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09/12/2015 05:18 CET | Aktualisiert 09/12/2016 06:12 CET

Was dieser Junge in der Schule erlebte, sollte uns alle nachdenklich machen

Xavier_S via Getty Images

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Ich möchte mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Paul-Christian Mühlfeld und ich bin 14 Jahre alt. Ich wohne in Deutschland, seit 2010 im Chiemgau, Bayern. Ich bin vom Asperger Syndrom betroffen.

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Das ist eine Kontakt- und Kommunikationsschwäche. In der Schule wirkt die sich durch die Beeinträchtigung der Kommunikation, die Beeinträchtigung der Interaktion, also der Aufnahme sozialer Beziehungen und durch eingeschränktes Interesse und stereotypes Verhalten aus.

Bei mir selbst äußert sich der Autismus durch Reizüberflutung bei Licht, Wärme, Kälte und Geräuschen, aber auch in Aufmerksamkeitsschwäche, eingeschränktem Imitationslernen, einer schwer nachvollziehbaren Lernstrategie sowie Berührungsängsten.

Der Partyfilter, den alle Menschen haben, und der Geräusche filtert, fehlt mir ganz. Jedes Geräusch höre ich gleich laut, manchmal so laut, dass es mir Schmerzen bereitet. Ich verstehe weder Wortwitz noch Sarkasmus und Smalltalk ist mir genau so fremd wie das Verhalten Gleichaltriger. Ich mag keine Gruppen und schon gar keinen Gruppenzwang.

Ich passe nicht in die Gesellschaft

Ich passe also gar nicht in diese Gesellschaft. Aber ich bin da! Und ich will lernen und leben. Und da scheitert es in der Realität. Obwohl die Spezialisten mich als intelligent einschätzen, habe ich im staatlichen Schulsystem keinen Platz. Ich wurde altersgerecht in die Grundschule eingeschult, kam aber von Anfang an nicht in der Gruppe zurecht.

Ich brauchte Aufmerksamkeit, Geduld und Zuwendung. Das konnten oder wollten mir die Lehrer nicht geben, also wurde ich in die Förderschule umgeschult. Dort war ich geistig unterfordert. Aber zurück zur Regelschule-Fehlanzeige. Nur dem Kampf meiner Großeltern, bei denen ich seit meiner Geburt lebe, ist es zu verdanken, dass sie es durch den Umzug in ein anderes Bundesland schafften, dass ich wieder an die Regelschule kam.

Jetzt wohne ich in Bayern, dem Bundesland, dessen Bildungssystem das effektivste sein soll. Lange Zeit ging alles gut, ich lernte es mich anzupassen. Die Probleme begannen mit der weiterführenden Schule. Zu viele Fächer, zu viele Lehrer, zu viele Zimmerwechsel, zu viel Druck. Der soziale Druck, das gezielte Miteinander machte mich krank.

Inklusion, das neue Zauberwort

Endlich gab es eine Diagnose: Asperger Autismus. Mit dieser Diagnose musste es doch endlich besser werden, denn bereits 2009 hatte Deutschland doch die UN- Konvention zu den Rechten der Menschen mit Behinderungen unterschrieben. Inklusion, also dass Zusammenlernen von Behinderten und Nichtbehinderten, war das neue Zauberwort.

Ist doch alles gut gelaufen, werden Sie jetzt denken, aber das Gegenteil trat ein. Auf einmal hatte ich Anspruch auf Nachteilsausgleich und sonderpädagogische Förderung. Gegenüber meinen Mitschülern war ich jetzt privilegiert. Der Lehrer musste mir Arbeitsblätter detaillierter erstellen, Textaufgaben erläutern, Bildhaftes oder Umschriebenes erklären.

Für Proben und Tests hatte ich länger Zeit. Mir standen Rückzugsmöglichkeiten zu. Ich durfte entscheiden, ob ich auf den Schulhof möchte oder nicht, weil ich dort die meisten Demütigungen erfuhr und ich bekam, sogar einen festen Arbeitsplatz.

Das ganze Gerede von Inklusion war Theorie

Wenn man das so liest kann man sich doch freuen, freuen an dem, was für die behinderten Schüler gemacht wird. In meinem Fall sah das ganz anders aus. Einen festen Arbeitsplatz gab es nicht, der Lehrer allein entschied wer wo sitzt. Rückzugsmöglichkeiten, damit ich mich im Notfall entspannen oder runter fahren konnte, gab es keine.

Gab es einen Raum, dann gab es keinen der die Aufsicht führte. Längere Zeit bei Proben? Wie sollten die gewährt werden oder wo sollte ich hin, wenn die anderen fertig waren. Erläuterungen, detaillierte Arbeitsblätter und Erklärungen! Wer sollte das erledigen? Der Lehrer, der neben mir noch 27 gesunde Kinder unterrichten muss? Der bestimmt nicht.

