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28/03/2016 07:22 CEST | Aktualisiert 29/03/2017 07:12 CEST

„Er macht sich lächerlich" - Das sagt ein Dschihadist über den IS

zabelin via Getty Images

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Abdullah Anas (*1958) ist definitiv ein alter Dschihadist. Der großgewachsene, kräftige Algerier ist mittlerweile in seinen späten Fünfzigern, hat fünf Söhne und betreibt in London einen islamistischen Satellitenkanal, der die Botschaft der algerischen Muslimbrüder zurück in seine Heimat transportiert. Während der frühen 1980er war er einer der Ersten, die dem Ruf Abdullah Azzams folgten.

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Er kam nach Afghanistan, um den Märtyrertod zu sterben, doch stattdessen machte er bei den arabischen Afghanen Karriere, lernte Osama Bin Laden kennen und gewann Abdullah Azzam als seinen Mentor. So eng wurde das Verhältnis zwischen den beiden, dass er dessen Tochter heiratete. In dschihadistischen Kreisen gehört er damit zum Hochadel.

Ich treffe Anas in London am Trafalgar Square. Wir kennen uns seit 2008 und haben seitdem ein halbes Dutzend Mal miteinander Tee getrunken. Wenn mir eine Frage unter den Nägeln brennt, schreibe ich ihm auf Facebook - und bekomme meist innerhalb weniger Minuten eine Antwort. Bei unserem Treffen geht es um die Institution des Kalifats. Was bedeutet es ihm? Und wie wichtig ist es für die Dschihadisten? Anas zögert keine Sekunde:

Jeder Muslim weiß um die Bedeutung des Kalifats. Es ist eine Vision - und gleichzeitig ein politisches Projekt. Die Nächste Welle ist, dass alle Muslime an einem Strang ziehen und mit einer Stimme sprechen. Dass es keine Grenzen gibt und wir einen Markt, eine Währung, eine Stimme, eine Verfassung und eine Regierung haben. Dass wir auf gleicher Augenhöhe sind mit Amerika, Europa, Russland und China. (Interview mit Abdullah Anas, 8. April 2015.)

Später wird deutlich, dass ihm die genaue Struktur des Staates, seine Funktionen und die Person des Kalifen gar nicht so wichtig sind: Wenn Anas vom Kalifat spricht, meint er damit Stärke und das Streben nach Einigkeit. Das Kalifat, das im Juni 2014 vom Islamischen Staat ausgerufen wurde, lehnt er ab:

Das Kalifat von [Abu Bakr] al-Baghdadi ist bloß ein Slogan. Worum es gehen sollte, ist Bildung, Wissen, Freiheit und Gerechtigkeit - dann entsteht das Kalifat von ganz allein. Wer sich Kalif nennt, ohne die Grundlage dafür geschaffen zu haben, macht sich lächerlich. Al-Baghdadi verwendet Worte, die keine praktische Bedeutung haben.

Doch selbst er muss eingestehen, dass al-Baghdadi geschafft hat, wovon seine Kameraden nur träumen konnten: ein erfolgreicher und expandierender salafistischer Staat im Herzen des Nahen Ostens; ein Magnet für Auslandskämpfer; und ein Orientierungspunkt für Dschihadisten in der ganzen Welt. Selbst Bin Laden war hiervon meilenweit entfernt.

Weder Anas noch irgendjemand sonst hatte den rasanten Aufstieg des Islamischen Staates vorausgesagt. Vier Jahre zuvor galt sein Vorgänger, der Islamische Staat im Irak, als besiegt. Ein Jahr später wurde die gesamte dschihadistische Bewegung totgesagt. Selbst im Frühjahr 2014 sprach niemand von einem Kalifat.( Vgl. Steve Contorno, .What Obama said about Islamic State as a ›JV‹ team., Politifact, 7. September 2014.)

Dschihadismus und dschihadistische Terrorgruppen gab es bereits vorher, und auch die Konflikte und Spaltungen im Nahen Osten, die sich der Islamische Staat zunutze macht, sind nichts Neues. Aber niemals zuvor war hieraus ein so ambitioniertes Staatsbildungsprojekt entstanden. (Vgl. Volker Perthes, zitiert in Thorsten Herdickerhoff, .Neue Grenzen in Nahost., Vorwärts, 18. November 2014, http://www.vorwaerts.de/artikel/neue-grenzen-nahost.)

Der Islamische Staat ist ein Möchtegern-Weltreich, das die ganze Welt zum Feind erklärt und - gleichzeitig - überall auf der Welt Unterstützer findet. Selbst die Iranische Revolution hatte keine solche Strahlkraft und kein derart ambitioniertes Programm. Natürlich kam der Islamische Staat nicht aus dem Nichts. Er ist ein Produkt des Arabischen Frühlings und - wichtiger noch - der dschihadistischen Bewegung, die von Azzam, Bin Laden und Anas in Afghanistan in den 1980er Jahren in Gang gesetzt wurde.

Aber gleichzeitig ist er Ausdruck und Ausgangspunkt einer neuen Welle. Wie in allen anderen Wellen kulminierten im Islamischen Staat eine Reihe von Bewegungen und Entwicklungen, die sich seit Jahrzehnten angedeutet hatten. Doch gleichzeitig hat die neue Welle ihren eigenen Charakter. Die Bewegung erfand sich neu: Sie mobilisiert eine jüngere Generation, verfolgt ähnliche, aber viel weitreichendere ideologische Ziele, schafft neue Institutionen und verwendet noch extremere Methoden.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Die neuen Dschihadisten" Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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Ullstein

256 Seiten

ISBN-13 9783430202039

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