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07/04/2016 16:03 CEST | Aktualisiert 08/04/2017 07:12 CEST

Wissenschaftler bedauern den Zuchtstopp in SeaWorld

Jan Kopec via Getty Images

Nur noch eine Orcageburt soll es in SeaWorld Parks geben, wenn man der Unternehmensspitze glauben darf. Dann lässt man nicht nur die Haltung auslaufen, sondern auch die Wissenschaft. Über einige Jahrzehnte konnten Wissenschaftler in SeaWorld das Verhalten der Orcas studieren, ihre Biologie untersuchen und viele andere Studien durchführen, die uns halfen, Schwertwale besser zu verstehen und zu schützen.

Wissenschaft in den USA vor dem Aus

Die Biologin Dawn Noren etwa erforschte inwiefern weibliche Schwertwale, Giftstoffe durch Milch weitergeben. Orcas in der Wildbahn haben leider mit einer Reihe von Giftstoffen in den Meeren zu kämpfen, die sich in ihrem Körper, hauptsächlich in ihrer Fettschicht, einlagern.

Inwieweit diese Toxine durch die Muttermilch weitergegeben werden, lässt sich im Freiland nicht ermessen, weil man nicht an Muttermilchproben kommt und es zudem keine kontrollierten Bedingungen gibt, da das Meer ja eben nicht frei von Giftstoffen ist, wie das Wasser in SeaWorld. Noren kann in SeaWorld nun noch eine Geburt beobachten und dann ist die Forschung am Ende.

„Es ist wirklich schwer, mit nur einer [Beobachtung] zu veröffentlichen. Ich habe wirklich auf ein paar mehr gehofft, aber das war es." - Dawn Noren (National Marine Fisheries Service's Northwest Fisheries Science Center in Seattle)

Die SeaWorld Population hat für Forscher in den USA eine wichtige Rolle gespielt, um die Biologie der Tiere zu verstehen und die Tiere und ihre Lebensweise besser kennenzulernen. Um Tiere zu schützen, muss man erst Kenntnis über sie erlangen, damit man auf ihre Bedürfnisse und Lebensweise zugeschnittene Schutzprojekte schaffen kann.

Zuchtstopp hat Auswirkungen auf Gesundheit, Verhalten und Gruppenstruktur

Diese Kenntnis erlangt man durch Forschung und obgleich man schon viel erforschen konnte, gibt es nach wie vor noch viel zu ergründen und wissenschaftlich zu entdecken.

Problematisch wird es zudem, weil der Zuchtstopp nicht nur dafür sorgt, dass es keinen Nachwuchs mehr gibt, sondern er hat auch Auswirkungen auf Gesundheit, Verhalten und Gruppenstruktur der Tiere.

Es ist normal für Orcagruppen, Nachwuchs zu haben. Nachwuchs beeinflusst die soziale Interaktion und hat Auswirkungen auf die Gruppenhierarchie, in der Positionen verändert oder gefestigt werden. Dazu kommen bei der Umsetzung des Zuchtstopps Präparate mit ernsthaften Nebenwirkungen zum Einsatz.

Die Dreimonatsspritze, die üblicherweise angewendet wird, kann etwa Tumore und Diabetes verursachen oder ähnliche, die Gesundheit negativ beeinflussende, Nebenwirkungen haben.

Kaum gesunde Orcas mit normalem Verhaltensrepertoire

In einem sehr schlimmen Fall würde es zum Hitzedurchbruch kommen, die Kuh würde unerkannt schwanger und wenn man das Medikament dann weiter gibt, bzw. noch Rückstände vorhanden sind, kann es zu einer Vergiftung kommen, die auch das Muttertier in spe töten würde.

Zudem ist das Medikament nicht für eine lange Zeit wie 25 Jahren, in denen eine Orcakuh empfängnisbereit ist, ausgelegt. Die andere Alternative der Separation bricht die Gruppenstruktur auf und kann zu Frustration führen.

Insgesamt findet man dann also bei SeaWorld kaum gesunde Orcas mit einem normalen Verhaltensrepertoire, die sich für die Forschung eignen. Vor dem Zuchtstopp sah das völlig anders aus und man traf gesunde Tiere mit einem artgemäßen Verhaltensrepertoire an.

Somit war die Verkündigung des Zuchtstopps der Anfang vom Ende für die Orca-Forschung in den USA, die nun genauso ausläuft, wie zukünftig die Haltung der Tiere in Menschenobhut. Auch SeaWorld muss zugeben, dass ihre Entscheidung, die Forschung schwächt

„Im Laufe der Zeit, ja, wird es einen Verlust dieser Ressource für Gesellschaft und Wissenschaft geben." - Dr. Chris Dold (Tierarzt & SeaWorld Chief Zoological Officer).

