BLOG
28/09/2015 06:11 CEST | Aktualisiert 28/09/2016 07:12 CEST

Wie die Flüchtlingskrise uns verändern wird

Anadolu Agency via Getty Images

Langsam aber sicher beginnen politische Entscheidungsträger von Brüssel bis Berlin den Schock darüber zu verwinden, dass der Syrienkrieg nicht mehr nur in Foreign Affairs Beiträgen stattfindet - sondern in Europas Bahnhöfen und Flüchtlingslagern widerhallt.

Doch mit Kopfpauschalen vom Bund, kürzeren Bearbeitungszeiten für Asylanträge und ähnlichen Initiativen in Deutschland - obgleich sehr ermutigend und hilfreich - ist es nicht getan.

Vergleiche zu ähnlichen Geschehnissen

Zudem fragt man sich, ob Vergleiche zu ähnlichen Geschehnissen wie den über 10 Millionen Flüchtlingen aus den früheren Ostgebieten, den ungarischen Flüchtlingen des Jahres 1957 und jenen aus dem ehemaligen Jugoslawien in den 90ern wirklich passend sind. Im heutigen Fall scheint es um mehr zu gehen als um kurzfristiges Krisenmanagement und den richtigen politischen Kraftakt.

Ist es nicht etwas anderes, wenn Menschen aus fremden Kulturen, einer anders gewachsenen Zivilisation zu uns kommen, Menschen, die keine europäische Muttersprache haben - und dies (in Zukunft) zu Hunderttausenden? Nun kann man sagen, dass wir diese Hürden durch etwas guten Willen und Willkommenskultur, frühere Migrationserfahrungen sowie wirtschaftliche Stärke überkommen können.

Reicht das?

Allerdings steht weiterhin die Frage im Raum, ob das auch noch reicht, falls Millionen weiterer Kriegs-, Klima- und Wirtschaftsflüchtlinge (bzw. Menschen, die all das in Personalunion sind) aus dem Nahen Osten und Afrika zu uns kommen. Die arabische Welt ist erst demographisch und in der Folge sozio-politisch explodiert.

Doch dort lässt die Fruchtbarkeitsrate bereits nach. Afrika hingegen wird noch stark wachsen.

Spill-Over-Effekte

Wenn man einkalkuliert, dass ein beträchtlicher Teil der Menschen in diesen Regionen gerne zu uns kommen würde, dass sich Konflikte durch Spill-Over-Effekte oft fortpflanzen (siehe Libyen und Mali) und dass der Klimawandel in Form einer jahrelangen Dürre in Syrien und des Austrocknens des Tschadsees in Nigeria bereits zu massiven Gewaltausbrüchen beigetragen hat, erscheint Masseneinwanderung wahrscheinlich genug, um diese Option weiterhin auf dem Schirm zu haben.

Stellen wir dieses unerfreuliche Szenario einmal als Prämisse in den Raum.

Da wir moralisch und juristisch dazu verpflichtet sein werden, viele dieser Menschen aufzunehmen und weil wir nebenbei auch junge Arbeitswillige in Europa brauchen, um Verhütungsmittel und Selbstverwirklichungsambitionen auszugleichen, sollten wir uns überlegen, WER und WAS wir in Zukunft sein wollen. Es sei denn, man möchte einfach abwarten und den lieben Gott 'nen guten Mann sein lassen - auch eine Möglichkeit.

Könnten die europäischen Staaten also in Zukunft zu Einwanderungsländern werden - zu richtigen Einwanderungsländern und nicht nur ihrer Migrationsstatistik nach zu urteilen? Wie würde eine solche Entwicklung aussehen, da Europas Staaten doch die Prototypen des Nationalstaates darstellen - einer politischen und gesellschaftlichen Organisationsform, welche nicht nur in Europa die turbulente Geschichte der vergangenen Dekaden und Jahrhunderte überdauert hat, sondern bis heute die westfälische Weltordnung prägt.

EU-Müdigkeit

Bereits vor der Flüchtlingswelle hat man dem Kontinent jene EU-Müdigkeit angemerkt, die Rechtspopulisten nach oben gespült hat. Brüssel wird skeptisch beäugt in einem Europa, in dem beinahe jedes Volk seine Ruhm- und Glanzzeiten erlebt (und nicht vergessen) hat.

Sowohl zwischen den calvinistischen Schulmeistern im Norden und den Lebemännern im Süden als auch zwischen den Flüchtlingsmoralisten im Westen und den Heterogenitätsskeptikern im Osten verlaufen nun Gräben, welche die Vereinigten Staaten von Europa zurzeit kaum vorstellbar erscheinen lassen.

Nationalstaatsgedanken

Der Nationalstaatsgedanke sitzt weiterhin tief. Brüssel als Hauptstadt einer Einwanderungsföderation wirkt nicht überzeugend und die Beispiele Schwedens, welches sich aufgrund seiner liberalen Einwanderungsgepflogenheiten mit wachsenden Herausforderungen für den sozialen Frieden konfrontiert sieht, sowie der klassischen Einwanderungsländer (Kanada, USA, Australien etc.), die schon seit einiger Zeit sehr selektiv bei Ihren Neuzuwanderern vorgehen, werfen Fragen auf. Sollten wir skandinavisch-moralisch agieren oder lieber angelsächsisch-ökonomisch?

