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01/08/2015 07:20 CEST | Aktualisiert 01/08/2016 07:12 CEST

Wohin mit Oma - Wie wir Zukunft für alle Generationen gestalten können

thinkstock

Deutschland steht wirtschaftlich sehr gut da. Harte Arbeit, fleißige Arbeitnehmer, leistungsstarke Unternehmen, verantwortungsvolle Sozialpartner und eine kluge Politik der Bundesregierung unter der Kanzlerschaft von Angela Merkel haben Deutschland wieder zurück in die Erfolgsspur gebracht. Deutschland ist wieder vom kranken Mann Europas zum ökonomischen Schwergewicht geworden.

Der Arbeitsmarkt floriert, die Wirtschaft wächst und die Menschen in Deutschland profitieren von dieser Entwicklung. Auch in diesem Jahr wird ein Wirtschaftswachstum von über 1,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwartet, der Beschäftigungsstand auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist auf einem Rekordniveau, die Sozialkassen weisen Überschüsse in Milliarden Höhe auf und der Bundeshaushalt wird auch in diesem Jahr keine neuen Schulden aufnehmen.

Mit Investitionen in Bildung, Forschung und Entwicklung, Arbeitsmarkt- und Sozialreformen sowie einer soliden Haushaltsführung legt die Bundesregierung bereits heute den Grundstein, um den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands auch in Zukunft nachhaltig und gerecht zu sichern.

Auch der Blick auf die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland kann uns mehr als zufrieden stimmen.

Die Umlagefinanzierung und der Generationenvertrag haben sich in der Vergangenheit als sicher, sozial ausgewogen und nachhaltig gerecht erwiesen. Sie haben dafür gesorgt, dass unsere sozialen Sicherungssysteme Stabilitätsanker waren, auf denen sich der wirtschaftliche Erfolg und der gesellschaftliche Wohlstand Deutschlands begründet. Studien und Statistiken belegen, dass die materielle Situation der Rentner in Deutschland sowohl im historischen als auch im internationalen Vergleich gegenwärtig sehr gut ist.

Die große Mehrheit der heutigen Rentner ist finanziell auch durch private Renten, Zinseinkünfte und Mieterlöse gut abgesichert. Wie viel besser es der heutigen Rentnergeneration im Vergleich zu ihren Eltern und Vorfahren geht, zeigt ein Blick auf die Lebenserwartung. Noch nie konnten so viele Deutsche damit rechnen, so lange so gesund und auskömmlich gut zu leben wie heute.

Die gestiegene Lebenserwartung ist Indiz für das gut ausgebaute und qualitativ leistungsstarke Gesundheitssystem in Deutschland. Und auch wenn die Diskussion um das Thema „Altersarmut" in den vergangenen Jahren an Brisanz gewonnen hat, können sich die Senioren im letzten Schritt auf die breite soziale Absicherung und die öffentliche Daseinsfürsorge verlassen.

Demographischer Wandel

Der demographische Wandel stellt Deutschland jedoch vor enorme Herausforderungen. In den kommenden Jahrzehnten wird sich die Bevölkerungsstruktur in Deutschland grundlegend und dauerhaft verändern. Die demographische Entwicklung führt schon jetzt dazu, dass es hierzulande immer mehr ältere Menschen gibt. Viele davon bleiben auch im Alter gesund, andere müssen chronisch erkrankt über Jahre betreut werden, so zum Beispiel Demenzpatienten: Sie sind zwar oft körperlich noch fit, ihr geistiger Zustand führt aber dazu, dass sie rund um die Uhr eine intensive Betreuung und Pflege brauchen.

Schon heute ist rund jeder vierte Bundesbürger 60 Jahre und älter. Mit dem Durchschnittsalter steigt auch die Zahl der Pflegebedürftigen. Waren es in Deutschland 2005 noch knapp zwei Millionen, so sind es heute schon fast 2,5 Millionen, die im Alltag auf Hilfe durch Verwandte und professionelle Pflegekräfte angewiesen sind, wobei die Tendenz steigend ist. Das familiäre Engagement stößt angesichts dieser Zahlen an seine Grenzen.

Zwangsläufig werden die Kosten zur Versorgung der älteren Generation in den kommenden Jahren sowohl im Bereich der Rente als auch im Bereich der Kranken- und Pflegekassen kontinuierlich steigen. Demgegenüber stehen nach den gegenwärtigen Prognosen eine kleiner werdende Anzahl junger Menschen, die im Erwerbsleben stehen und den Generationenvertrag solidarisch erfüllen sollen. Es besteht daher kein Zweifel, dass die Solidarität der jüngeren Generation vor einer Bewährungsprobe steht. Denn auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen die nachrückenden Generationen leben, sind sehr schwierig geworden.

