BLOG
02/12/2015 11:04 CET | Aktualisiert 02/12/2016 06:12 CET

Wissenschaftler widerlegen Blackfish-Mythen

Der Film "Blackfish" ist in Deutschland immer noch ein Thema und er wird gerne als sersiöse Dokumentation dargestellt. Ob es am Können oder am Wollen scheitert, kritisch mit dem Thema umzugehen, bleibt so die Kamapgne, die in Amerika die Desinformationen dieser "Dokumentation" nach und nach aufdeckt, unbeachtet.

Das soll dieser Blog-Beitrag ändern. Er folgt im Wesentlichen dem Artikel "Truth Squad: Blackfish Scientists Get Schooled" von Erin McKinney auf der Seite Awesome Ocean. Dieser Artikel behandelt einen Vortrag von Wissenschaftlern zu einem bestimmten Punkt der gegen die Orcahaltung geführten Vorwürfe. Ich bedanke mich an dieser Stelle herzlich bei Awesome Ocean, die mir erlaubt haben, den Artikel exklusiv und als erster in die deutsche Sprach zu übertragen und sie für ein deutsches Publikum aufzubereiten.

2015-12-01-1448982553-10028-DSCF6735kohanahp.JPG Orcahaltung ist ein spannendes Thema über das leider viele Desinformationen von Delfinariengegnern in Umlauf gebracht werden.

Die Zoogegnerbewegung baut in ihrer Wirkung im Wesentlichen darauf Fehlinformationen durch Filme, Bücher und Reden in die Gesellschaft zu schleusen. Manchmal versuchen Befürworter der Anti-Zoo-Bewegung ihre Agenda als echte Wissenschaft zu verkaufen, was Jeff Ventre und John Jett 2015 versuchten. Sie wollten bewiesen haben, dass Schwertwale in der Wildbahn länger lebten als ihre Artgenossen in zoologischen Einrichtungen (wie z.B.: SeaWorld und Loro Parque).

Sie waren dabei sehr begierig, sich als Experten zu zeigen, wurden aber von richtigen Experten auf der IMATA-Konferenz völlig widerlegt. Dr. Kelly Jaakkola und Dr. Grey Stafford, beide international bekannte Experten und anerkannte Wissenschaftler, zerlegten das Paper der beiden Delfinariengegner innerhalb von 15 Minuten.

"Was Du hier vor Dir siehst, ist schlechte Wissenschaft, und das sag ich als Wissenschaftlerin nicht einfach so." - Dr. Kelly Jaakkola, eine der weltweit führenden Experten im Bereich der Wahrnehmung von Delfinen

Die beiden Experten konzentrierten und konkretisierten ihre Kritik anhand von drei zentralen Punkten

1. Unsachgemäße Behandlung von Datensätzen

Im Paper der beiden Möchtegern-Experten, die aus dem Dunstkreis des Films "Blackfish" stammen, wird so getan, als würde man einen statistischen Vergleich von Schwertwalen in zoologischen Einrichtungen zu ihren wilden Artgenossen durchführen. Statistisch gesehen, ist das aber gar nicht so, weil mit den Datensätzen nicht ordentlich umgegangen wird.

"In der Wildbahn findet Feldforschung nicht früher als sechs Monate nach der Kalbesaison statt, was bedeutet, dass, wenn man ein Kalb zuerst sieht, es bereits sechs Monate alt ist, was bedeutet, wenn ein in den ersten sechs Monaten stirbt, sieht man es nie" - Dr. Kelly Jaakkola , eine der weltweit führenden Experten im Bereich der Wahrnehmung von Delfinen

Dr. Jaakkola spricht damit ganz klar eine Problematik von Statistik zur Entwicklung von Orcapopulationen an. Die Wissenschaftler können - aus nachvollziehbaren Gründen - die Tiere in der Wildbahn nicht rund um die Uhr über- und unterwasser beobachten und das schon gar nicht das ganze Jahr über.

In einem zoologischen Umfeld ist das aber möglich. Man sieht jedes Jungtier jeden Tag seines Lebens - in der Wildbahn sieht man Jungtiere erst mit sechs Monaten. Das nutzen die beiden Delfinariengegner natürlich aus und tun so, als könnte man die Zahlen vergleichen, obgleich denen aus der Wildbahn die sechs ersten Lebensmonate komplett fehlen.

