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12/10/2015 05:50 CEST | Aktualisiert 12/10/2016 07:12 CEST

Feature zum internationalen Tag gegen die Todesstrafe

Thinkstock

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Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!

Dieser Satz aus der Bibel trifft wie ein eben

solcher Stein ins Schwarze... Ja, wer ist ohne Schuld... Wer hat nicht einen

schweren Fehler in seinem Leben begangen... Ist nicht schon mal „ausgerastet"...

oder hat seinem Gegenüber schlimmes gewünscht...


Es ist diese zentrale Frage, die „uns" von

„denen" im Todestrakt eben nicht trennt.

Ein jeder von uns hat in seinem Leben Schuld auf

sich geladen. Nicht alles war wieder gut zu machen. Und doch manches konnten wir

reparieren oder wenigstens den Schaden schmälern.

Und ja, viele von uns haben schon gedacht: „Diesen

Verbrecher sollte man töten!".

Die wenigsten von uns kennen dabei die genauen

Hintergründe. Was für ein Mann oder eine Frau war das? Wie sah seine Kindheit

aus? Wie kam es zu der Tat? Und vor allem, wie denkt der Täter in 20 Jahren

darüber und welche Schlüsse und Konsequenzen wird er für sich daraus ziehen...


Die Todesstrafe scheint ein Reflex aus grauer

Vorzeit zu sein.

Über ihre Geschichte haben wir uns meist keine

Gedanken gemacht. Damals wurden Menschen geopfert um die Götter gnädig zu

stimmen. Um mit dem Opfer uns von unserer eigenen Schuld zu befreien. Indem wir

„den da" töten, grenzen wir uns von ihm ab. Machen ihn zum Unmenschen, der nicht

mehr zu uns, zu denen die ohne Schuld sind, gehört. Wir betrachten sein

Verbrechen isoliert von uns. Es ist etwas „womit wir nichts zu tun haben". Und

indem wir uns dem Täter entledigen, entledigen wir uns unserem eigenen Anteil,

an seiner Tat.

Denn, was haben wir denn „damit" zu tun! - „Wir sind

keine Monster! Wir sind Menschen! - Er ist das „Monster!" - Und wir übersehen

dabei, dass wir selbst zu Mördern werden, wenn wir ihn töten. Das gelingt uns

nur, weil wir dem Täter alles menschliche absprechen. Ihn zur Bestie erklären

und ihn somit aus der menschlichen Gemeinschaft ausstoßen...


Der Täter ist in unserer Gesellschaft

aufgewachsen.

Er wurde von unserer Gesellschaft geformt. War

eingebunden in „unsere" Vorstellung davon, was richtig und falsch ist, was gut

und schlecht ist. Wir erzogen ihn mit unserer Moral und unseren Werten. Dabei

scheinen diese Werte und Moral für uns so selbstverständlich, als wären sie

schon immer da gewesen... Wir hinterfragen sie kaum...

Was würde wohl ein Ureinwohner Papuas zu unseren

Lebensvorstellungen sagen. Vieles aus unserem Leben erscheint anderen Kulturen

nicht nur absurd, sondern oft sogar als Verbrechen... Und so lösen sich

vielleicht unsere heiligen Werte in Luft auf, wenn wir es zulassen würden sie zu

hinterfragen.


Irgendwo wissen wir alle, dass unser Leben

falsch ist.

Dass es das Gegenteil von dem ist, was die Natur

für uns vorgesehen hat, mal vorausgesetzt sie könnte denken. Wir vernichten

unseren Planeten. Blasen mit unseren Autos Abgase in die Luft und tun

ebensolches mit unseren Fabriken. Wir fliegen in Massen um die Welt und nennen

das Urlaub, dabei wissen wir genau, dass wir mit diesem Verhalten unseren

Kindern eine kranke Welt hinterlassen. Wir produzieren Unmassen von

überflüssigen Konsumartikel und lassen es zu, dass unsere Kinder durch die

allgegenwärtige Werbung verführt, ja vergewaltigt werden, all diesen Müll zu

kaufen... Ein jeder kann sich hier seine eigenen Gedanken machen und sie

hinzufügen, zu viel fällt dem Autor dazu ein, als das es hier Platz finden

könnte.


