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06/03/2015 03:14 CET | Aktualisiert 06/05/2015 07:12 CEST

Von Null auf Eins- wird Amazon zum neuen deutschen Fernsehen?

Auf die Frage "Welchen Video-on-Demand-Anbieter nutzen sie zur Zeit am häufigsten?" nannten 33,2 Prozent Amazons Prime Instant Video. Die Nächstplatzierten Maxdome und iTunes kamen jeweils nur auf 11,3%.

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Wow. Geahnt hatte man es ja schon irgendwie, schließlich gab es bereits Indizien, aber die aktuellen Zahlen der renommierten Fachleute von Goldmedia sind ziemlich krass. Nur ein Jahr nach dem Start ist Amazon wohl eindeutiger Marktführer für Video on Demand (VoD) in Deutschland. Nach der Goldmedia-Studie, für die im Februar Internet-Nutzer im Alter von 18 bis 69 Jahren befragt wurden, nutzen bereits 35 Prozent aller "Onliner" in Deutschland VoD-Angebote. Vor sechs Monaten im September 2014 waren es noch rund 20 Prozent.

Auf die Frage "Welchen Video-on-Demand-Anbieter nutzen sie zur Zeit am häufigsten?" nannten 33,2 Prozent Amazons Prime Instant Video. Die Nächstplatzierten Maxdome und iTunes kamen jeweils nur auf 11,3%. Und das ist noch nicht einmal alles- weitere 5,7 Prozent gaben an, Amazons Verleih- und Kaufservice Instant Video zu nutzen. Netflix dagegen liegt mit gerade einmal 8% der Befragten deutlich auch noch hinter Marktpionier Maxdome, Apples iTunes oder Google Play zurück.

Das rasante Wachstum des VoD-Marktes insgesamt pulverisiert geradezu alle früheren Prognosen. Und Amazons attraktives Paket aus Prime-Lieferservice für den E-Commerce zusammen mit einem großen Film- und Serien-Angebot scheint tatsächlich den Markt aufzurollen. Ja, es gibt erfolgreiche Mediatheken der Fernsehsender. Ja, es passiert noch viel mehr auf diesem Markt als Amazon. Aber die Verantwortlichen bei ARD, ZDF, RTL, ProSiebenSat.1 & Co. sollten den wirtschaftlich nicht sonderlich erfolgreichen Kampf der deutschen Verlage mit dem Internet um ihre Leser genau studieren. Und sich fragen, was ein Konkurrent der im Zukunftsmarkt "NewTV" so eben mal in zwölf Monaten von Null auf Eins startet, denn in den kommenden Jahren noch so alles erreichen könnte.

Auch interessant: Die Frage, welche Filme und Serien die Nutzer zuletzt gesehen haben, brachte bei den Serien "The Big Bang Theory" (7,4%), "Breaking Bad" (6,9%) und "The Walking Dead" (4,8%) auf die ersten drei Plätze. Neben wenigen TOP Serien zeigte die Auswertung dann eine sehr breite Streuung der Nutzerinteressen.

Noch auffälliger ist dieser "Long Tail-Trend" bei den beliebtesten Spielfilmen. Die führende "Hobbit"-Trilogie wurde von gerade einmal drei Prozent der VoD-Nutzer genannt, bei der zweitplatzierten "The Hunger Games"-Trilogie waren es etwas mehr als zweieinhalb Prozent. Es folgen auf den Plätzen der Film "Noah" und "Batman - The Dark Knight Trilogy". Nur etwa 30 Filme wurden überhaupt von mehr als einem Prozent der Nutzer gesehen. Video on Demand ist anscheinend kein "Fernsehen für den kleinsten gemeinsamen Nenner"- es kann auch den individuellen Zuschauergeschmack bedienen.

Mittlerweile geben die "Amazon-Studios" fast täglich neue Produktionsaufträge bekannt. So hat "The Man in the High Castle" die aktuelle "Pilot Season" von Amazon gewonnen, und zwar deutlich. Die Serie nach dem Roman "Das Orakel vom Berge" von Philip K. Dick bekommt deshalb grünes Licht für die Produktion einer kompletten Staffel. Wir können also bei "Amazon Prime" bald mehr darüber erfahren, wie die USA der 60er Jahre denn so ausgesehen hätten- wenn Deutschland und Japan die Sieger im 2. Weltkrieg gewesen wären.

Selbst für "The New Yorker Presents" hat es bei Amazons Zuschauerwahl gereicht. Das ist eigentlich ein TV-Magazin. Der Namensgeber "The New Yorker" ist Amerikas meistausgezeichnetes Magazin und es geht um Kunst, das Leben im Allgemeinen und die Großstadt im Besonderen und es ist inhaltlich anspruchsvoll. Es ist intellektuelles Fernsehen auf hohem Niveau für eine ganz spitze Zielgruppe. Etwas, von dem bisher behauptet wird, dass es so etwas im Netz-TV der YouTube-Schminkstars, Musikvideos und Drama-Serien fürs "Binge-Watching" gar nicht geben kann.

Amazon macht es jetzt einfach. Aus den USA wird berichtet, dass die vom klassischen Fernsehen so ersehnten jüngeren Zielgruppen sich gerade rasant wie nie genau davon verabschieden. Seit 2012 verlor das US-Fernsehen jährlich 4% der 18 bis 34 Jahre alten Zuschauer. Zwischen September 2014 und Januar 2015 sank der Zuspruch dagegen laut Nielsen um 10,6%.

Das ist für eigentlich feste Familiengewohnheiten wie TV ein Erdrutsch. "Der Wandel im Zuschauerverhalten ist atemberaubend", so Alan Wurtzel, "Audience Research Chief" bei NBCUniversal. "Eine solche Verhaltensänderung habe ich nie zuvor beobachtet".

Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Nun, ganz einfach: Sowohl "The Man in the High Castle" als auch "The New Yorker Presents" wollen die Zuschauer offenkundig sehen. Aber beide Projekte sind nicht der "kleinste gemeinsame Nenner" und hätten deshalb im klassischen Fernsehen kaum noch eine Chance. Im von Gremien regierten deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen vielleicht gar keine.

Web-TV macht es möglich, Nischen zu bedienen. So viele Nischen, dass für das herkömmliche Quoten-TV möglicherweise bald keine Nische mehr bleibt.


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