Arbeitsmarkt

Die Erwerbsbiographie der jungen Menschen sieht bereits heute vollständig anders aus als in der Generation der Eltern und Großeltern. Die heutigen Berufsanfänger stehen vor einem Arbeitsmarkt, der nicht mehr in dem Maße, wie in der Vergangenheit, unter dem Schutz einer gesicherten Tariflandschaft steht. Das Risiko unsicherer Arbeitsverhältnisse in Form von Befristungen sowie Leih- und Zeitverträgen hat in den letzten Jahren zugenommen.

Der Arbeitsmarkt ist zudem nicht mehr lokal auf die Heimat der Eltern begrenzt. Vielmehr ist es heutzutage fast zur Normalität geworden, zum Arbeiten und Leben in eine andere Stadt oder Region zu ziehen. Eine 26jährige, die eine unsichere Berufsperspektive vor sich hat, verliert die Lust auf Familie und Kinder nicht aus Egoismus, sondern vielfach aus Angst vor dem Verlust an sozialer Sicherheit.

Auch die Herausforderungen der so genannten "Sandwich-Generation - also die 30- bis 50-Jährigen, die gleichzeitig ihre Kinder aufziehen, ihre betagten Angehörigen pflegen und im Beruf volle Leistung bringen sollen - sind im Vergleich zu früher, als die familiäre Betreuung meistens von den nicht berufstätigen Frauen erledigt worden sind, deutlich anders geworden. Wie kann es uns dennoch gelingen, eine menschenwürdige Zukunft für alle Generationen zu gestalten?

Möglichkeiten für ein selbständiges und erfülltes Leben

Denn eigentlich könnte doch alles so schön sein: Die Menschen werden immer älter und haben mehr Zeit, ihren Lebensabend zu genießen. Neue Freizeitaktivitäten entdecken, Reisen in nahe oder ferne Länder unternehmen, sich ehrenamtlich engagieren - endlich ist Zeit für die Dinge im Leben, für die vorher im Arbeitsalltag wenig Raum und Zeit gewesen sind. Eine immer größere Zahl älterer Menschen ist heute nicht nur aktiv, sondern auch produktiv und nutzt die vielfältigen Möglichkeiten für ein selbständiges und erfülltes Leben.

Seniorinnen und Senioren setzen sich heute schon in großem Ausmaß für andere Menschen ein, übernehmen vielfältige Aufgaben in Familie und Gesellschaft, - ja, sie sind eine tragende Stütze unserer Gemeinschaft. Mit dem Alter kommen aber auch oft Krankheiten, Gebrechen, schwere körperliche und geistige Einschränkungen. Die Erfahrungen und Erlebnisse, mit Belastungen, Krisen, mit Situationen der Schwäche, mit Gefühlen von Abhängigkeit und Schmerz umzugehen, gehören zum Menschsein und zum menschlichen Dasein dazu.

Je älter man wird, desto schwieriger wird jedoch ein selbstständiges Leben ohne fremde Hilfe. Und damit kommt das nächste Problem: Wer auf Hilfe angewiesen ist, kann sie sich nicht zwangsläufig alles leisten, was man sich vorher so schön ausgemalt und vorgenommen hat.

Wenn die Eltern, Oma oder Opa krank oder alt werden, stehen auch die Kinder vor der Frage: Was tun?

Wird ihre Rente für die Versorgung im Alter noch reichen und was bedeutet die persönliche Betreuung und Pflege für einen selbst? Wenn aus dem gelegentlichen Besuch und der Frage am Telefon, ob alles in Ordnung sei, plötzlich mehr wird. Die meisten Kinder wollen Kinder bleiben, zumindest wenn es um die Pflege der eigenen Eltern geht. Wir sind zwar alle darauf programmiert, die eigenen Kinder zu behüten, zu pflegen und großzuziehen, aber die Eltern zu betreuen, passt in dieses Programm nicht wirklich hinein.