Ja! - Wir sind schuldig!

Und irgendwo in unserem Hinterkopf wissen wir es

auch. Und darum muss „der da" sterben. Wir fesseln ihn ans Kreuz und lassen ihn

elend verrecken... In der unbewussten Hoffnung damit frei von unserer eigenen

Schuld zu werden.



Mörder sind meist ganz normale Menschen.

Mir stellte sich die Frage der Todesstrafe gegen

Ende der 1970er Jahren, als ich beruflich Kontakt mit zwei Mördern hatte. Ganz

anders, als ich es mir damals vorstellte, erlebte ich sie als Menschen. Ja als

ganz normale Menschen. Es waren keine Bestien. Es waren Menschen die durch

gewisse Umstände in eine Situation hineingeraten waren, in der sie einen

schwerwiegenden Fehler begingen. Und sie litten furchtbar unter ihrer Tat. In

der Bundesrepublik ist die Todesstrafe abgeschafft und so erhielten sie

Lebenslänglich, was hier die Höchststrafe für Mord darstellt. Nach 15 Jahren

Haft, kann dann ein erstes Gnadengesuch gestellt werden. Und so hatten beide die

Chance einen Neuanfang zu machen und in ihrem weiteren Leben noch viel gutes zu

tun, was beiden ein starkes Bedürfnis war, auch weil ihre Schuld auf ihrer Seele

drückte.


Jahre Später wurde ich mit einem schlimmen

Schicksal konfrontiert.

Im Fernsehen lief Anfang der 1990er Jahre eine

Dokumentation über einen Todestraktinsassen.

Edward Earl Johnson war ein Mann, der sehr viel

bewegt hat, indem er seine letzten 14 Tage mit einem TV-Team teilte. Das

Fernsehteam begleitete ihn bis kurz vor seine Hinrichtung in der Gaskammer am

20. Mai 1987... (Filmtitel: Fourteen Days in May / 14 Tage im Mai)

Ich sah diese Dokumentation im Fernsehen und war

tief betroffen von Edward Earl Johnson, wie er bereit war seine Hoffnung, sein

Leid, seine Ängste mit uns zu teilen, um damit ein Zeichen zu setzen gegen diese

unmenschliche Todesmaschinerie.

Am Ende des Berichts, als sich das TV-Team von ihm

verabschiedete, kurz bevor sie ihn umbrachten, brach ich in Tränen aus und

konnte kaum aufhören zu weinen...

Irgend ein Impuls lies mich in diesem Zustand in

mein Tonstudio gehen, zu einer Gitarre greifen und so schrieb ich das Lied

"Freund", das auf meiner Solidaritäts-CD für Lancelot Armstrong zu hören ist. Der Text dieses Liedes

handelt von einer Freundschaft und dem Gefühl alles tun zu wollen um einen

Freund zu retten, ihn wiederzusehen.

Dieses Lied begleitet mich nun seit Jahrzehnten.

Das Musikstück ist durch Edward Earl Johnson entstanden und führte mich

letztendlich zu meinem heutigen Brieffreund Lancelot Armstrong, für den ich mit

meinem Mitstreiter Kai Friedrich kämpfe...

Durch Edward hat mich das Thema Todesstrafe nicht

mehr los gelassen und neben vielen Briefen, in denen ich um Gnade bat für

Todeskandidaten, reifte in mir der Wunsch mehr tun zu wollen.


Lancelot Armstrong seit 1991 im Todestrakt von

Florida.

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Auf der Suche nach einem Brieffreund, der im

Todestrakt ist, lernte ich Lancelot Armstrong durch eine Organisation kennen,

die sich gegen die Todesstrafe einsetzte. Diesen Verein gibt es nicht mehr, aber

meine Freundschaft zu Lancelot ist geblieben.

