort der Schreie und Leiden dieser Welt werden. Wir wollen selbst noch etwas zum Schreien und Leiden haben.

Wie sollen wir der nächsten Generation erklären, dass wir die Mittel besaßen, Krieg, Hinrichtung, Vergewaltigung und Hunger zu stoppen, uns aber nicht dazu durchringen konnten, etwas zu tun?

Waren wir schon einmal vollkommen rechtlos? Hat schon einmal jemand auf uns geschossen? Ist unsere Mutter schon einmal beinahe verhungert, weil sie uns durchfüttern wollte? Glaubten wir schon einmal, der Tod wäre die Erlösung?

Dass Millionen Menschen auf ihren Sofas dahinschlummern, in Gedanken vielleicht bei nichts anderem als ihrer Reisekrankenversicherung, während die Fernsehnachrichten ihnen in drastischen Bildern zeigen, welches Inferno sich in Syrien abspielt, macht uns zu einer Zivilisation mit hässlichen Zügen.

Ich will in so einem Land eigentlich nicht leben. Wie sollen wir der nächsten Generation erklären, dass wir die Mittel besaßen, Krieg, Hinrichtung, Vergewaltigung und Hunger zu stoppen, uns aber nicht dazu durchringen konnten, etwas zu tun?

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Politikern mangelt es an Visionen


Beim politisch-humanistischen Willen herrscht zurzeit Windstille. Unseren Politikern mangelt es an Visionen, sie sind von Ratlosigkeit gezeichnet. Sie wissen nicht, was zu tun ist. Merkels Schulterzucken ist die Pathosformel einer zielentleerten und stillgestellten Zeit. Was Politiker tun könnten, interessiert sie offenbar nicht. Viele scheinen das Wort »Schönheit« nicht einmal zu verstehen. Aber wenn man es gegen den Begriff »Politik« schlägt, erzeugt es den Funken einer Revolution.

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In demokratischen Systemen ist das Politische ein Kampf der Worte. Denken wir an Parlamentsdebatten, Ansprachen und Wahlkämpfe. Wenn Politik aber ein Kampf der Worte ist, dann ist sie letztlich das Geschäft der Poesie und Schönheit. Von nichts ist die politische Gegenwart heute weiter entfernt: Die Sprache, die unsere Politiker sprechen, ist mutlos, uninspirierend und leer.

Es ist viel die Rede von unpolitischen Bürgern. Aber dass Menschen nur politisch werden können, wenn Politik etwas in ihnen weckt, liegt auf der Hand. Ohne das Gefühl, Teil von etwas Bedeutsamen zu sein, gehen Menschen nicht wählen. Bürger politisiert man mit Mut, Wagnissen und Visionen. Politik ist ein Epos, das überzeugen muss.

Politische Blindheit für das Schöne


Den politischen Zielsetzungen der großen Parteien fehlt es spürbar an Größe, Visionen, Mut und Schönheit. Die Abwesenheit an Schönheit und Seelengröße bei jenen, die man der Bevölkerung als Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers präsentiert, machen mich sprachlos. Wenn die Wahlbeteiligung auf neue historische Tiefstände fällt, liegt ein Schlüssel zur Erklärung in der politischen Blindheit für das Schöne.

Man kann Menschen nicht für dumm verkaufen. Das Kanzleramt beinhaltet den wichtigsten Job im drittmächtigsten Land der Welt. Wer denkt da ernsthaft an Angela Merkel, die beim ersten Mal eher unabsichtlich gewählt wurde und dann von ihrem Koalitionspartner mit weiterem uninspirierenden Personal als alternativlos zementiert wurde.

Wofür genau will Merkel in die Geschichtsbücher eingehen? Wofür steht ihre Regierung? Merkel wird gerne als die mächtigste Frau der Welt bezeichnet. Was weiß sie mit dieser Macht anzufangen? Was hat sie aus diesem Land gemacht? Offenbar versteht sie es, den Status quo zu bewahren. Aber für die drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts hat sie nur ein Schulterzucken übrig.

Ich traue der deutschen Bevölkerung eine absichtsvolle Politik zu. An der Person Merkel sind aber beim besten Willen keine Absichten zu erkennen. Da ist jemand zufällig in ein Amt gerutscht, statt von den Deutschen gezielt hineingewählt worden zu sein.

Das Problem ist, dass Merkel das missversteht und glaubt, das Volk habe sie gemeint. Merkels Nominierung ist eine Metapher für die Orientierungslosigkeit Deutschlands im Jahr 2005. Damit sich diese Ratlosigkeit nicht fortsetzt, damit das Volk in einer Wahl überhaupt die Möglichkeit bekommt, Absichten zu bekunden, brauchen wir Entwürfe für das, was politisch schön wäre.

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Die »Großen Katastrophen«


Ahnen wir, was uns in den kommenden Jahrzehnten bevorsteht? Was geschieht, wenn es noch in unserer Generation zu den Ereignissen kommt, die ich als die »Großen Katastrophen« bezeichne? Was wissen wir von den großen Völkermorden, die uns in Asien und Afrika erwarten? Wir leben im Anbruch des genozidalsten Jahrhunderts der Weltgeschichte. Welche Regierungsstelle im Land der Holocausttäter befasst sich mit der Verhinderung der neuen Völkermorde?