"Jett und Ventre wissen das und sie wissen auch, dass die Mortalitäsrate für Kälber unter sechs Monaten in der Wildbahn, sowohl von Anti- ,als auch Pro-ZooWissenschaftlern, auf rund 50% geschätzt wird." - Dr. Grey Stafford, Ph.D.-Biologe und Experte für Training mit positiver Bestärkung in tiergärtnerischem Umfeld

2. Unsachgemäße Vergleiche

Ein sehr beliebtes Spiel in Zoogegnerkreisen ist es, Zahlen so rumzudrehen, dass sie sagen, was die Zoogegner wollen - da ist das Machwerk der beiden "Blackfish"-Stars keine Ausnahme.

"In dem Papier behaupten sie, dass 41-73% der Wale ein Alter von 40 erreichen und sie vergleichen das zu "in Meeressäugerhaltungen, sind nur 7% der momentan lebenden Wale über 40 Jahre alt" und ignorieren dabei völlig, dass das zwei verschiedene paar Schuhe sind." - Dr. Kelly Jaakkola, eine der weltweit führenden Experten im Bereich der Wahrnehmung von Delfinen

Sie erklärt, dass das Eine mit dem Anderen nichts zu tun hat. Einfach erklärt: Die Aussage über die Wildpopulation ist eine Aussage, die sich auf eine generelle Chance bezieht; die Aussage über die Population in den Meeressäugerhaltung bezieht sich auf den momentan Zeitpunkt. Einen Zeitraum mit einem Zeitpunkt zu vergleichen, ist völlig abwegig und unseriös.

"Das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Nur weil Du das Wort "Prozent" in beiden Sachen verwendest, heißt es nicht, dass Du die gleiche Sache misst." - Dr. Kelly Jaakkola, eine der weltweit führenden Experten im Bereich der Wahrnehmung von Delfinen

Autsch, das war schon eine harte Spitze gegen Jeffrey Ventre und John Jett - aber sie stimmt ja. Es werden zwei Dinge verglichen, die man nicht vergleichen kann. Um das an einem Beispiel zu verdeutlichen:

Aussage 1: Ein Mensch hat eine bestimmte Chance ein gewisses Alter zu erreichen.

Aussage 2: Aktuell ist ein bestimmter Prozentsatz der Weltbevölkerung älter.

Das sind zwei Aussagen, die man weder vergleichen, noch aufeinander beziehen kann, weil zwei verschiedene Dinge gemessen und inhaltlich behandelt wurden wie oben schon betont.

Zurück zur Aussage: Das nur 7% der momentan in zoologischen Einrichtungen lebenden Population von Schwertwalen über 40 Jahre als ist, heißt nicht, dass die nicht jedes Mitglied dieser Population die gleiche Chance (oder sogar eine höhere) wie ihre wilden Artgenossen haben kann, über 40 zu werden.

Schauen wir doch mal auf SeaWorld. Man entnahm überhaupt ingesamt zwei Tiere der Wildbahn: Kasatka Katina im Jahr 1978.

Kasatka ist heute also 39 - kann man ihr vorwerfen keine 40 zu sein? - Nein, sie hatte ja schließlich gar nicht die Chance überhaupt 40 zu werden. Aus diesem Umstand aber leiten Jett und Ventre indirekt einen Vorwurf gegen SeaWorld ab - nämlich, dass sie keine vierzig Jahre alt ist Katina hatte die Chance und ist aktell 40 Jahre alt.

Beide sind heute Mütter, Großmütter und Urgroßmüter von lebendigen und gesunden Orcas, die folgerichtig auch nicht mal theoretische Chance hatten, 40 zu werden. Das sagt aber nichts über die Chancen, die sie haben, dieses Alter zu erreichen, aus.

3. Nicht unterstützte Schlussfolgerungen

Dass Jett und Ventre mit Statistik nicht wirklich umgehen können, beweisen sie durch einen ziemlich peinlichen Fehler.

"Jett und Ventre behaupten, dass "Überleben von Weibchen sich zwischen 7 und 11 Jahren verschlechtert, während esisch für Männchen in dieser Periode verbesser", genau nachdem sie feststellten, dass das Überben von Männchen und Weibchen sich nicht signifikant unterscheidet." - Dr. Kelly Jaakkola, eine der weltweit führenden Experten im Bereich der Wahrnehmung von Delfinen

Aber das ist nicht der einzige eklatante Widerspruch.

