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14/12/2016 09:33 CET | Aktualisiert 15/12/2017 06:12 CET

Das Luftschloss Lipsi

Jeff Rotman via Getty Images

Immer wieder präsentieren Delfinariengegner angebliche Alternativen für ein Delfinarium: ein bay pen oder sea pen, das sie dann schönfärbend „Sanctuary" nennen. Dass erstmal ein solches Sanctuary nicht per se besser ist, als ein geschlossenes Beckensystem oder semi-offenes Beckensystem ist, habe ich schon erläutert. Tatsächlich birgt so eine Haltung Probleme und gelingt nicht immer: Im Dolphin Research Centre funktioniert es sehr gut und in Eilat nicht wirklich.

Delfinariengegner und Meeresgehege

Für die Delfinariengegner sind Meeresgehege eine Alternative, gleichzeitig aber verteufeln sie bereits existierende Anlagen, die ein solches Meeresgehege sind, aber mit Binnendelfinarien zusammenarbeiten - wie etwa das Dolphin Research Centre.

Warum müssen aber Anlagen mit Meeresgehegen mit Binnendelfinarien zusammenarbeiten?

Wenn die Anlagen es mit Tierschutz ernst meinen und in vielen Ländern auch überhaupt erst legal sein möchten, muss es Notfallpläne für Katastrophenfälle geben. Es muss also möglich sein, die Tiere bei einer wasserverunreinigenden Umweltkatastrophe in Sicherheit zu bringen.

Zudem müssen die Tiere irgendwo herkommen. Wer also seinen Bestand nicht aus Wildfängen bestreiten will, muss einem Zuchtprogramm beitreten. Hierbei kann man im Fall von Delfinen verschiedene Funktionen übernehmen: als aktiver Züchter, als Halter von Junggesellengruppen, wie es sie auch in der Natur gibt und deren Mitglieder temporär in ihr sind, und/oder als Altersruhesitz für Tiere, die nicht zuchtfähig oder schon zu alt für die Zucht sind. In jedem Fall, ist man wichtiger Stützpfeiler des Zuchtprogramms.

Jeder Delfinariengegner, der ein Meeresgehege, also somit ein Delfinarium mit einem offenen Wasserzyklus, errichten will, muss also mit Delfinarien kooperieren oder seinen Bestand aus Wildfängen rekrutieren.

Standortfaktor

Im Wesentlichen stammen die Delfine in den Europäischen Delfinarien von Gründertieren aus residenten Populationen in Gewässern der Karbik. Dort muss also auch ihr Meeresgehege sein. Warum?

Ein Meeresgehege, so wie es üblicherweise gebaut wird, birgt die Gefahr, dass Tiere aus der Haltung entkommen: wir hatten diesen Fall etwa bei Annessa. Die aktuellen Richtlinien der IUCN beugen durch Ausbruch entstehende Faunenverfälschungen durch ortsfremde Tiere vor. Deshalb sind Halter von Tieren, die dem Habitat, in dem sie sich befinden, fremd sind, rechtlich zu höchsten Sicherheitsvorkehrungen verpflichtet. Derartige Anlagen müssen nämlich für Katastrophenfälle gut gewappnet sein - ein Meeresgehege, das durch ein Netz abgetrennt ist, löst das nicht ein. In den Keys ist das kein Problem, im Mittelmeer aber schon, denn da gehören karibische Großtümmler nun mal nicht hin.

Das Problem Lipsi

Delfinariengegner planen also nun ihr eigenes Delfinarium auf Lipsi, was sie „dolphin sanctuary" oder „Refugium" nennen. Darin wird geplant, einfach nur eine Bucht mit einem Netz abzusperren. Man will offenbar Tiere aus den Europäischen Haltungen dort aufnehmen. Diese sind genetisch bekanntlich nicht Teil des Habitats in denen ihr Gehege entstehen soll. Da die übliche Bauweise solche Bay Pens aber einen Ausbruch nicht 100%ig verhindern können, trifft dies nicht wirklich mit den Vorgaben der IUCN überein und die Anlage wäre als naturschutzwidrig abzulehnen. (Eine Genehmigung für eine Auswilderung der Tiere ist aufgrund der genetischen Herkunft dieser ohnehin von vornherein ausgeschlossen.)