Der Blick geht nach Europa

In Europa gibt es aktuell zwei Einrichtungen, die Orcas seit Jahren erfolgreich halten: Der Loro Parque und Marineland Antibes. Im Bereich der Forschung hat sich gerade der Loro Parque als wichtiger Wissenschaftsstandort für Schwertwale einen weltweit anerkannten und hochbeachteten Namen gemacht.

Neben der Forschung fördert die Loro Parque Stiftung aber auch mit Millionenbeträgen Schutzprojekte auf der ganzen Welt im Bereich des Meeressäuger- und Papageienschutzes. Weit mehr als ein Duzend Projekte und Forschungen zeugen von der wichtigen Arbeit dieses Zoos, der von den Besuchern zum besten Zoo in Europa gewählt wurde, wie "tripadvisor" zeigt.

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Im Loro Parque sorgt man erstklassig für die Tiere. Artgemäße Haltung und die Gesundheit der Tiere haben oberste Priorität. Zudem werden Forschungen ermöglicht, die zum Wohlbefinden und Schutz der Tiere beitragen. | © Philipp J. Kroiß

Ein genereller Zuchtstopp ist aufgrund der EG-Zoorichtlinie nicht möglich wie ich bereits in meiner Stellungnahme für ProZoo darlegte. Auch die EAZA erlaubt nur eine Limitierung der Zucht, wenn es dem Tier oder der Population dient.

Die Zukunft der wissenschaftlich geführten Orcahaltung liegt also in Europa. Obgleich SeaWorld hier auch Tiere besitzt, sind sie dem Europäischen Recht unterstellt und somit ist es nicht möglich, sie von der Zucht auszuschließen.

So sind mindestens noch drei Zuchtgenerationen, allein aufgrund des Bestandes, in Europa gut möglich. Selbst ohne die SeaWorld-Tiere in Europa wäre die Zucht nicht am Ende. So durch Gesetz und Vorschriften vor der heftig kritisierten Entscheidung des CEO SeaWorlds beschützt, können in Europa die Tiere in den Anlagen weiterhin ihre natürlichen Lebensweisen ausleben.

SeaWorlds-Vorstoß schlägt fehl

Trotz eines Anstiegs des Aktienkurses, was von vielen als positives Zeichen gewertet wurde, gingen die Verkaufszahlen der Tickets zurück. Zudem stieg die Aktie, die zuvor unter Vorjahres-Niveau rangierte, nicht mal über den Stand zur Hochsaison im letzten Jahr. Der aktuelle Wochenverlauf zeigt zudem abwärts. (Stand: 05.04.2016)

Auch der wahrscheinlich mit dem Zuchtstopp verbundene Wunsch, dass die Delfinariengegner nun die Attacken einstellen, hat sich nicht erfüllt. PETA und andere Tierrechtler haben schon angezeigt, weiter zu machen und sind genauso entschlossen wie zuvor, denn ihnen geht es darum, SeaWorld zu zerstören. Mit Tierschutz haben diese Delfinariengegner und deren Aktionen natürlich nichts zu tun.

„Wir verstehen, dass manche Kunden verärgert sind und sich betrogen fühlen, aber einfach gesagt, zeigten Daten und Trends, dass es entweder ein SeaWorld ohne Wale oder eine Welt ohne SeaWorld geben würde. Wir sind ein Unternehmen, das Cashflow braucht, um (erfolgreich) zu sein und leider haben uns die Trends nicht begünstigt." - Joel Manby (CEO SeaWorld)

Auch weiterhin begünstigen die Trends SeaWorld nicht wirklich, denn die Zahl der Unterstützer, auf die sich der Betreiber so lange hatte verlassen können, bröckelt nach dieser Entscheidung deutlich.

Je länger der Zuchtstopp, umso größer die Gefahr

Das ist natürlich besonders schwierig in einer Zeit, in der Manby um noch mehr Unterstützung seiner Fans bettelt. Auch die soeben zitierten Worte stießen auf Kritik, weil SeaWorld hier klar Trends über das Wohlergehen der Tiere stellt - ein Novum in der Geschichte des Unternehmens.

Der Zuchtstopp wird darüber hinaus wie ein Damoklesschwert über SeaWorld schweben, denn er ist alles andere als sicher. Es gibt keine zu 100% zuverlässige Methode, Zucht zu unterbinden; eine ungeplante Schwangerschaft wird nicht nur den Aktienkurs ruinieren.

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Ein Tod aus Folge dieses Zuchtstopps von einem Tier oder von einem Trainer, der von sexuell frustrierten Tieren angegriffen wird, würden das Unternehmen zu Grunde richten. Umso länger der Zuchtstopp dauert, umso größer ist die Gefahr, dass so etwas geschieht. Hoffen wir für die Tiere, dass SeaWorld es Damokles gleich tut und die Tafel wieder verlässt, an der das Schwert so bedrohlich über ihm schwebt.

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