Lancelot Armstrong wurde 1963 in Jamaika geboren

und ist in den 1980'er Jahren in die USA übergesiedelt. 1990 soll er einen

Polizisten erschossen und einen weiteren schwer verletzt haben. Für diesen Mord

wurde er 1991 zum Tode verurteilt. Er selbst bestreitet die Tat ! Die

Hauptzeugin, Kay Allen, wurde durch die Untersuchungsbeamten unter Druck gesetzt

und belastete ihn, zog jedoch später ihre Aussage wieder zurück und entlastete

so Lancelot Armstrong ! - Laut ihrer Aussage vor Gericht soll Wayne Coleman der

Täter sein.

Und tatsächlich sagte die Freundin Colemans in

einem Interview mit der Zeitung SunSentinel, am 30. April 1990, dass ihr Freund

Wayne Coleman ihr gestanden hat:Er müsse abhauen, denn er habe eine

großen Fehler gemacht. Er habe zwei Polizisten erschossen.

Es würde

hier zu weit führen, die ganzen Details zu erklären, ich gehe jedoch davon aus,

dass Lancelot Armstrong unschuldig hingerichtet werden soll. Und dies ist nichts

ungewöhnliches, denn immer wieder werden Fälle bekannt, in denen Menschen

unschuldig im Todestrakt in den USA waren. (Hier einige Beispiele dafür:

http://wp.me/p2X1th-lx, http://wp.me/p2X1th-uM, http://wp.me/p2X1th-8E,

http://wp.me/p2X1th-hM, http://wp.me/p2X1th-dQ, http://wp.me/p2X1th-g3,

http://wp.me/p2X1th-kJ, http://wp.me/p2X1th-rc)


Lancelot Armstrong hatte keine faires

Verfahren.

Auch in Lancelots Fall wird deutlich, was in

vielen Teilen der USA, so auch in Florida wo Lancelot Armstrong verurteilt

wurde, Rechtsprechung bedeutet. Denn selbst wenn Lancelot Armstrong die ihm

vorgeworfenen Tat begangen hätte, so hat er kein faires Verfahren bekommen.

Sieht man allein die Gutachten, die teils vom Gericht nicht mal zur Kenntnis

genommen wurden, wäre eins auf jeden Fall klar. Er hätte niemals zur

Höchststrafe verurteilt werden dürfen.


Dies soll ein Einblick in seine Kindheit,

Jugend und seinen Gesundheitszustand hier belegen:

Lancelot wuchs in der Armen-Siedlung „Martha

Brea" mit vier Geschwistern in Jamaika auf. Das Leben dort war hart. Wasser

mussten die Kinder von einem Standrohr auf der Straße holen und in Öl-Trommeln

lagern.


Die Ernährung der Kinder bestand im

wesentlichen aus Obst, Bananen, der Frucht des Brotfruchtbaumes und Fisch aus

dem Fluss unter dem Haus. Gekocht wurde auf einem primitiven Kohle-Herd mit

Hilfe von Lack-Dosen.


Als Lancelot noch ein kleiner Junge war,

heiratete seine Mutter einen Alkoholiker, der fortan gegenüber den Kindern sehr

gewalttätig war. Für die Züchtigung der Kinder hatte er eine spezielle Schlaufe,

die er immer bei sich trug. Körperliche Züchtigung war zu dieser Zeit normal in

Jamaika, aber die Brutalität die Lancelot ertragen musste ging extrem weit über

das „übliche" hinaus.

Mit fünf Jahren hatte Lancelot bereits mehrere

Traumata am Kopf durch Verletzungen. Sein Vater kam oft völlig betrunken nach

Hause, erbrach sich und wurde ohnmächtig.


Lancelot wurde auch von seiner Mutter, Tante

und Großmutter „diszipliniert", welche mit ihm im selben Haus wohnten. Dabei

haben sie ihn mit Gürtel und Peitsche geschlagen.


Lancelot blieb mit seinem gewalttätigen Vater,

der Tante und der Großmutter allein zurück, als seine Mutter sich entschloss in

die Hauptstadt Kingston zu gehen, um dort als Krankenschwester zu arbeiten, in

der Hoffnung, dass es der Familie dadurch besser gehe.


Durch die Mangelernährung und die ständigen

Misshandlungen entwickelte der kleine Lancelot die seltene Krankheit „Pica".