Natürlich wäre ein Projekt in Griechenland der EU-Zoorichtlinie unterworfen, was bedeutet, dass die Betreiber gewisse Aufgaben und Pflichten haben. So wäre es nicht verhaltensgerecht, diese Tiere dauerhaft an der Fortpflanzung zu hindern, weil dies gegen die Natur der Tiere wäre. Und wenn deswegen doch gezüchtet würde, wohin mit dem Nachwuchs? Auch dieses „Problem" löst sich nur in einer Kooperation mit anderen Delfinarien - genauso wie die Vermeidung von Inzucht. Delfine haben nämlich - in der Wildbahn - kein Problem damit, Inzest zu begehen. Ohne ein gutes Zuchtmanagement kommt man also nicht zurecht.

Um eine Betriebserlaubnis zu haben und zu erhalten, aber natürlich auch den Tieren zuliebe, sind gewisse medizinische Checks von Nöten. Wenn man die Tiere nicht unnötig stressen will, indem man sie fängt und fixiert, muss man sie trainieren: sogenanntes medical training.

Lipsi ist eine Insel mit einer Grundfläche von 17,350 km² auf denen rund 800 Einwohner leben. Es gibt in den Sommermonaten einen nahezu täglichen Fährverkehr und kommerziellen Wasserverkehr. Straßenverkehr gestaltet sich auf der Insel mit Gefährten mit maximal 15 Sitzplätzen. Anbindung an den nationalen Flugverkehr erfolgt über die Flughäfen Kos und Samos, die mit der Fähre zu erreichen sind. Von Kos aus braucht man dafür knapp 2 Stunden, von Pythagorion (Samos) aus knapp 90 Minuten. Die Anbindung ist also nicht mehr als suboptimal, weil in den Fahrzeiten ja nur die reine Zeit auf der Fähre enthalten ist - freilich ohne Aus- und Beladen, und die Zeit am Flughafen ist auch nicht eingerechnet, genauso wenig wie die Zeit vom Flughafen zur Fähre. Infrastrukturell ist das ein Albtraum für einen Tiertransporter.

Es gibt Probleme mit der Wasserversorgung, Kapazitätsprobleme bei der Abwasserbeseitigung (Preisfrage: Wohin wird das Abwasser auf einer Insel ausgeleitet?) und die teils wilde Abfallentsorgung birgt große Probleme.

Zudem ist das marine Ökosystem stark belastet: Schleppnetze überfischen die dortigen Bestände, weil wohl oftmals der Mindestabstand zur Küste nicht eingehalten wird. Dadurch sterben viele Jungfische, und die Schwärme werden so ausgedünnt. Seegraswiesen wurden zerstört und eine Fischfarm hat ihren Betrieb eingestellt. Woher sollen also die Futterfische kommen? Das ausgebeutete Ökosystem wird sie nicht liefern können - zumindest nicht die für ein solches Projekt erforderlichen Mengen - und das Ankarren wird Unsummen an Geld verschlingen, wenn man ordentliche Ware kaufen möchte.

Unter Natur- und Artenschutzaspekten muss unbedingt auch berücksichtigt werden, dass eine mögliche Eintragung von Krankheitserregern durch Cetaceen aus Delfinarien besonders für die seltene Mittelmeer-Mönchsrobbe, die in der östlichen Aegeis noch einen Verbreitungsschwerpunkt hat, verheerende Folgen haben könnte. Ein Aspekt mehr, der die Genehmigung einer solchen Anlage an dieser Stelle bei sorgfältiger Prüfung unmöglich machen sollte.

Delfine aus Barcelona

Für einen solchen Transport müsste die EAZA, in diesem Fall vertreten durch den Zuchtbuchführer, zustimmen. In der jetzigen Form ist eine solche Erlaubnis zum Transport nicht möglich, da es aus den genannten Gründen gegen die fachliche Praxis verstoßen würde.

Zudem ist der Zeitrahmen sehr eng. Realistisch betrachtet, braucht es noch einige Zeit bis das Projekt an den Start gehen kann. Hingegen kann Barcelona die Abgabe der Delfine nicht mehr wirklich lange herauszögern.

Das Projekt an sich

Das Projekt, geplant von Archipelago(s) und den Namen „Aegean Marine Life Sanctuary", das PETA allen Ernstes als eine Form von Gnadenhof für den Süßwasserdelfin [sic!] „BABY" aus Duisburg verwenden will, ist tatsächlich geplant als Rettungszentrum und Wohnsitz „aus Delfinarien geretteter Delfine". Angeblich gäbe es bereits Delfine in Europäischen Delfinarien, die darauf warten würden, dort hinzukommen. Darauf spielt man wohl auf die Tiere aus Barcelona an.