Ventre und Jett behaupten auch, es gebe eine "bemerkenswerte Verschlechterung der Überlebensrate zwischen 2 und 6" für Wale in zoologischen Einrichtungen und die Einrichtungen sollten es "vermeiden, Mutter un Kälber in dieser Zeit zu separieren". Tatsächlich war kein Tier, das in dieser Zeit verstarb, von seiner Mutter getrennt.

"Darauf wird nur hingewiesen, weil es in ihre Erzählungen passt. Es ist NICHT statistisch signifikant. Sie denken sich das buchstäblich einfach nur aus." - Dr. Kelly Jaakkola, eine der weltweit führenden Experten im Bereich der Wahrnehmung von Delfinen

Rede war nur der Anfang

In "Marine Mammal Science" wird bald nochmal ausführlicher auf die Kritik eingegangen, da dort das Paper "Robeck, T., Jaakkola, K., Stafford G., & Willis, K. (in press). Killer whale (Orcinus orca) survivorship in captivity: A critique of Jett and Ventre (2015)" erscheinen wird. Es lohnt sich darauf ein Auge zu werfen. Die Zeit bis dahin kann man sich vertreiben, indem man sich die gesamte Rede auf YouTube anschaut.

2015-12-01-1448982841-6419279-DSCF7446adanSprungansatzhuff.JPG Der Loro Parque beherbergt einige Orcas von SeaWorld. Adán ist einer deren Nachkommen.

Zuletzt möchte ich noch auf was zu sprechen kommen, was im Artikel von Awesome Oceans nicht verhandelt wurde, weil es schon an anderer Stelle veröffentlicht wurde. Da es diese Dopplung bei mir nicht gibt, kommt nun dieses Kapitel.

Daten zur Langlebigkeit von Schwertwalen

Im "Journal of Mammalogy" erschien bereits eine Studie von anerkannten Wissenschaftlern zu diesem Thema. Die Ergebnisse sind ziemlich eindeutig. Die Lebenserwartung von Schwertwalen in Menschenobhut und in der Wildbahn sind vergleichbar.

Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt in der Wildbahn zwischen 29,0 und 47,1. Die aktuelle Lebenserwartung der Schwertwale in SeaWorld liegt bei 41,6 und somit genau in dem Rahmen. Für Tiere, die in Menschobhut von SeaWorld geboren wurden, liegt die durchschnittliche Lebenserwartung sogar bei 47,7 was ein wenig über dem Niveau der Wildbahn ist.

Die mittlere Lebenserwartung liegt in der Wilbahn zwischen 20,1 und 32,7. Aktuell in SeaWorld liegt sie bei 28,8 und somit wieder im Rahmen. Die mittlere Lebenserwartung von Tieren, die in Besitz von SeaWorld geboren wurden, liegt bei 33,1 und somit ebenso höher als die Daten aus der Wildbahn.

2015-12-01-1448983204-4490159-DSCF8491adanBellyhuff.JPG Das ist Adán. Er hat eine höhere Lebenserwartung als seine wilden Artgenossen.

Diese Daten wurden mit wissenschaftlich gängigen Methoden ermittelt, die richtig angewandt wurden. Sie zeigen, dass die Lebenserwarung von Orcas in wissenschaftlich geführter Menschenobhut (in der Studie am Beispiel der SeaWorld-Population) im Rahmen der Lebenserwartung ihrer wilden Artgenossen liegt.

Die Lebenserwartung von Nachzuchten der SeaWorld-Population ist jetzt bereits höher als die der wilden Artgenossen. Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen, weil SeaWorld nicht beabsichtigt, seine Population durch Wildentnahmen aufzustocken, da eine genetische Vielfalt für eine selbsterhaltende Zucht gegeben ist. Die Studie umfasste sämtliche Tiere auf der Inventarliste von SeaWorld und somit auch die Tiere, die auf Teneriffa im Loro Parque leben (außer Morgan natürlich).

Späte Einsicht nach massiver Kritik: Tödliche Killerwale: Wie eine Tier-Doku SeaWorld in den Ruin treibt

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite