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17/03/2016 07:43 CET | Aktualisiert 18/03/2017 06:12 CET

Jordaniens schleichende Radikalisierung - Jugend zwischen den Extremen

Jordan Pix via Getty Images

Jordanien gilt, trotz seiner heiklen Lage inmitten der Krisengebiete im Nahen Osten, als stabil und sicher. Gleichzeitig muss sich das Land mit der Gefahr einer zunehmenden Radikalisierung der eigenen Bevölkerung, insbesondere der Jugend, auseinandersetzen.

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Der politische Analyst und Kolumnist Amer Sabeileh befasst sich seit langem mit dieser Thematik und sagt, die Gründe für die Tendenz zur Verbreitung von extremistischem Gedankengut unter jungen Menschen liegen in grundsätzlichen Strukturproblemen der heutigen jordanischen Gesellschaft.

Obwohl die unter 30-jährigen 70 Prozent der Bevölkerung ausmachten, seien sie im politischen System nicht repräsentiert. Außer durch Privilegien aufgrund von Nepotismus, Stammesstrukturen oder persönlichen Kontakten hätten junge Menschen kaum eine Möglichkeit, in die Politik zu gehen.

Jordanien, eine Konsumgesellschaft ohne eigene Produktion


Außerdem sei Jordanien eine Konsumgesellschaft, die nichts eigenes mehr produziere. Dadurch hätten junge Menschen nicht das Gefühl, Teil von etwas Bedeutungsvollem zu sein, sondern eher ein Gefühl der Nutzlosigkeit. „Wir haben das Problem, dass sich unsere Jugend nicht wertgeschätzt fühlt, sie wird nicht in die Planung ihrer eigenen Zukunft eingebunden.

In diesem patriarchalischen System wird ihnen alles vorgesetzt, ihr ganzer Lebensweg." Diese Machtlosigkeit und der Mangel an Möglichkeiten treibe viele Jugendliche in Extreme. Es gäbe kein Mittelmaß mehr, so Sabeileh.

Junge Menschen entschieden sich entweder dafür radikal religiös oder säkular zu sein. Sie flüchteten sich in die Glorifizierung der Vergangenheit und in den Fatalismus. Dieser Verlust des Realitätsbezugs treibe viele in die Fänge terroristischer Gruppen.

Zwar äußere sich die Radikalisierung noch nicht durch Anschläge innerhalb des eigenen Landes, dennoch zeige die Tatsache, dass viele junge Jordanier nach Syrien oder in den Irak gehen, um zu kämpfen, dass radikale Kräfte in Jordanien existierten.

Jordanien braucht Mentalitätswechsel


Um diesen Prozess aufzuhalten oder sogar umzukehren, müsse in Jordanien ein konsequenter Mentalitätswandel stattfinden. Es müsse ein Gegenmodell zum Extremismus geschaffen werden, eine Gesellschaft, die durch Diversität und Offenheit Perspektiven bietet und die derzeitige Stagnation überwindet, so Sabeileh.

Es gäbe bereits positive Ansätze, Praktiken zu hinterfragen, die zuvor häufig durch die Religion legitimiert wurden, wie etwa die sogenannten Ehrenmorde. Dies veranlasse viele junge Menschen dazu, aus religiösen Gruppierungen auszutreten.

Trotzdem, so Sabeileh, seien sanfte Versuche, die Gesellschaft in eine moderatere Richtung zu lenken, nicht genug. Vor allem das Bildungssystem müsse reformiert werden.

Kritisches Denken fördern


Von Seiten der Regierung müssten Maßnahmen getroffen werden, die Jordanier von Kindesbeinen an in einer Umgebung aufwachsen ließen, die kritisches Denken fördere. Es reiche jedoch nicht aus, die Schulbücher zu ändern, die Schülern und Studenten eine Wahrheit aufzwängen, sondern es bräuchte zudem mutige Menschen, die sowohl im Hörsaal als auch außerhalb eine Kultur der Vielseitigkeit vorantrieben.

Darüber hinaus müssten junge Jordanier in die Politik einbezogen werden, um eine Atmosphäre zu schaffen, in der sie das Gefühl hätten, ihre Zukunft selbst gestalten zu können. Jugendinitiativen müssten nachhaltiger gestaltet werden. Der jordanischen Jugend mangele es bis jetzt an einem einheitlichen Ziel und einer konkreten Idee für einen Wandel, sodass keine größere Bewegung entstanden sei.

Wenn sich die junge Bevölkerung jedoch selbst organisiere und einen Plan entwickle um ihre Interessen durchzusetzen, sieht Sabeileh die Zukunft Jordaniens positiv.

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Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.

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