Das ganze Konzept ist von der Organisation in vier Punkten zusammengefasst:

"Provide medical care to stranded marine species. The veterinary clinic will be prepared to care for and rehabilitate seals, turtles, and dolphins in need."

Gute Sache. Das machen zum Beispiel SeaWorld in den USA oder S.O.S. Dolfijn in den Niederlanden seit Jahren. Das kostet einen Haufen Geld, der ohne die Hilfe von enorm finanzkräftigen Sponsoren oder eines funktionierenden Zoos nicht aufzutreiben ist.

"House dolphins who have been rescued from dolphinariums. There are already dolphins in Europe in temporary housing, waiting to find permanent homes."

Hier gelten die bereits erwähnten Probleme bezüglich der Unmöglichkeit einer "no breeding" policy und des folglich resultierenden Nachwuchs, dessen Unterbringung und Versorgung. Das kostet ebenfalls viel Geld.

"Simulate the dolphins' natural habitat. The dolphins will be free to learn how to hunt and behave as they did in the wild with no need to beg or do tricks for food."

Gerettete Delfine, die nur kurz in der Haltung waren, haben das Jagen nicht verlernt. Delfine mit einem langfristigen Haltungshintergrund werden wohl mit den Fischen spielen, aber eher weiterhin von ihren Pflegern gefüttert werden wollen Allerdings ist solches Verfüttern von lebenden Fischen in Europa verboten. Als Enrichment gibt es für solche Zwecke eine rechtliche Möglichkeit, aber Archipelagos, will die Lebendfütterung von Wirbeltieren ja zum Prinzip machen und das geht nicht. Die Fischgründe der Insel werden ausgebeutet und überfischt. Wie will man dies also rein praktisch bewerkstelligen ohne das angegriffene Ökosystem weiter zu belasten? Es geht schlicht nicht.

Auch die angebliche Kooperation mit einem Aquakultur-Farmer von der Nachbarinsel kann den Bedarf wohl kaum decken, bei dem täglichen Fischbedarf eines „ordentlichen" Delfinbestandes. Zudem ist es bei der Lieferung von lebendem Fisch unwahrscheinlich, dass diese günstig und tierschutzgerecht durchgeführt werden kann. Eine dauerhafte Versorgung mit Lebendfisch ist rechtlich zudem nur für Auswilderungskandidaten möglich - und das sind die Delfine aus den Delfinarien ja gerade nicht.

Zudem: In modernen Zoos betteln die Tiere nicht oder müssen die „Tricks" für Futter vollführen. Das bekommen sie auch ohne irgendwelche Tricks zu machen, was die Tiere auch wissen. Hungrig sind Delfine ohnehin nicht zu trainieren. Jeder Delfin bekommt jeden Tag so viel Fisch wie er in Abhängigkeit von seiner körperlichen Verfassung und dem Nährstoffgehalt des Fisches benötigt - egal, ob er beim Training mitmacht oder nicht.

"Be an educational facility that allows research without human interaction. At the edge of a bay on Lipsi Island in the eastern Aegean our research base sits, prepared to house the offices, simple living accommodations, and veterinary clinic."

Forschung ohne menschliche Interaktion kann man im Freiland bestens machen. In Menschenobhut, egal ob in einem Refugium oder einem Delfinarium, kann man nur Forschung in der Erkenntnis betreiben, dass diese Tiere in einer Gehegehaltung leben, und somit von der Interaktion mit dem Menschen abhängig sind. Die Forschung in einer betreuten Meeresbucht ist somit auch nicht wertvoller als die in einem Delfinarium.

Die Idee einer Haltung ohne menschliche Interaktion ist, wie bereits oben erwähnt, schlicht nicht möglich, wenn man die Tiere medizinisch ordentlich versorgen will. Die Fischbestände und Jagdfähigkeiten der Tiere reichen zudem nicht aus, um sich in dieser Bucht selbst zu ernähren und entsprechend werden die Tiere durch das Füttern weiterhin an den Menschen gewöhnt bleiben.

Partner ist ein „alter Bekannter"

Ric O'Barry ist Archipelagos Partner. Das ist der selbe Ric O'Barry, der für die "Auswilderung" der Sugarloaf Dolphins aufgrund von unverantwortlichem, nicht tiergerechtem und nicht artgemäßen Vorgehen rechtskräftig verurteilt wurde. Es ist juristisch einwandfrei geklärt, dass er so ein Projekt zum Schaden der Delfine in den Sand setzte. Wer musste dann wieder sich um die geschädigten Tiere kümmern? Delfinarien wie das Dolphin Research Centre. Man kann es leider nicht schöner und dann noch wahrheitsgetreuer ausdrücken.

