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05/10/2015 08:08 CEST | Aktualisiert 05/10/2016 07:12 CEST

Lügenpresse: Vom Unwort zum Buch

Die Bezeichnung Lügenpresse beschäftigt wieder die Medien. Zum Unwort des Jahres 2014 erklärt, taucht es jetzt in Spiegel Online auf. Dort berichtet die Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen über das Rekord-Schmerzensgeld der Bild-Zeitung für Jörg Kachelmann und bezeichnet das Boulevardblatt als Lügenpresse.

Fälschen, verdrehen, verschweigen

Mildere Kritik übt die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit den Medien, indem sie Abgeordnete mit folgendem Satz zitiert: Die Berichterstattung über die Flüchtlingspolitik in den Medien entspreche nicht mehr der Realität vor Ort.

Deutlicher wird da Markus Gärtner in seinem jetzt erschienenen Buch „Lügenpresse - Wie uns die Massenmedien durch Fälschen, Verdrehen und Verschweigen manipulieren". Man kann den Autor nicht einfach als „Spinner" abtun, denn er weist einen respektablen Lebenslauf auf. Er war unter anderem Finanzkorrespondent der ARD in Frankfurt, berichtete für Die Welt aus Malaysia und für das Handelsblatt aus China.

Kein Aufschrei der Leitmedien

Bei Euro-Rettung, Ukraine-Konflikt, TTIP und Flüchtlingskrise schreiben die traditionellen Zeitungen nach Meinung des Autors am Publikum vorbei. Schon bei der Euro-Rettung habe es trotz krassem Widerspruch zwischen Volkswillen und Parlamentsverhalten in den Leitmedien keinen Aufschrei gegeben.

Warum ist das so? Der Autor zitiert den ehemaligen Chefredakteur von Manager Magazin Online, Karsten Stumm. Dieser sagt, Journalisten wollten in ihrem Beruf nicht nur Geld verdienen, sondern auch die Gesellschaft verbessern. Zudem werde immer nur gemessen, welche Leser man habe. Aber nicht, was diese Zielgruppe genau wolle.

Nicht genauer fragen müssen

Der Medienkritiker Eckart Spoo fragt sich beispielsweise, warum die Journalisten gerne schreiben, dass Obama „warnt" und Putin „droht", wenn beide Präsidenten das Gleiche sagen. In den Medienkonzernen wüssten die Redakteure, wer als gut und wer als böse zu gelten habe.

Mit den Worten „alternativlos" und „irreversibel" ist nach Aussage des Buch-Autors nicht nur bei der einstigen Euro-Einführung operiert worden, sondern auch bei der aktuellen Flüchtlingswelle. Das sei für die Journalisten ein wunderbares Mittel, um nicht genauer hinschauen und fragen zu müssen.

Keine störende Diskussion

Verbale Attacken seien nichts anderes als das Schutzschild einer Wohlfühl-Republik, in der man die Opposition weitgehend abgeschafft habe. Wichtige Themen wie die Zuwanderung würden als „alternativlos" bezeichnet, um sie nicht der störenden Diskussion auszusetzen.

Kritiker würden ausgegrenzt und auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Nur wenige würden darin eine Gefahr für die Demokratie sehen. So beispielsweise der ehemalige Chefredakteur der WirtschaftsWoche, Roland Tichy. Nach seinen Worten würden die Medien ihre Leser „belehren, ausblenden, diffamieren". Die Totschlags-Berichterstattung sei der Tiefpunkt des deutschen Journalismus.

Stattdessen Leser-Beschimpfung

Über die bei TTIP ausgeübte Heimlichtuerei sei in den Meinungsblättern des Deutungs-Adels so gut wie nichts zu finden. Der Buch-Autor fragt deshalb: „Wieso verschweigen Zeitungen, die nach einem erheblichen Einbruch ihrer Werbung überwiegend vom Verkauf an die Leser leben, ihrem Publikum eine so drastische Zensur und beschimpfen die Leser stattdessen als pathologische Angsthasen?"

Über die Distanz der Journalisten zu ihrem Publikum und die häufig zu spürende Verachtung für die Leser und Zuschauer hat der Autor auch mit dem Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach gesprochen. Der sagte unter anderem: „Früher war es ja so, dass der Journalismus sich relativ wenig Gedanken gemacht hat, was die Leute wirklich sehen, lesen und hören wollten."