Eine Krankheit die meist vernachlässigte und misshandelte Kinder betrifft. An

Pica erkrankte essen Dinge die nicht als Nahrung geeignet sind. Lancelot aß

Lehm, Schmutz, Kalk und Sand, aber auch Farbreste und Hühnerkot. Er begann

seinen Kopf gegen die Wand zu schlagen, bis er zu bluten anfing. Dies tat er

meist nachdem er verprügelt wurde. Dadurch hatte er häufig Kopfschmerzen und

Nasenbluten, was ihn jedoch nicht dazu veranlasste mit diesen Selbstverletzungen

aufzuhören.


Die Schule war reine Folter für das Kind.

Aufgrund der Misshandlungen hatte Lancelot eine schwere Lernbehinderung

entwickelt und Stotterte beim Sprechen. Auch in der Schule hatte er häufig

Nasenbluten und „Ausfälle" in der Form, dass er auf den Boden fiel und sich hin

und her rollte, wobei sich sein Körper unkontrolliert schüttelte. Dies alles

trug dazu bei, dass die anderen Kinder sich von ihm abwandten und er vollkommen

isoliert war.


Er litt unter häufigem Erbrechen, Durchfall und

Magenschmerzen, was ihn oft daran hinderte die Schule zu besuchen, wodurch er

zusätzlich Probleme hatte in der Schule noch mitzukommen.


In den 1960er Jahren wurden die Schulen in

Jamaika gnadenloser und grausamer. Kinder mit Lernproblemen wie Lancelot, wurden

„Dummköpfe" genannt und mussten in der Ecke sitzen, wurden aber auch auf andere

Weise gedemütigt. Körperliche Züchtigung von Kindern mit Lernproblemen durch die

Lehrer war an der Tagesordnung. Lancelot wurde in der Schule mit Peitsche und

Gürtel geschlagen. Dabei hielten die Lehrer ihn meist an einem seiner Arme fest

und schlugen auf ihn ein. Kinder wurden damals für jede ihrer „Behinderungen"

geschlagen. Für Lancelot der an Krampfanfällen, Nasenbluten, Stottern litt und

der für sein Alter sehr klein war, gab es da keine Chance.


Lancelot wurde in der Schule als „Dummkopf"

geschlagen und danach zu Hause für seine angebliche „Faulheit", weil er in der

Schule nicht mitkam.


Lancelots Bruder Harlo, versuchte ihm teilweise

beim Lernen zu helfen, dennoch war auch diese Beziehung nicht konfliktfrei. So

versuchte Harlo ihn einmal mit einem Messer zu erstechen, wodurch Lancelot

mehrere Monate im Krankenhaus verbringen musste. Sein Onkel und sein älterer

Bruder Danny ertränkten Lancelot fast in einem Wasserfass. Als ihn seine

Großmutter aus dem Wasser zog war er bewusstlos und blutete aus den Ohren. Auch

verlor Lancelot zwei seiner Finger, als sein Bruder Danny Zuckerrohr mit einer

Machete schnitt, wobei er Lancelots Finger amputierte.


Trotz allem war Lancelot ein guter Schwimmer.

Und obwohl er so klein war, wurde er immer wieder damit beauftragt Leichen von

Ertrunkenen aus dem Fluss „Martha Brae" zu bergen, der hinter dem Haus seiner

Familie vorbeifloss. Der Fluss war recht wild und so ertranken damals mehrere

Menschen, meist Kinder, die Lancelot bergen musste. Manche lagen schon seit

Tagen im Wasser und waren entsprechend aufgebläht und geschwollen. Dies war für

Lancelot sicher ebenfalls traumatisierend, denn zu dieser Zeit war er noch ein

Teenager.


1977, als Lancelot 15 Jahre alt war, gab es in

Jamaika einen gewaltsamen politischen Aufstand in der Stadt Falmouth, ca. 6

Meilen von seinem Wohnort entfernt. Es gab Ausschreitungen und Schießereien. Es

wurde eine Ausgangssperre verhängt, aber der Umbruch ließ sich nicht aufhalten.


Als Lancelot 16 Jahre wurde, wanderte seine

Mutter allein in die USA aus und ließ ihn bei seiner Großmutter zurück.


