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23/12/2015 09:27 CET | Aktualisiert 23/12/2016 06:12 CET

#RhodesMustFall - England ringt mit seinem kolonialen Erbe

In England ist seit einigen Tagen die Debatte über strukturellen Rassismus wieder Thema des öffentlichen Diskurses. Das tut dem Land gut, denn eine Menge Wut hat sich angestaut.

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An der Oxford University, die auch Premier Cameron zu ihren Absolventen zählt, protestieren Studenten der #RhodesMustFall Kampagne seit mehreren Monaten gegen das kolonialistische Erbe der Universität. Jetzt scheint der Durchbruch zum Greifen nahe.

Zentrum des Eklats ist die Statue des Kolonialherren Cecil Rhodes, die seit 1902 das Oriel College ziert. Rhodes vermachte damals sein Geld neben seiner eigenen Stiftung vor allem seinem ehemaligen College. Damit steht die Statue symbolisch sowohl für das ideologisch-symbolistische und finanzielle Erbe der Universität.

Es geht um rassistische Strukturen


Doch es geht um weit mehr als die gerade einmal zwei Meter hohe Statue. Es geht um rassistische Strukturen und paternalistische Bildungspläne.

Oluwafemi Nylander ist sauer. Er ist einer der Köpfe der Bewegung in Oxford und maßgeblich an den Protesten in Oxford beteiligt. ‚Rhodes erklärte „Ich ziehe Land den Negern vor" und war ein Architekt von Apartheid, was soll man dazu noch sagen? Die Statue steht repräsentativ für Einiges was falsch läuft mit dieser Institution, aber auch mit der Welt im Allgemeinen. Natürlich muss die Statue fallen'. Er ist mit dieser Meinung nicht alleine, längst ist die 100 Jahre alte Statue zum Politikum in ganz England geworden. Aber die Statue ist erst der Anfang.

Die #RhodesMustFall Aktivisten fordern die Überarbeitung von Lehrplänen und universitärer Strukturen, wie zum Beispiel den Prozessen zur Ernennung neuer Professoren. Die Universität erklärte sich im Sommer dazu bereit, das Curriculum zeitnah zu überarbeiten. Aber Hegels provokanter Ausspruch ‚Es gibt keine afrikanische Geschichte - nur die Geschichte weißer Männer in Afrika' hängt noch immer wie ein böses Omen über den Leselisten, meinen viele.

Der britische Stahlmagnat Cecil Rhodes war als Premierminister der britischen Kapkolonie für die Einführung der Rassentrennung in Südafrika maßgeblich verantwortlich. Man hielt seine Rolle schon Ende des 19. Jahrhunderts für so bedeutend, dass man kurzerhand die gesamte Kolonie nach ihm benannte: Süd-Rhodesien.

Rhodes größtes Erbe sind die Rhodes Scholarships, die fast schon als Adelstitel in der akademischen Welt gehandelt werden. Knapp 80 Studenten aus ex-Commonwealth Ländern (und Deutschland) finanziert sein Vermögen so bis heute das Studium in Oxford. Neben dem Harlem Philosophen Alan Locke zählen auch Bill Clinton und der deutsche NS- Widerstandskämpfer Adam von Trott zu Solz zu den Absolventen.

Felix Binder ist Quantenphysiker und seit 2012 als Rhodes Scholar in Oxford. An seiner ehemaligen Universität in München engagierte er sich als Vorsitzender der Grünen Hochschulgruppe. In Oxford ist er Teil einer großen Gruppe von Rhodes Scholars, die sich öffentlich in der Debatte positioniert haben.

Binder erklärt, „in Europa - nicht nur, aber besonders in Großbritannien - herrscht leider nach wie vor weitläufige Meinung, Kolonialisierung habe den hauptsächlichen Effekt gehabt, primitiveren Menschen Infrastruktur (Eisenbahnen) und medizinische Versorgung zu bringen. Das wird gerne glorifiziert und romantisiert. Dass der direkte Effekt der Kolonialisierung in beiden Bereichen leider negativ war wird leider gerne übersehen. Das hier ein Defizit in der öffentlichen Wahrnehmung besteht, lässt sich nicht bestreiten.“

