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04/04/2016 05:55 CEST | Aktualisiert 05/04/2017 07:12 CEST

Terror und Narzissmus

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Wenn ich die vergangenen 10+ Jahre vor meinem geistigen Auge Revue passieren lasse, kann ich mich kaum des Eindrucks erwehren, dass wir von Narzissten mit gottgleichen Fähigkeiten (dem technologischen Fortschritt sei Dank) umzingelt und unterwandert worden sind:

Ein Mann will mit seiner Ex-Frau sprechen und entführt zu diesem Zweck kurzerhand eine Egyptair-Passagiermaschine nach Zypern - ganz easy im Alleingang und mit einer Sprengstoffgürtelattrappe. In den Medien wurde, vermutlich zu Recht, der Eindruck eines labilen Mannes erweckt. Doch während ich halbherzig der Berichterstattung folgte, gingen mir vor allem die Begriffe Selbstherrlichkeit und Narzissmus durch den Kopf.

Brüssel und Co.

Auch die IS-Attentäter in Brüssel können hier als Beispiel dienen. Sie stammen aus einfachen und nicht gerade progressiven Verhältnissen. Sie scheiterten, verloren Jobs, ließen dann ihrer kriminellen Energie freien Lauf, bis hin zur Entführung und Gewaltanwendung mit Schusswaffen.

Sie haben "versagt" und irgendwann mit Ende 20 (vielleicht schon früher) muss ihnen klar geworden sein, dass verflucht viele Züge abgefahren und verdammt viele Türen geschlossen sind. Es bedarf schon der jugendlichen Naivität eines 17-jährigen, um zu glauben, dass der Zug noch mal zurückkommt und die Türschlüssel noch irgendwo herumliegen.

Auf dem Laptop von Ibrahim El Bakraoui, einem der Brüssel-Attentäter, wurde ein Dokument gefunden, in dem der junge Mann schreibt, er fühle sich nicht sicher und stets gejagt, dass er nicht in einer Zelle enden will. Wie authentisch dieses Testament ist, vermag ich nicht zu sagen. Doch anscheinend war der gewalttätige Mord an über 30 Mitmenschen in Ibrahims Augen die naheliegende Antwort auf widrige Umstände.

Ich bin selbst in diesem Alter und frage mich bisweilen: Was ist noch möglich, wo wollte ich hin und was kann ich davon, realistisch betrachtet, noch erreichen? Man ist gewiss nicht alt - aber auch nicht mehr ganz jung. Noch etwas unerfahren - doch nicht mehr naiv optimistisch.

Übrigens sind viele islamistische Terroristen, die in den letzten Jahren Anschläge auf europäischem Boden verübt haben und Europäer, die sich dem IS anschließen, Mitte bis Ende 20. Nachdem man die Allmachtfantasien abgelegt und die Welteroberungspläne in irgendeiner Schublade verstaut hat, kämpft sich eines Tages dennoch dieses Gefühl frei:

Ein tiefes Verletzt-sein. Das verletzte Ego junger Männer, die nicht wissen, ob es für sie noch ein Amerika zu entdecken und einen Mond zu erreichen gibt. Ihr Selbstwertgefühl wird beschädigt - mehrmals - über lange Zeit - und schließlich wird überkompensiert. Warum auch nicht? Der charismatische Typ mit dem Bart meinte, das sei okay.

Die Details hinter diesen persönlichen Geschichten variieren jedoch massiv.

Individualisieren statt Kategorisieren

Obwohl wir in individualistischen, fast narzisstischen Gesellschaften leben, bemühen wir uns nach jedem Anschlag und ebenso, wenn wir mit Phänomenen wie den sogenannten foreign fighters in Syrien konfrontiert werden, um gründliches Kategorisieren, um das Erstellen von Profilen, die wir tausenden von Menschen aufzwängen können. Das ist nachvollziehbar. Aufgrund unserer Geschichte sind wir wissenschaftsgläubig, universalistisch und problemlösungsorientiert.