1980, als Lancelot 17 Jahre alt war, wurde in

Jamaika neu gewählt und diese Wahlen waren recht gewaltsam und turbulent. Die

beiden politischen Parteien stahlen Wahlurnen, in denen sie viele Stimmen der

Gegenpartei vermuteten. Lancelot wurde dazu verpflichtet Wahlurnen zu schützen

und er war sehr erschrocken von der Tatsache, dass er auch dabei getötet werden

könnte.


Zu dieser Zeit, lebten die Menschen in

ständiger Angst vor der Polizei. Mit 19 Jahren verhaftete die Polizei ihn wegen

eines angeblichen Raubes, den er aber nicht begangen hatte. Dennoch wurde er

mehrere Monate in Untersuchungshaft gesteckt und von der Polizei gefoltert. Sie

schlugen ihn mit einem Hammer auf seine Zehen und auf die Unterseite seiner

Füße. Auch schlugen sie auf seine Genitalien ein, an die sie Gewichte gebunden

hatten. Sie fügten ihm Elektroschocks mit Kabeln zu und schlugen ihm einen

seiner Zähne aus. Er wurde jedoch nie verurteilt und schließlich aus der Haft

entlassen.


Es gab viele Zeugen, die über Lancelots elende

Kindheit und Jugend ausgesagt haben. Darunter auch mehrere Gutachter, die über

Lancelots Kopfverletzungen, seine kognitiven Defizite und Dysfunktionen von

Teilen seines Gehirns berichteten. Keiner dieser wichtigen Zeugen wurde jemals

von seinen Verteidigern oder dem Gericht in den Zeugenstand gerufen. Noch wurden

diese Fakten den Geschworenen mitgeteilt!


Dr. Antoinette Appel, forensische

Neuropsychologin, bezeugte, dass Lancelot eine bedeutende Geschichte von

Hirntraumata und schweren Anfällen hat, einschließlich einem Trauma das bei

seiner Geburt entstanden ist. Sie bescheinigte ihm Hämatome im Gehirn und

Hirnblutungen im Alter von 5 Monaten, als auch bei seinem fast Ertrinken im

Altern von 9 Jahren im Wasserfass und als er im Alter von 11 Jahren mit einem

Stein auf den Kopf geschlagen wurde, sowie bei einem Fahrradunfall im Alter von

16 und bei mehreren Autounfällen mit Bewusstlosigkeit. Weiter wies Frau Dr.

Appel darauf hin, dass die letzte schwere Kopfverletzung im November 1989, also

kurz vor dem ihm vorgeworfenen Mord, bei einem Autounfall stattgefunden hatte.

In diesem Zeitraum hatte Lancelot Hypo-Stoffwechsel, was bedeutet, dass sein

Gehirn nicht richtig durchblutet wurde und dadurch nicht richtig arbeiten

konnte. Auch bezeugte sie Lancelots verminderte neurokognitiven Fähigkeiten, die

durch seinen Konsum von bleihaltiger Farbe in seiner Kindheit, durch seine

Erkrankung an Pica, noch verschärft wurden.


Die Untersuchung durch den Psychiater Richard

Dudley ergab, das Lancelot unter mehreren neuropsychiatrischen Problemen litt,

einschließlich langanhaltender kognitiver Defizite infolge von traumatischen und

genetischen Faktoren. Auch bezeugte er, dass Lancelot von seinen Betreuern

wiederholt vernachlässigt und körperlich misshandelt wurde, wodurch viele seiner

Symptome entstanden sein könnten. So leide er unter einer posttraumatischen

Belastungsstörung und chronischen Depressionen, aber auch Pica sei dadurch bei

ihm dadurch entstanden. Dr. Dudley erklärte, dass der Schaden in Lancelots

Frontallappen kognitive Beeinträchtigungen verursacht, die ihn bei der Fähigkeit

Entscheidungen zu treffen behindern. Dudley führt weiter aus, dass diese

„Behinderung" ihn nicht befähigte sich immer im Rahmen der Gesetze zu verhalten.

Darüber hinaus litt Lancelot unter einer extremen emotionalen Störung zum

Zeitpunkt des ihm vorgeworfenen Verbrechens.