Man kann O'Barry ja fast nicht mal vorwerfen, dass er eine zeitgemäße Haltung nicht managen kann, denn er war zu einer Zeit Delfintrainer, die mit der heutigen, modernen und wissenschaftlich geführten Delfinhaltung nichts zu tun hat. Seite „Kenntnisse" stammen aus den 1960er Jahren und er konnte sie nie praktisch auffrischen, weil er eben aufgrund dieser Verurteilung auch nie einen Job in einem wissenschaftlich-geführten Zoo bekommen würde. Man muss sich nur selber fragen: Würde man sein eigenes Tier einem Veterinärmediziner oder Halter, der seit den 1960er Jahren kein berufliches Update bekam und bereits wegen nicht tiergerechtem Umgang mit den Tieren rechtskräftig verurteilt wurde, sein geliebtes Tier anvertrauen?

Ein Zoo, der seine Tiere an einen solchen Halter gibt, sollte sicherlich aus der Gemeinschaft der wissenschaftlich geführten und modernen Zoos ausgeschlossen werden, da er mit einem solchen Transfer jede Grundfeste diese Zootierhaltung über Bord geworfen hat. Da er nominell Besitzer der Tiere bleibt, weil ein Verkauf ja nicht möglich ist, muss er zudem fürchten, jede seriöse Akkreditierung zu verlieren - und das zu Recht.

Bekannt und oft gescheitert

Dieses Projekt-Konzept ist gut bekannt. Immer wieder erscheinen solche Projekte auf der Bildfläche und verschwinden dann wieder. Wenn man schon etwas länger „dabei" ist, hat man auch schon einige von denen erlebt. Diese Projekte gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Sie sind eben von fanatischen Delfinarienhassern gemacht, die dann entweder an der Finanzierung oder den Gesetzen oder an beidem scheitern.

Delfinhaltung ist zwar ein „Millionengeschäft", aber eben nur im Umsatz und keineswegs im Gewinn. Erstmal braucht es ein enormes working capital und dann ist sie im Unterhalt so teuer, wie es offenbar nur wenige realistisch ermessen können. Einen Orca, Keiko, nur über ein paar Jahre erstmal in eine ähnliche Haltung zu bringen und dann diese Haltung zu managen, hat einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet und dies zudem bekanntlich mit einem für das Tier sehr traurigen Ausgang. Wir sprechen hier aber nicht von der Haltung nur eines Orcas, sondern gleich einer ganzen Gruppe von Delfinen und zudem noch von den Aufgaben eines Rettungszentrums - und das bedeutet viel mehr Workload und Personalbedarf.

Woher sollen die Investitionen für ein solches Millionengrab kommen? Welche Investoren (und man braucht einige davon) pumpen jährlich mehrere Millionen in ein Projekt, das sich niemals rechnen wird und in seiner jetzigen Form schlicht weder durchführbar, noch legal ist? Wer macht das über mehr als 20-30 Jahre (also ein Delfinleben in europäischen Delfinarien) mit? Wer finanziert die nächste Generation?

Es ist ja nicht so, als habe man eine nicht-kommerzielle Haltung der Tiere nicht schon probiert - etwa von Universitäten zur Edukation und Forschung. Alle sind am Geld gescheitert, wenn sie nicht vorher wegen teils unzumutbarer Haltung geschlossen wurden, weil sie eine artgemäße Haltung auf Dauern nicht leisten konnten.

Fazit

Durchführbar wäre das Projekt nur mit einer unverantwortlichen Schädigung von Ökosystemen, dem Über-Bord-Werfen von Tierschutz-Standards und letztlich dem Verstoß gegen Natur- und Artenschutzrichtlinien - oder aber ein solches Projekt wird wie ein europäisches Dolphin Research Centre, das mit Delfinarien kooperiert, am Zuchtprogramm teilnimmt und somit funktioniert wie jedes andere Delfinarium des EAZA auch. Dann ist es aber eben nicht mehr das, was es vorgibt zu sein, sondern genau das, was Delfinariengegner ja ablehnen. Allerdings wäre es dann wenigstens legal und mit dem Natur-, Arten- und Tierschutz konform.

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