Im Alter heißt es nun Verantwortung für die Menschen zu übernehmen, die einen großgezogen haben, die zeitlebens Respektpersonen waren und Berater für einen selbst gewesen sind. Die Umkehrung der familiären Rollenbeziehungen ist häufig nur schwer zu akzeptieren. Kommt dann auch noch der Tag, an dem die Eltern zu Pflegefällen werden, kracht die Illusion vollständig zusammen. Hilflosigkeit, Ohnmacht, Selbstvorwürfe bestimmen die Suche nach einer Lösung auf die Frage: „Wohin mit den Alten?"

Diese vier Worte bergen einen Sprengstoff, der nicht selten Zwist in die Familien trägt. Ist die Betreuung der eigenen Eltern nicht eine familiäre Selbstverpflichtung? Gilt man andernfalls nicht als selbstbezogen und rücksichtlos? Hinzu kommen die Wünsche und Vorstellungen der Eltern, die es auch zu beachten und berücksichtigen gilt. Wer 40 Jahre oder mehr in den eigenen vier Wänden gelebt hat, möchte als älterer Mensch sein Zuhause nicht mehr verlassen und sich an eine neue Umgebung mit völlig anderen Spielregeln gewöhnen.

Sie wollen bleiben, wo sie sind. Und sie wollen auch nicht entmündigt werden, sondern selbst über ihre Zukunft entscheiden. Für viele, ob Eltern oder Kinder, löst der Gedanke an ein Pflegeheim Unbehagen aus. Eine häusliche Rundum-Pflege und Betreuung in den eigenen vier Wänden ist hingegen sehr teuer.

In unserer Gesellschaft, in der seit Jahren leidenschaftlich über die Vereinbarkeit von Beruf und Elternschaft debattiert wird, hat das Nachdenken über die Vereinbarkeit von Altersfürsorge und Familie und Beruf gerade erst begonnen. Doch genauso wie die ersten Jahre unseres Lebens der besonderen familiären Zuneigung bedürfen, braucht auch das Ende unseres Lebens Liebe, Zuneigung und familiäre Geborgenheit. Trotz des zumeist aufopferungsvollen Einsatzes des Pflegepersonals, kann eine familiäre Bindung, nicht vollständig durch einen professionellen Pflegedienst ersetzt werden.

Auf Grund dieser Entwicklungen brauchen wir eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, wie unsere Welt von morgen aussehen soll

Und dazu brauchen wir auch Konzepte, die von Jungen und Alten gemeinsam erarbeitet werden. Wir müssen die vielseitigen Veränderungen und deren Konsequenzen realistisch sehen und das Beste im Sinne einer Neugestaltung der Gesellschaft daraus machen. Dabei muss die Unantastbarkeit der Würde des Menschen und der Schutz des Lebens von Beginn bis zum letzten Atemzug Maßstab aller Entscheidungen und Handlungen in der Politik sein.

Doch welche sozialen Sicherungssysteme werden wir finanzieren können, ohne dass die Älteren in die Altersarmut geraten oder die Jüngeren durch Überforderung die ihnen obliegenden Lasten nicht mehr tragen können? Neben der Rentenkasse muss der absehbar steigende Pflegebedarf organisiert werden und bezahlbar bleiben, wie auch die Beiträge für die Krankenkassen bezahlbar bleiben müssen und ein jeder unabhängig von seiner sozialen Situation die beste und notwendige gesundheitliche Versorgung einfordern kann.

Pflegeheime im europäischen oder außereuropäischen Ausland können auf freiwilliger Basis individuelle Abhilfe schaffen, taugen aber nicht zum generellen Modell für den menschengerechten Umgang mit den Älteren in unserer Gesellschaft. Auch Erhöhungen der Renten werden nicht dazu taugen, den gordischen Knoten in der Versorgung der Senioren im Alter zu durchschlagen.

Ich halte es daher notwendig, dass wir in der Rentenpolitik auch in Zukunft festen Grundsätzen und Überzeugungen folgen. Dazu gehört u.a., dass die durch Beitragsleistung finanzierte Alterssicherung auch in Zukunft höher sein muss als die staatliche Fürsorgeleistung. Ebenso muss die Anpassung der Renten weiterhin dem Grundsatz folgen, dass sie sich an den Löhnen orientiert. Die Sicherung einer angemessenen Alterssicherung muss darüber hinaus in der Verantwortung des Staates liegen. Daneben sind die betriebliche und private Vorsorge als ergänzende Säulen unerlässlich.