Die Neuropsychologin Dr. Terry Goldberg führte

an Lancelot eine Reihe von neuropsychologischen Tests durch, sowie einen

Intelligenztest. Die Testergebnisse bestätigten, dass Lancelot an einer schweren

Beeinträchtigung seines Frontallappens leidet, wodurch er grundlegende Defizite

bei der Informationsverarbeitung hat. Weiter bestätigten die Tests eine

kognitive Dysfunktion und Probleme mit seinem Arbeitsgedächtnis und begrenzte

Sprachkenntnisse. Der IQ-Test ergab lediglich einen IQ von 77. Sie meinte, dass

eine Person mit solch großen Schwierigkeiten in Stress-Situationen, wie sie bei

Kriminalität vorkommen, schwere Beeinträchtigungen bei ihren Impulsreaktionen

hat. Sie bestätigte, dass diese Beeinträchtigungen ursächlich an seinen

Hirnschäden liegen, wenn sie auch nicht auf dem EEG auftauchen würden.


Dr. Thomas Hyde, verhaltensbezogener Neurologe,

bezeugte ebenfalls erhebliche organische Hirnfunktionsstörungen bei Lancelot,

einschließlich Frontallappen, Scheitellappen und Temporallappen-Dysfunktion.

Nach Dr. Hyde ist der Frontallappen der wichtigste Teil des Gehirns für die

Regulierung des Verhaltens. Menschen mit einer Frontallappendysfunktion leiden

häufig an Urteilsbeeinträchtigungen, Argumentationsproblemen und neigen zu

unangemessenen emotionalen Reaktionen in schwierigen Situationen. In Kombination

mit einer Temporallappendysfunktion wird der Argumentationsprozess und die

Impulsivität behindert, was zu einer Abwesenheit von Rechtsempfinden führt,

sowie Vernunft und Einsicht in Stress-Situationen vermindert.


Dr. Gunst, die einen Bachelor-Abluss in

Geschichte und einen Master in lateinamerikanischer Geschichte hat, kennt sich

speziell in Sachen Jamaika aus und lebte von 1984-1986 in dort. Sie bezeugte,

dass Lancelot schweren seelischen Schaden erlitten hat, durch seine Kindheit in

dem Inselstaat. Auch bestätigte sie die Polizeigewalt, Armut und körperlichen

Misshandlungen die Lancelot zu Hause und in der Schule erlitten hat. Vor ihrem

Zeugnis hatte sie Datensätze studiert, mit Familienmitgliedern von Lancelot

gesprochen und Lancelot selbst interviewt. Sie bestätigte die bittere Armut in

der Lancelot aufwuchs und dass seine Schulausbildung reine Folter war, weil

seine Lernbehinderung nicht erkannt und er dort regelmäßig körperlich gezüchtigt

wurde, auch dass er zu Hause immer wieder geschlagen wurde, in einer Art und

Weise, die weit über das hinaus ging was damals in Jamaika üblich war.

Dr. Gunst bezeugte ebenfalls die politische

Gewalt in Jamaika zu jener Zeit, der gerade auch die Jugend ausgesetzt war, denn

sie mussten oft die Wahlurnen bewachen und viele von ihnen wurden dabei

erschossen. Ebenfalls bestätigt sie die enorme Brutalität der Jamaikanischen

Polizei. Die Polizei war damals berüchtigt für Mord und andere Gewalttaten.

Lancelot selbst war Opfer dieser Polizeigewalt und wurde in deren Gewahrsam

gefoltert, dabei waren seine Erfahrungen übermäßig, selbst nach den Maßstäben

dieser Tage.


Einen solchen Menschen zu Tode zu verurteilen

hat mit Rechtsprechung nichts zu tun. Vielmehr scheint bei dem Urteil die

Tatsache, dass es sich bei dem Opfer um einen weißen Polizisten gehandelt hat

und Lancelot Armstrong ein Schwarzer ist, eine wesentliche Rolle gespielt zu

haben. Dabei verurteilte die Jury ihn nicht einstimmig, sondern mit 9 gegen 3

Stimmen, was allein schon in anderen Bundesstaaten der USA automatisch die

Todesstrafe ausgeschlossen hätte, nicht jedoch in Florida.