Es ist auffällig, wie stark sich Rhodes Scholars in der #RhodesMustFall Kampagne engagieren. „Das mag daran liegen, dass die Annahme des Stipendiums wenn nicht einen Drang zur Rechtfertigung zumindest - im positiven Sinne - einen Anreiz zur Auseinandersetzung bietet. Es geht es aber nicht um den vorgehalten Zeigefinger sondern vor allem um den aktuellen Bezug. Eine konkretere Konsequenz, die ich mir persönlich wünschen würde, wäre eine stärkere Kontextualisierung der Kolonialzeit in Oxford. Der akademischen Institution würde das nur gut tun.“

Der Rhodes Trust selbst hat auch schon reagiert und sich von den Taten seines Namensgebers distanziert. „Wir haben das Gefühl im Rhodes House durchaus auf offene Ohren zu stoßen: Die offizielle Widmung an Cecil Rhodes beim Anstoßen während der Abendessen wurde abgeschafft, seine Büste im Treppenhaus durch die von Nelson Mandela ersetzt und die Mandela Scholarships co-finanziert.“

Die Kampagne #RhodesMustFall begann Anfang 2015 in Kapstadt. Studenten forderten die Entfernung einer Rhodes-Statue auf ihrem Campus. Sie zeigte Rhodes, thronend und mit nachdenklichem Blick, das Kinn auf seine Faust gestützt. Im April fiel dann die Statue - aber die Bewegung war längst auch in die Wahlheimat Cecil Rhodes' übergeschwappt.

Diese Woche vermeldeten die britischen Medien dann den ersten Erfolg der britischen #RhodesMustFall Bewegung. Oriel College entschied, eine Namensplakette in direkter Nähe der Statue zu entfernen und mit den Stadtwerken über die Zukunft der Statue zu verhandeln. Es scheint nun eine Frage der Zeit, bis die Statute endgültig entfernt wird.

Doch auch die Gegner haben starke Argumente. Durch die Entfernung der Geschichte verfalle auch das Bewusstsein der Gräueltaten. Es kommt einer Verleugnung nahe, als könne man die Geschichte glattbügeln.

Es bleibt eine kontroverse Frage, wie man mit Symbolen des Kolonialismus und Rassismus umgehen soll. Symbole stehen stellvertretend für das Selbstverständnis derjenigen, die sie installieren. Deshalb ist auch die Statue zu einem solchen Politikum geworden.

Aber hat #RhodesMustFall Recht?


Manche Symbole existieren, aber gemeinsam haben wir die Freiheit, ihren Kontext neu zu definieren. Das tun wir, wenn wir beispielsweise NSDAP Plakate in Museen historisch-kritisch einordnen. Plaketten, öffentliche Bekundungen und die Anerkennung offizieller Positionen, dass Rassismus ein institutionelles Problem ist, ändern noch nichts am Problem, aber sie definieren den Kontext dieser Symbole neu.

Feierliche Inszenierungen solcher Menschen und ihres Wirkens müssen also schleunigst verschwinden, Mahnmale aber nicht. Die Frage ist also, ob man den Kontext der Statue neu definieren kann - und so aus der verherrlichenden Statue Cecil Rhodes ein Mahnmal gegen Apartheid machen kann. Und da entscheidet nicht das Wohlwollen der Universität, sondern die Wahrnehmung der Betrachter.

Für Femi Nylander zum Beispiel bleibt sie eine groteske Inszenierung des Kolonialismus, und er ist bei Weitem nicht allein. Es hat also nichts mit Geschichtsrevisionismus zu tun, wenn man fordert, dass die Statue von ihrem aktuellen Ort entfernt wird.

In Oriel kann sie nicht bleiben. Aber Entfernung aus ihrem aktuellen Umfeld heißt nicht gleich Zerstörung. Ob man sie womöglich als Mahnmal in einem Museum, wie dem Apartheid Museum in Johannesburg ausstellt, wird eine andere Frage sein müssen.

Die britische Bildungspolitik steht vor einer weit größeren Frage. Sie wird sich mit der Kritik ihrer Studenten auseinandersetzen müssen. Und dieser Prozess hat erst begonnen.

FDP-Bundesvorsitzender Christian Lindner im Interview mit Cherno Jobatey

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