Journalisten als Falschfahrer

In einem Beitrag für die NachDenkSeiten würde Albrecht Müller zeigen, wie der Mainstream den Informationsauftrag hinter sich gelassen habe. Er sei dadurch zu einem „Falschfahrer auf der Autobahn des Publikums" geworden. Die Konsequenzen seien gravierend: „Sie bedrohen die Existenz der Mainstream-Publikationen." Denn nachdem die Werbung massiv ins Internet übergesiedelt sei, bräuchten die Medien mehr denn je ein gutes Gefühl für ihre Zielgruppen.

Der Buch-Autor fragt nach dem Grund für den Rudel-Journalismus. Weil man sich in seiner Rolle als Deutungs-Monopolist bedroht sehe? Oder weil man als Aufklärer über eine Welt wache, die sich nur so verändern darf, wie es das Design des Deutungs-Adels vorsieht? Die Medien würden jedenfalls ihre eigene Klientel im Stich lassen und sich gelegentlich sogar gegen ihr Publikum verbünden.

„Mit der Politik gemein gemacht"

Der Autor zitiert Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart mit der Aussage, die Medien hätten sich „mit der Politik gemein gemacht". Und es gebe auch eine „verschwiegene Kumpanei zwischen Kabinettsmitgliedern und Hauptstadtjournalisten". Die Berichterstattung in den Wirtschaftsteilen sei „nicht auf der Höhe der Probleme", weil beispielsweise die verheerende Schuldenpolitik die Vermögenswerte der Sparer - die zugleich Leserinnen und Leser seien - aufzehre.

Hier legt der Buch-Autor nach. Nach seiner Einschätzung ist aus dem Wachhund von einst in den Augen von Lesern und Zuschauern ein Schoßhund der Reichen und Mächtigen geworden. Dieser belle nur noch, „wenn das Publikum aufbegehrt und ihn kritisiert". Dann schlage er auch noch beleidigt zurück.

Die Leser im Stich gelassen

So gehe die Schere zwischen veröffentlichter Meinung und Realität immer weiter auf. Das Publikum werde ausgerechnet zu einer Zeit im Stich gelassen, in der sich viele Zeitungen erstmals mehr auf die Einnahmen aus dem Verkauf an die Leser stützen müssten als auf den Umsatz mit der Werbung.

Die traditionellen Publikationen würden den Bürgern nicht helfen, die politische Kaste zur Ordnung zu rufen und zur Verantwortung zu ziehen. Während der Stadtrat von Düsseldorf über die Einführung von Transgender-Klos debattiere und Berliner Abgeordnete sich die Gehirne über die Einführung von „Ampelfrauen" zermarterten, sehe die politische Kaste tatenlos zu, wie das Rentensystem unbezahlbar werde.

Keine echte Opposition

Lange Zeit sei eine Politik, die zu Wohlstandsverlusten und Armut führe, als Erfolg verkauft worden. Es würden überwiegend große Koalitionen herrschen, die eine Harmonie-Republik erzwingen wollten. Eine echte Opposition gebe es nicht mehr. „Wo die Demonstrationsfreiheit aufhört und Hetze und Verleumdung anfangen, bestimmt die Kanzlerin", habe Henryk M. Broder richtig festgestellt.

Das Meinungsspektrum werde durch eine Standard-Bekeulung eingeebnet wie von einer Planierraupe. Die Mainstream-Medien würden ein Meinungs-Kartell schmieden, das Andersdenkende ausgrenzt. Doch der Einbruch der Werbeeinnahmen mache die Zeitungen mehr denn je abhängig vom Verkauf an die Leser. Dass sie diesen Zusammenhang ignorieren, lässt sich für den Autor „mit Selbstmord gleichsetzen".

Monatlich 2.000 Leser weniger

So sei die verkaufte Auflage der Süddeutschen im ersten Quartal 2015 auf Jahresbasis um 6,3 % zurückgegangen und im zweiten Quartal um 3,6 %. Das seien, wie der Autor vorrechnet, „jeden Monat zwischen 1.000 und 2.000 Leser, die kein Geld mehr für die Zeitung hinblättern wollen".

Auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten würden durch eine erstaunliche Ferne zu ihrem Publikum „glänzen". Ombudspersonen wie in den USA oder Publikumsräte wie in Großbritannien seien hierzulande nicht erwünscht. Dass die Medien nicht besser als die Politik sind, heizt nach Ansicht des Autors „die Wut des Publikums enorm an".

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Zahlen und den Mund halten: Der Leser will nicht mehr die Melkkuh der Medien sein (Foto: Metzger).

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