Die Initiative 'Hilfe für Lancelot" - kurz IHfL

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Im Frühjahr 2012 gründeten mein Mitstreiter Kai

Friedrich und ich die IHfL, 'Initiative 'Hilfe für Lancelot'. Bereits in der

frühen Phase wurde unsere Arbeit vom GFS-Kassel unterstützt . Wir setzen uns für die Abschaffung der Todesstrafe

ein, unabhängig von der Schuldfrage, da eine Hinrichtung weder die Opfer des

Täters wieder lebendig macht, noch, wie Statistiken zeigen, die Zahl der

Gewaltverbrechen vermindert. Eine Hinrichtung bedeutet aber wieder neues Leid,

in diesem Fall für die Angehörigen und nahestehenden Personen des Exekutierten

und den Gefangenen selbst. Besonderen Fokus setzen wir dabei auf die Todesstrafe

in den USA.


Unser Arbeitsschwerpunkt liegt bei Lancelot

Armstrong, der seit 1991 in der Todeszelle in Raiford/Florida auf seine

Hinrichtung wartet muss. Wir stehen im regelmäßigen Kontakt mit Lancelot

Armstrong und seiner Mutter. In möglichst regelmäßigen Abständen schicken wir

ihm Geld, das wir als Spenden gesammelt haben, damit er sich davon besseres

Essen kaufen kann, denn die Nahrung im Todestrakt ist mehr als minderwertig und

macht viele Gefangene krank (siehe seinen Bericht aus der Todeszelle:

www.lancelot-armstrong.de/stf-insight.htm ). Aber er kauft sich davon auch

Materialien für seine Gemälde die er malt. Seiner verarmten und schwer kranken

Mutter konnten wir in den letzten zwei Jahren die teure Reise dank unserer

Spendensonderaktionen finanzieren, so dass Lancelot Armstrong seine Mutter nach

vier Jahren endlich wieder in die Arme nehmen konnte. Auf unserer Webseite

www.lancelot-armstrong.de haben wir viele Möglichkeiten für spendenbereite

Menschen geschaffen, um Lancelot zu helfen.


Neben Infoständen in der Innenstadt von Kassel,

wobei wir Spenden und Unterschriften sammeln, sind wir umfangreich im Internet

aktiv, um auf seine schreckliche Situation aufmerksam zu machen und letztendlich

eine Wiederaufnahme seines Verfahrens zu erreichen.


Mittlerweile betreiben wir auch ein

Nachrichten-Blog zum Thema Todesstrafe. Dort berichten wir über aktuelle Fälle

und Entwicklungen und versuchen immer wieder Menschen dazu zu bewegen sich für

Todeskandidaten einzusetzen, deren Hinrichtungstermin feststeht. Natürlich

schreiben wir im Blog auch immer wieder über Lancelot Armstrong und er selbst

kommt dort persönlich zu Wort.


Seit einiger Zeit haben wir auch ein Kunstblog

online gestellt, in dem Lancelot Armstrongs Gemälde ausgestellt sind. Sie können

gegen Spende für ihn erworben werden, denn hunderte seiner Werke hat Lancelot

Armstrong uns mittlerweile nach Deutschland geschickt.


In folgenden Bereichen des Internets ist die IHfL

aktiv:

Webseite : www.lancelot-armstrong.de

Kunstgalerie: armstrongkunst.wordpress.com

Unser Nachrichten-Blog:

lancelotarmstrong.wordpress.com

Facebook: www.facebook.com/lancelot.armstrong.5

YouTube:

www.youtube.com/channel/UCcPYFzSYGOwUxe6rmMV-0mQ

Twitter: https://twitter.com/IHfLpeter

Niemand hat den Tod verdient, zur Not gäbe es

normale Haftstrafen, und Lancelot sowie viele andere Todeskandidaten in den USA

wären, selbst wenn sie schuldig sind, in Deutschland schon längst wieder frei!


Die IHfL stellt sich auf die Seite aller zum

Tode Verurteilten, egal ob schuldig oder nicht, denn es sind Menschen. Wenn es

um die Todesstrafe geht, werden wir immer klar Partei ergreifen...


Peter Koch