Der Natur der Sache (dass es um verletzte individuelle Egos geht), der Abwesenheit brauchbarer Profile (eine Binse der Terrorismusforschung) und der Tatsache, dass wir in humanistischen, das Individuum verehrenden Gesellschaften leben, ist es geschuldet, dass wir uns nicht nur auf Kategorien, sondern parallel dazu auf die Verortung des Einzelnen in einer globalen Massengesellschaft einlassen.

Denn darum geht es wirklich: Dass man in einer Welt mit 7 Milliarden Individuen (wir nähern uns 9 Milliarden) einfach kein Narzisst mehr sein kann. Das wird langfristig nicht gutgehen.

Als Bewohner Brüssels habe ich den städtischen Alltag von den Attentaten im nahen Paris, über das Fluten belgischer Straßen mit Polizei und Militär sowie die darauffolgenden angespannten Monate bis hin zu den Anschlägen miterlebt: Die Macht dieser wütenden Einzelnen, unseren Alltag, unsere Affekte zu bestimmen, lässt einen erschaudern.

Die gute alte Zeit

Terroristen in den 60ern und 70ern haben sich noch nicht in die Luft gesprengt und sich bei ihren Rechtfertigungen seltener auf fundamentalistische religiöse Ausschließlichkeit gestützt. Es ging eher um Nationalismus, Sozialismus, Anti-Kolonialismus, Dinge, über die man reden, Probleme, die man lösen konnte.

Die Flugzeugentführung in Zypern wurde nicht umsonst als "klassisch" bezeichnet. Sie hatte einen Hauch von PFLP. Menschen wurden freigelassen und nicht direkt - samt Attentäter - in Stücke gerissen. Damals, in der guten alten Zeit, lebten auf dieser Kugel nur 3 bis 4 Milliarden Menschen. Fliegen war etwas Besonderes, die digitale Parallelwelt existierte noch nicht. Man latschte nicht von Afghanistan, Eritrea oder Syrien bis nach Schweden. Die Welt des Kalten Kriegs war verrückt - aber überschaubar.

Heute sind wir hoch-technologisiert und extrem vernetzt, können blitzschnell reisen und kommunizieren. Verglichen mit dem Einzelnen in den 60ern und 70ern haben Individuen heute unglaubliche Fähigkeiten und Möglichkeiten, zum Beispiel innerhalb von Sekunden große Menschenmengen zu töten ... und fühlen sich dabei marginalisierter und machtloser denn je.

Egal worunter du (bzw. dein Ego) zu leiden hast - 100 Millionen anderen geht es genauso. Und alle können sich flott eine Nagelbombe basteln und in kürzester Zeit über die entsprechenden Netzwerke überall hingelangen, um Unheil anzurichten. In einer Metrostation oder womöglich in einem belgischen AKW.

Wir leben also auf einem Planeten mit Milliarden freier Willen, getrieben von der Hoffnung auf sozialen Aufstieg oder schmerzender historischer Demütigung, welche nach einem positiven Selbstbild schreit.

Individuen als Massenphänomen

Sicherlich handelt es sich bei sogenannten foreign fighters, hausgemachtem islamistischem Terrorismus und verwandten Erscheinungen tatsächlich um Massenphänomene.

Meiner Beobachtung nach müssen wir im gleichen Maße jedoch das Individuum thematisieren: Das Individuum (und Individualismus) als Massenphänomen. Eine der großen Herausforderungen unserer Zeit ist somit die Bewältigung eines riesigen lone(ly) wolve Rudels auf der Suche nach Schmerzabfuhr, positiven Selbstbildern und Möglichkeiten, die innere metaphysische Leere zu füllen.

Und dabei haben alle ihre ganz eigenen Wehwehchen, die auch allesamt wichtiger sind als alle anderen.

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