Doch in Wahrheit stellt sich diese Frage nur theoretisch, da Menschen, die vor miserablen Lebensumständen flüchten so oder so kommen werden. Wir sind schließlich keine Insel der Seligen.

Außerdem agiert Europa nicht - es reagiert.

Wir haben die militärische Gefahreneindämmung und den Schutz der Hauptschifffahrtswege den Amerikanern überlassen und uns auf den Ausbau exquisiter Wohlfahrtsstaaten konzentriert - die EU als wirtschaftlicher Riese und politischer Zwerg. Das war unsere Entscheidung und nun, da entschlossenes Handeln in schweren Zeiten gefordert wird, bricht Panik aus wegen einer Flüchtlingszahl, über die die Türkei nur lachen kann.

Wenn wir also weder politisch noch militärisch dem Treiben im Nahen Osten Einhalt gebieten oder Fluchtursachen in Afrika bekämpfen können (oder wollen) und aufgrund moralischer Erwägungen keinen Limes im Süden erreichten möchten, dann werden wir wohl zum humanitären Koloss werden.

Willkommenskultur und Brandstifter

Da die deutschen Medien ihr Augenmerk vorhersehbarerweise nur auf die Willkommenskultivierten an den Bahnhöfen und die Brandstifter im Osten und anderswo gerichtet haben, ist es schwer einzuschätzen, wie die vielen 10 Millionen dazwischen die Flüchtlingsthematik wahrnehmen.

Wie werden sie reagieren, wenn das neu entstandene Nationalbewusstsein der Deutschen durch Migrationsbewegungen historisch überlebt wird aber auch die nun in Frage gestellte europäische Idee als Identitätsstifter nicht ausreichen wird.

Masseneinwanderung als Normalität

Werden die Menschen mit ihrem Staat als schlichtem Verwaltungsapparat, als Manager der Flüchtlingsströme und Finanzkrisen zufrieden sein? Wenn Masseneinwanderung zur Normalität wird, mit welcher Identität werden wir die Lücke zwischen dem Konzept Blutslinie und dem Konzept Bundesrepublik Europa füllen? ... Und was, wenn da nichts kommt?

Wir sollten die böse Vorahnung nicht als reaktionär in den Wind schlagen: Dass sich eine Gesellschaft, die durchschnittlich auf die 50 zugeht, sehr um Renten und Sozialsysteme sorgt; dass Menschen mehr von ihrer ausgewählten Staatsform erwarten könnten als einen schlichten Verwaltungsakt; dass demokratische Gesellschaften vielleicht in der Tat auf eine gewisse Homogenität angewiesen sind (zumindest was grundsätzliche Werte angeht).

Immerhin haben sich liberal-demokratische Gesellschaften auch parallel als homogenisierte Nationalvölker entwickelt - oder sie teilten einen Traum respektive eine Mission (so wie die USA oder Israel).

Doch was heißt das am Ende für uns in Europa und in Deutschland?

Es bedeutet nicht, dass wir keine große Zahl an Flüchtlingen aufnehmen können. Es bedeutet allerdings, dass legale Einreisemöglichkeiten durch Asyl-Einrichtungen in Drittländern kreiert werden müssen und dass wir unsere Außengrenzen stärker sichern sollten, um Europäern das Gefühl zu geben, dass die Behörden wissen, wer wann weshalb reinkommt.

Wir müssen unsere Wohlfahrtsstaaten herunter- und den Verteidigungsetat sowie Entwicklungshilfeausgaben hochfahren, damit Menschen in Flüchtlingslagern geholfen und Länder mit Krisenpotential stabilisiert werden können. Außerdem kann Europa außenpolitisch nur dann handlungsfähig sein, wenn nicht nur dessen soft power, sondern auch dessen hard power ernst genommen wird.

Bildungssektor aufpäppeln

Gleichzeitig sollten wir unseren Bildungssektor aufpäppeln - was in den vergangenen Jahren bereits recht gut gelungen ist. Dadurch können wir verhindern, dass viele neu Zugewanderte im Transfersektor stecken bleiben.

Denn wenn wir für Hochgebildete - aus Deutschland und anderen Ländern - attraktiv sein wollen, müssen wir ihnen eine tragbare Steuerlast bieten (d.h. bei mehr Auslands- und Militärausgaben weniger Wohlfahrtsstaat), darüber hinaus gute Bildungsmöglichkeiten für ihren Nachwuchs und ein gesundes gesellschaftliches Klima ohne brennende Banlieues (sonst laufen unsere Schlauen weg und die der anderen kommen nicht).

Wenn wir also nicht nur moralisch führend in der Welt sein wollen (was ja auch eine Option wäre), dann wird das ein hartes Stück Arbeit. Doch wie gehabt: Man kann sich ja auch eine andere Prämisse aussuchen.

Lesenswert:

Ein Mann im Regen bewegt das Netz: Inmitten des Horrors: Diese Flüchtlingsbilder sind herzzerreißend

Unterkunft auf Zeit: Drei Ingenieure kämpfen gegen die Wohnungsnot in der Flüchtlingskrise

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite