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28/10/2015 05:40 CET | Aktualisiert 28/10/2016 07:12 CEST

Bundestagsdebatte: Sterbehilfe - Ja oder Nein?

ullstein bild via Getty Images

Wie soll unsere Gesellschaft mit Alter, Krankheit und Tod umgehen, oder was ist gar menschenwürdiges Sterben? Wie gehen wir mit Menschen um, die auch wenn sie gesund sind, den Tod wollen? Wie weit muss der Staat das Leben schützen und wie steht es mit dem Recht auf Selbstbestimmung?

Nicht zuletzt um diese Fragestellungen dreht sich die Debatte um das Gesetz zur Regelung der Sterbehilfe im Deutschen Bundestag. Am 6. November wird es voraussichtlich in Deutschland so weit sein. An diesem Tag wird der Deutsche Bundestag über vier Gesetzesentwürfe für eine Regelung der Sterbehilfe in zweiter und dritter Lesung abstimmen.

Einen Fraktionszwang gibt es bei diesem Thema nicht, so dass die vier Entwürfe von vier Gruppen getragen werden, die teilweise aus Mitgliedern jeder Fraktion im Bundestag bestehen. Erst am 11. September 2015 hat sich das britische Unterhaus mit 330 zu 118 Stimmen dafür ausgesprochen, dass Strebehilfe verboten sein soll.

Sterbebegleitung und nicht Suizidassistenz

Im Deutschen Bundestag setzt sich die Gruppe um die Abgeordneten Dörflinger, Hüppe und Sensburg für ein klares Verbot der Sterbehilfe ein. Dieser Entwurf stellt die Begleitung bis zum Tod und nicht die Beförderung in den Tod in den Vordergrund. Der Gesetzentwurf verbietet die Anstiftung oder Beihilfe zum Suizid grundsätzlich, stärkt aber gleichzeitig alle Formen des Begleitens von unheilbar kranken Menschen oder Suizidwilligen.

Das Ziel ist es, mit moderner Palliativmedizin, einem Flächendeckenden Netz an Hospizvereinen und Hospizen Menschen auf dem letzten Weg zu begleiten und ihnen zum Beispiel auch durch palliative Sedierung die Schmerzen zu nehmen. Dies ist heute zum Glück medizinisch möglich. Patienten können auch selber entscheiden, ob sie bestimmte Behandlungsmethoden oder Medikamente ablehnen und damit einen „natürlichen" Tod wünschen.

Angst vor Schmerzen

Der Mensch sollte hiernach an der Hand, nicht durch die Hand anderer sterben. Leider wissen dies viele Menschen nicht und haben große Angst davor unter Schmerzen zu sterben und sprechen sich daher für Suizidassistenz aus. Hier braucht es noch viel Aufklärung.

Sollte es zu keinem Verbot kommen, besteht jedoch die Sorge, dass lebenserhaltende Therapie und Pflege mit unterstütztem Suizid gleichgestellt werden. Der Patient, der sich für die Lebenserhaltung mit großem Aufwand entscheidet, wird dann den Angehörigen und der Gesellschaft gegenüber begründungspflichtig, wie dies in den Niederlanden beispielsweise bereits der Fall ist.

Der erste Schritt zur aktiven Sterbehilfe

Ist die Sterbehilfe einmal zulässig, wird auch die aktive Sterbehilfe nicht lange verboten bleiben. Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland, nicht zuletzt aufgrund der schlimmen Vergangenheit, strafrechtlich verboten. Sie ist weltweit überhaupt nur in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und im US-Bundesstaat Oregon erlaubt.

Aus Gründen der Gleichbehandlung und Nichtdiskriminierung wird man aber Personen, die sich nicht mehr bewegen können, eine Injektion eines Sterbemittels (aktive Sterbehilfe) nicht verweigern können, wenn man es anderen, die sich bewegen können, zur Verfügung stellt (Suizidassistenz).

Es geht um Selbsttötungen allgemein

In den drei anderen Entwürfen von erstens Brand und Griese, zweitens Hintze, Reimann und Lauterbach und drittens von Künast, Sitte und Gehring geht es nicht nur um die Regelung von Suizidhilfe in der letzten Lebensphase bei schwerer Krankheit und großen Schmerzen, sondern es geht um die gesetzliche Regelung der Hilfe beim Selbstmord ganz allgemein.

Der Entwurf von Künast, Sitte und Gehring verbietet lediglich die gewerbsmäßige Sterbehilfe. Ansonsten darf einem anderen bei seinem Selbstmord geholfen werden, auch wenn dieser nicht krank ist. Bei Brand und Griese wird jede geschäftsmäßige Sterbehilfe verboten, also die auf Wiederholung angelegte Tat.

Alles erlaubt

Bei Hintze, Reimann und Lauterbach wird im Ergebnis alles erlaubt, wenn der Suizident aus freiem Willen handelt. Beim Wunsch eines Menschen sich selber umzubringen, mit dessen Freiheit, Selbstbestimmung und Autonomie zu argumentieren, ist nicht nur philosophisch und psychologisch, sondern auch sozial unhaltbar.

Anstatt Menschen zu helfen, keinen Selbstmord zu begehen, soll ihnen nun ein professionelles Mittel zur Verfügung gestellt werden, sich zu töten. Dies kann nicht Ziel einer sozialen Gesellschaft sein, die den Schutz des Schwächeren berücksichtigt.

Diejenigen, die übrigens vom höchsten Maß der Selbstbestimmung im Suizid ausgehen, werden feststellen müssen, dass der Suizident nach den vorliegenden Gesetzesentwürfen maßgeblich vom Willen Dritter abhängt, also sie die letztliche Wahl haben.

Nur ein Verbot der Sterbehilfe schützt die Sterbebegleitung

Nachdem der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages den Entwurf von Dörflinger, Hüppe und Sensburg als einzigen als verfassungskonform bewertet hat, ist er auch der einzige, der die Sterbebegleitung schützt und nicht die Hilfe beim Selbstmord als gleichwertige Alternative anbietet.

Nur durch diesen Entwurf lassen sich die medizinischen Fortschritte in der Palliativmedizin auch zum Wohle der Patienten einsetzen. Dabei ist klar, dass auch die Palliativmedizin nicht jedes Leid nehmen kann. Sie kann aber die Schmerzen nehmen und durch das ganze Team der Palliativversorgung auch zum Teil die Verzweiflung.

Nur durch aufopfernde Menschlichkeit wird Nähe und Begleitung im Sterben gelingen und nicht durch ein Sterbemittel. Am 6. November 2015 werde sich die Bundestagsabgeordneten genau diese Fragen stellen müssen.

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