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15/09/2015 15:56 CEST | Aktualisiert 15/09/2016 07:12 CEST

Müssen Tierheime in den USA wirklich Tiere einschläfern?

Im August fuhr ein Mann aus Michigan mit seinen vier Hunden in den Wald und setzte sie aus, weil er von seinem Vermieter einen Räumungsbefehl erhalten hatte. Das einzig außergewöhnliche an dieser Geschichte ist, dass der Besitzer ausfindig gemacht werden konnte, nachdem drei der Hunde von einem Auto überfahren worden waren.

Einen Moment mal... nein, die Geschichte ist in einem weiteren Punkt etwas außergewöhnlich: Der Sheriff weigerte sich, den Mann wegen des Aussetzens von Tieren anzuklagen, da dieser zuvor in seiner Verzweiflung drei Tierheime besucht hatte, um die Hunde dort abzugeben. Doch in jedem wurde ihm gesagt, das Tierheim sei voll und man könne seine Hunde deshalb nicht aufnehmen.

Viele Tierheime im ganzen Land stehen derart unter Druck, das Einschläfern von Tieren um jeden Preis zu vermeiden, dass sie am Ende fehlgeleitete Regeln einführen, die Tiere in große Gefahr bringen können. Tun sie dies nicht, laufen sie Gefahr, durch Kampagnen, die sich gegen das Einschläfern von Tieren im Tierheim einsetzen, verunglimpft zu werden.

Der Fall des Mannes aus Michigan macht zumindest in einem Punkt deutlich, was in den sogenannten No-Kill-Tierheimen falschläuft: Sind diese Tierheime voll, werden Tiere abgewiesen, deren Halter oft nicht so verantwortungsbewusst sind, dass sie noch lange weiter nach einem guten neuen Zuhause suchen.

Stattdessen entscheiden sie sich, wenn alle anderen Optionen weggefallen sind, dafür, das Tier auszusetzen oder es zu töten. Und will ein Halter sein Tier töten, dann nutzt er dafür keine schmerzfreie Injektion, sondern erschießt oder ersticht das Tier, erwürgt es oder klebt ihm sogar den Mund mit Klebeband zu und wirft es auf den Müll. Solche Dinge passieren jeden Tag.

2015-09-15-1442301844-7981183-Investigation_20122cPETA.jpg Eine Ermittlung von PETA USA konnte aufzeigen, dass bedürftige Tiere von über einem Duzend No-Kill-Tierheimen abgewiesen wurden. Man verwies auf lange Wartelisten, forderte exorbitante Aufnahmegebühren, gab an, das Tierheim sei aktuell von einer Krankheit befallen oder völlig überfüllt. Dies waren nur einige der Gründe, mit denen die Tiere abgewiesen wurden.

Es ist absolut in Ordnung, wenn man ein Tierheim eröffnen will, in dem keine Tiere eingeschläfert werden und man nur so viele Tiere aufnimmt, wie man kann. Aber wenn man dann alle Tierheime dazu drängen will, keine Tiere mehr einzuschläfern und sie sonst scharf kritisiert und als „Tötungstierheim" abstempelt, dann führt das nicht dazu, dass weniger Tiere getötet werden, sondern dazu, dass mehr Tiere einen langsamen, qualvollen Tod sterben.

Denn weist ein Tierheim einen Hund, eine Katze, ein Kaninchen oder ein anderes Tier ab, löst sich dieses Tier nicht einfach in Luft auf - ihm droht dann ein schlimmes Schicksal...oft ein sehr, sehr schlimmes.

Und das ist noch nicht alles. Jeden Tag lese ich auf meinem Computerbildschirm von einem neuen Fall von Tierquälerei und Vernachlässigung bei einer sogenannten Tierrettungsstation: Tote und sterbende Tiere, kranke und alte Tiere ohne medizinische Versorgung. Katzen, die in ihren Plastikkäfigen verbrannt sind oder Hunde, die an ihrer Kette verhungert sind, ihr Fell so verfilzt und von Ausscheidungen verklebt, dass sich Maden darunter eingenistet haben und sich in ihr Fleisch fressen.

Und warum? Weil der Druck auf Tierheime, keine Tiere einzuschläfern, so groß ist, dass sie Tiere schließlich an Einrichtungen abgeben, die von unqualifizierten und inkompetenten Personen geführt werden. Das einzige, was zählt, ist das Wort „Rettung" im Titel. So wird ein friedlicher, von Respekt geprägter Tod durch Einschläfern ersetzt durch einen langen Leidensweg und einen schmerzvollen Tod im Namen des „No-Kill".

No-Kill-Tierheime weisen oft gerade die Menschen ab, die ein geringes oder gar kein Einkommen haben, alte Menschen oder Arbeitslose, und die sich die 100 bis 400 Dollar, die geldgierige Tierärzte oft verlangen, um das Leid eines alten oder kranken Tieres zu beenden, nicht leisten können. Diesen Tieren steht dann unweigerlich ein langsamer, qualvoller Tod Zuhause bevor.

Wir träumen wohl alle von dem Tag, an dem nur verantwortungsbewusste Menschen Tiere halten, jeder ein Tier aus dem Tierheim holt anstatt im Zooladen oder beim Züchter zu kaufen und alle tierischen Mitbewohner kastriert sind. Von einem Tag, an dem alle Welpenfabriken geschlossen haben und es für alle Tiere ein gutes Zuhause gibt. Von einem Tag, an dem sich unsere Aufklärungsarbeit, unser Druck auf die Legislative und all die Kastrationen bezahlt gemacht haben und die Welt zu einem sicheren Ort für alle Hunde, Katzen, Kaninchen und Vögel geworden ist.

Sicher träumen wir alle von diesem Tag - aber leider ist er noch nicht gekommen, noch lange nicht. Und bis es soweit ist: Lassen Sie nicht zu, dass der Traum von einer Welt, in der kein Tier eingeschläfert werden muss, durch ein System ersetzt wird, in dem Tiere einen langsamen, qualvollen Tod sterben.

Ingrid Newkirk

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