Beschäftigungs-Möglichkeiten für Ältere

Wir müssen uns aber auch mehr denn je darüber Gedanken machen, wie wir die Beschäftigungsmöglichkeiten der Älteren gestalten. Wie muss das Rentenalter bemessen sein, und wie können und sollen sich weitere Beschäftigungsmöglichkeiten entwickeln, die nach dem heute geltenden Rentenalter angestrebt werden? Dabei muss ganz klar sein, dass alte Menschen tätig sein können. Aber alte Menschen haben es sich auch verdient, keinem Leistungsstress mehr ausgesetzt und im Regelfall nicht mehr auf das Hinzuverdienen im Alter angewiesen zu sein.

Wie sieht es darüber hinaus mit altersgerechten Wohnungen aus, wie mit einer Infrastruktur, zumal in ländlichen Gebieten, wo die meisten Älteren wohl in Zukunft leben werden? Wir brauchen auch hier neue Ideen, wie alte Menschen Nähe, Solidarität und Hilfe außerhalb der Familie erleben können. Das klappt z.B., wenn ältere Menschen Wohngemeinschaften bilden oder wenn so genannte junge Alte Hochbetagten helfen.

Wer keine jüngeren Familienangehörigen hat, wird umso mehr auf ein Netzwerk von Freunden angewiesen sein. Darum sind neue Orte der Begegnung zwischen Jung und Alt so wichtig. Mehrgenerationenhäuser und Nachbarschaftszentren etwa bieten solche Orte der Begegnung und des Miteinanders. Viele berufstätige Eltern, die das Glück haben, die Großeltern in der Nähe zu wissen, sind dankbar für deren Mithilfe, das häusliche Leben am Laufen zu halten.

Ehrenamt fördern

Auch außerhalb der eigenen Familie können ähnliche Hilfen als "Wahlomas" und "Leihopas" viel Gutes bewirken. Das zeigt: Altenfreundlichkeit und Kinderfreundlichkeit haben viel miteinander zu tun. Darum müssen wir zusätzliche Angebote gerade auch für Ältere schaffen und fördern, die sich freiwillig in den Dienst einer guten Sache stellen wollen und sich in Einrichtungen wie Freiwilligenagenturen, Ehrenamtsbörsen und Seniorenbüros engagieren.

Wie viel Erfüllung in einem tätigen Leben im Alter steckt, das entdecken immer mehr Menschen, die freiwillig ehrenamtliche Aufgaben übernehmen. Ich denke, dass wir noch gar nicht ermessen können, welche großen Möglichkeiten es da gibt - etwa in Vereinen und Kirchen, in Bildung und Kultur oder Sozialeinrichtungen.

Kulturwandel in der Wirtschaft

Und wir brauchen zu guter Letzt einen Kulturwandel in der Wirtschaft. Die deutsche Wirtschaft und die soziale Marktwirtschaft hat der Grundsatz stark gemacht, dass die Wirtschaft dem Menschen dienen soll und nicht umgekehrt. Was wir daher in den Unternehmen brauchen ist auch eine neue Kultur für die Familie. Dabei ist es egal, ob es um die Belange der Kinder, der Eltern oder der Großeltern geht. Hinzu kommt, dass die Unternehmen gefordert sind, jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt

wieder mehr Sicherheit zu vermitteln und flexibel auf die jeweiligen Bedürfnisse der entsprechenden Lebensphasen reagiert. „It's the economy, stupid", kann niemals zum Leitspruch einer Gesellschaft werden, die generationengerecht Zukunft gestalten will.

Aus diesem Grund haben wir in dieser Legislaturperiode mit dem Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf ein Instrument im Sinne Familien geschaffen, um die bestehenden Regelungen im Pflegezeitgesetz (PflegeZG) und im Familienpflegezeitgesetz (FamiliepflegeZG) weiterzuentwickeln und besser miteinander zu verzahnen. Als Politik wollen wir damit unseren Beitrag für eine familiengerechte Wirtschaft leisten.

Auf der Suche nach einer Antwort für die Frage: „Wohin mit Oma - oder vergessen wir die Alten" muss man daher leider feststellen, dass es keine einfache Antwort auf diese Frage gibt. Jeder Versuch einer Antwort kann nur einen Teil des Rätsels Lösung sein, die im besten Fall ineinander greifen, um zu einer Gesamtlösung zu kommen. Es bedarf daher in den kommenden Jahren erheblicher gesamtgesellschaftlicher Anstrengungen, um im gesellschaftlichen Konsens, die Alten nicht zu vergessen und gleichzeitig den Jungen die Chance auf Selbstverwirklichung und Entwicklung zu geben.


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