Das ganze Gerede von Inklusion war Theorie. Eines Tages stellte man fest, dass man im staatlichen Schulsystem nichts für mich tun kann, ich bin schulunfähig geschrieben. Alternativ gibt es eine Internetschule, die web. Individualschule in Bochum. Hier kann ich meinen Abschluss machen.

Niemand will zahlen

Die Lehrer haben eine Zusatzausbildung für Asperger Autismus und wissen die Balance zwischen Kommunikation und Distanz zu wahren. Ich bekam einen Platz. Endlich, werden Sie als Leser jetzt sagen. Diese Schule kostet aber Geld und das will keiner bezahlen. Das Jugendamt sagt, dass es Sache der Schule sei.

Das Schulamt sagt, es ist Aufgabe des Jugendamts. Diese Kompetenzstreitigkeiten werden auf dem Rücken eines behinderten Kindes, auf meinem Rücken ausgetragen. Es gibt Gesetze, Gesetze die eindeutig regeln, dass in den Fällen, in denen das staatliche Schulsysstem Schüler nicht mehr auffangen kann, dieses Schulgeld vom Jugendamt bezahlt werden muss.

Es gibt Gerichte, die in zwei Eilanträgen entschieden haben, dass das Jugendamt zu zahlen hat. Und es gibt ein Jugendamt, das nicht zahlen will. Die Begründung? Es ist ganz einfach, ich bin der erste Fall in Bayern, dessen Schulgeld für eine private Schule als Jugendhilfmaßnahme bezahlt werden muss. Man vermutet Nachahmer und will keinen Präzedenzfall schaffen und deshalb geht der Kampf immer weiter.

Ein Kampf, der zermürbt

Dabei hat doch jedes seelisch behinderte Kind nach mir genau so ein Anrecht wie ich, oder? Das Gericht konnte immer nur für einen bestimmten Zeitraum entscheiden. Derzeit ist schon wieder eine Klage anhängig. Dieser Kampf zermürbt, vor allem meine Großeltern. Dabei wäre alles so einfach. Ich habe mich in der Schule gut eingelebt, ich werde mit Zielstellung Abitur unterrichtet und ich möchte eines Tages studieren.

Während man mir im staatlichen Schulsystem nicht einmal mehr den Hauptschulabschluss zutraute, trauen mir meine jetzigen Lehrer das Abitur durchaus zu. Ich will doch nur in Ruhe lernen. Lernen ohne Angst, dass im nächsten Monat wieder keine Finanzierung da ist. Warum darf ich das nicht? Meine neuen Lehrer haben meine Kreativität erkannt.

Eine Kreativität, für die ich an der Regelschule belächelt, gedemütigt, gemobbt und geschlagen wurde. Sie haben diese Kreativität in die richtigen Bahnen gelenkt und mich animiert Bücher zu schreiben. Das habe ich getan. Mein erstes Buch "Die Bermuda Bande " ist unter der ISBN 978-307386-4635-2 im Bod Verlag erschienen.

Zwei weitere Bücher sind schon fertig und suchen einen Verlag. Ich schreibe bereits wieder an einem Buch und kann so das Erlebte gut verarbeiten. Mein großer Traum ist es Bücher zu verkaufen. Und zwar so viele, dass ich meine Großeltern unterstützen kann, wenigstens beim Schulgeld. Warum soll dieser Traum nicht in Erfüllung gehen?

Eine echte Alternative

Warum ich das geschrieben habe? Weil ich mir wünsche, dass Ämter und Institutionen ihre eingefahrenen Wege verlassen, sich von sturen Festlegungen und Paragraphen trennen und solch einer Möglichkeit wie die rweb.Individualschule Bochum vertrauen.

Einer Schule, die eine echte Alternative für die Kinder ist, die im staatlichen Schulsystem aus unterschiedlichsten Gründen nicht klar kommen Das Medium Internet zeigt neue Wege auf.

Warum kann oder will man die nicht gehen? Circa eine Million Menschen in Deutschlande leiden an Asperger Autismus. Sie leiden aber nicht an der Krankheit selbst, sondern an den Vorurteilen. Beschäftigen sich sich mit dieser Problematik. Wir sind nicht krank, wir sind nicht verrückt, wir fühlen nur anders.

Wenn ich mich in einer Gruppe nicht wohlfühle, warum muss man mich mit Gewalt in eine Gruppe zwingen? Ist es denn nicht besser erst einmal zu lernen, wie man in einer Gruppe zurechtkommt?

Ein schlauer Mensch hat einmal gesagt, dass man einen Pinguin sieben Jahre lang zu Erziehungszwecken in eine Gruppe Giraffen stecken kann, wenn er heraus kommt, wird er trotzdem noch ein Pinguin sein.

Ein Asperger kann sich nicht anpassen, aber er kann lernen damit umzugehen. Warum Menschen zu etwas zwingen, was sie nicht wollen und nicht können. Warum geht man nicht auf uns zu, sondern grenzt uns aus. Wer sich mit Asperger Autismus beschäftigt, der hilft uns. Helfen Sie uns, helfen Sie mir.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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