Wurden angesichts der Massentötungen in Syrien Sonderstäbe im Kanzleramt eingerichtet? Hat man versucht, auch nur ein einziges Menschenleben aus dem Kriegsgebiet zu retten? An welcher Stelle ist Merkel gegen die Vernichtung von mindestens 200 000 Menschen eingeschritten und hat die Bevölkerung aufgerüttelt?

Die Frage der Menschenrechte ist eine Frage des Einsatzes der eigenen Rechte zum Schutz der Rechtlosen und Entrechteten. Sonst haben wir diese Rechte nicht verdient. Die eigenen Rechte verkörpern ein überhistorisches Gewissen. Wie können wir glauben, diese Rechte zu verdienen, wenn wir nicht alles in unserer Macht Stehende tun, damit sie allen gewährt werden? Wir brauchen Widerstand im Namen der Humanität Europas. Wir müssen uns schützend vor die Untaten unserer Politiker stellen.

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Gefühl der Machtlosigkeit


Wir leben in einer Zeit, der der Glaube an das eigene Tun abhanden gekommen ist. Es ist die Zeit der großen Verwalter. Politik wird verwaltet. Wohlstand wird verwaltet. Flüchtlinge werden verwaltet. Wir, mit einer so bedeutenden wie einzigartigen Vergangenheit, stehen vor dem Abgrund. Unsere Epoche ist gezeichnet vom Gefühl der Machtlosigkeit, sei es im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine, auf Ebola oder weil wir in der Telefon-Hotline nie jemanden erreichen, der uns hilft.

Mit einer seltsamen Hoffnung auf die Kräfte der Wirtschaft und der Unterhaltungsindustrie scheinen wir das Ende der Geschichte einzuläuten. Dass das höchste Bruttoinlandsprodukt der deutschen Geschichte und der berauschendste Freizeitpark den gefühlten Mangel an Handlungsfähigkeit ersetzen können, ist jedoch unwahrscheinlich. Folgerichtig prognostizieren die Zukunftsforscher eine Konjunktur der Religion. Nach all den freiheitlichen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte wäre das ein bombastischer Rückschritt.

Die Ausrede »Man kann nichts tun« ist Symptom dieser Lage und Lüge zugleich. Wer sich einmal einsetzt, macht in der Regel die Erfahrung, dass er oder sie etwas bewegen kann. Diesen Weg geht auch das Zentrum für Politische Schönheit. Wo die Politik versagt, ist es die heilige Pflicht von Künstlern, Dichtern und Denkern, einzuspringen und das politische Vermächtnis dieser Zeit zu retten und das zu betreiben, was man im scharfen Kontrast zu Meinungsbildung politische »Sehnsuchtsbildung« nennen muss.

Wir wollen nicht »Interessen«, »Meinungen« oder einen blindgefassten »Willen« ins Zentrum der Politik stellen, sondern Hoffnungen, Träume, Visionen. Es gilt, die verschütteten Ideale zu bergen, die vergrabenen Sehnsüchte, die unterdrückten Wünsche und verbrannten Hoffnungen.

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Epoche der politischen Schönheit


Aktionskunst versucht sich immer an der Rettung der Gesellschaft. Das Material des Bildhauers ist der Stein. Das Material des Aktionskünstlers ist die Gesellschaft. Wir wollen niemanden töten und keine Mauer wiedererrichten.

Wir planen politische Unternehmungen, die der Nachwelt als Akte strahlender Schönheit, als Wohltaten der Menschheit erscheinen. Wir versuchen eine Epoche der politischen Schönheit, Größe und Poesie durchzusetzen. Manchmal entstehen historische Umbrüche aus Staubwirbeln. Manche behaupten, dass das Zentrum für Politische Schönheit diesen Wind sät.

Das Zentrum ist eine Ideen-, Gefühls- und Handlungsschmiede für Menschen, die anstreben, Schönes und Großes zu tun. Es betreibt seit Jahren eine parallele deutsche Außenpolitik. Momentan planen wir, in all die Länder zu reisen, die Merkel besuchen will. Wir landen dann jeweils eine Stunde vor ihr, um Deutschland ordentlich zu repräsentieren. Falls vom Buffet etwas übrig bleibt, darf die Kanzlerin sich gerne bedienen.

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Vielleicht kann dieses Buch ein Anfang sein, den mühsamen Weg zu beschreiten. Es soll die Problematik, die uns an den Scheideweg von Zukunft und Bedeutungslosigkeit gebracht hat, aufrollen und jene humanistischen Überzeugungen aufzeigen, aus denen Akte politischer Schönheit geboren werden können. Es geht um nicht weniger als die letzte verbliebene Utopie, die das ideologische Schlachtfeld des 20. Jahrhunderts uns hinterlassen hat: die Mitmenschlichkeit.

Auszüge aus dem Buch „Wenn nicht wir, wer dann?" von Philipp Ruch

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Philipp Ruch: Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest

Originalausgabe; Paperback, 208 Seiten

ISBN: 978-3-453-28071-7

€ 12,99 [D] | € 13,40 [A] | CHF 17,90

Verlag: Ludwig

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