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05/11/2015 06:43 CET | Aktualisiert 05/11/2016 06:12 CET

Leserstreik: Der wahre Grund für die Medienkrise

dpa

Der Streit zwischen Lesern, Betroffenen und Medien verstärkt sich inzwischen immer mehr. Nach einem falschen Zitat wirft ein Anwalt dem WDR und anderen Anstalten eine „journalistische Verwahrlosung" vor. Sein Einschreiten erzwingt Entschuldigungen, Widerrufe und Korrekturen. Doch ist das nur die Spitze eines Eisbergs?

Sprachlose Zuschauer

Über Politik, Medien und Propaganda macht Dr. Rainer Bieling als Redaktionsdirektor von „Der Hauptstadtbrief" in seiner neuesten Ausgabe unter anderem folgende Anmerkungen: Ein drittes Mal setzt die Bundeskanzlerin deutsches und EU-Recht eigenmächtig außer Kraft. Nach der Energiewende zur Klimarettung und der Euro-Rettung nun die Flüchtlingsrettung.

Eine Wende zum Guten sei nicht in Sicht. Dazu sei die Zahl der Kanzlerin-Claqueure in der Regierung und der Apologeten in den Staatsmedien zu groß. Politiker und Fernsehmoderatoren würden die Reihen fest geschlossen halten. Eine bisher in diesem freien Land nie gekannte Propagandawelle schwappe wohl orchestriert über die sprachlosen Zuschauer.

Medien, die nicht mitmachen

Die „falschen Weichenstellungen in Deutschland" lässt Dr. Rainer Bieling mehrere Autoren beleuchten. So Stefan Aust, der „Die Fiktion von der Insel der Seligen" beschreibt.

Er sei Herausgeber der Welt und damit „eines der beiden deutschen Leitmedien, die sich der Flüchtlingspropaganda entziehen". Das andere sei die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Deren Herausgeber Holger Steltzner erkläre lapidar: „Mit Gesinnungsethik wird die Flüchtlingskrise nicht zu meistern sein."

Doppeltes Problem mit Griechenland

Auch wenn kein Politiker und kein Fernsehmoderator mehr davon spreche, gehe die Euro-Krise weiter. Und wovon erst recht keiner spreche: Griechenland sei das erste Schengenland, das Asylsuchende von der Türkei aus erreichen.

Gemäß Dublin-II-Abkommen dürften die Griechen keinen von ihnen über den Balkan nach Deutschland durchreichen. Indes tun sie dies nach Aussage von Dr. Rainer Bieling, „wie sie ihre Staatsschulden durchgereicht haben, diese allerdings ohne Umweg über den Balkan".

Geschönte Berichte?

Wegen dem zunehmenden Streit der Leser mit ihren Medien sind auch die Kommmunikationsabteilungen in der Wirtschaft besorgt. Es gibt Ärger, wohin sie blicken. So schreibt Philipp Jessen als Chefredakteur des Stern einen Kommentar zum Thema „Wir sind die Lügenpresse".

Darin beklagt er, dass 44 % der Deutschen laut Forsa-Umfrage der Meinung sind, dass die Presse geschönt berichte. Deshalb will er zum Angriff übergehen und „für unseren guten Ruf kämpfen".

Wut gegenüber Journalisten

Es ist nach Einschätzung von Philipp Jessen etwas verrutscht in der Wahrnehmung von Journalisten in der Öffentlichkeit. Oder wie ein Kollege ihm sagte: „Das Sozialprestige von Journalisten liegt derzeit unter dem von Drogendealern."

Die Wut gegenüber Journalisten habe ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht, beklagt laut Meedia auch Ulrich Becker als Chefredakteur der Südwestpresse. Seine Kollegen hätten berichtet, dass die Debatte um die Flüchtlinge eine Wut entfacht habe, die sie in dieser Weise noch nie in ihrem Berufsleben erfahren hätten.

Endlich neutral informieren

Doch niemand solle seine Haltung an der Bürotür ablegen und wie eine Jacke an den Garderobehaken hängen, verteidigt sich der Chefredakteur. Das ist richtig, könnte man dem Chefredakteur da antworten und sagen: Die Journalisten sollten nicht so wehleidig sein, denn auch Richter und Polizisten haben eine Haltung, ohne dass darunter der Job leidet.

Zu dem Beitrag von Ulrich Becker gab es in Meedia erstaunlich viele Kommentare. Darunter zahlreiche zustimmende, aber auch viele kritische Äußerungen. In der Kritik wurde gefordert, neutral und objektiv zu informieren. Subjektive Meinungsmache habe mit seröser Berichterstattung nichts zu tun.

Leser nicht für „doof" halten

Es wurde in den Kommentaren beklagt, dass die Medienvertreter die Leser für „doof" halten würden. Doch die Bürger könnten heutzutage prima ohne Presse leben, aber die Journalisten nicht ohne Käufer. Diese Botschaft wird den Kommunikationsabteilungen zu denken geben.

Im dritten Quartal ging es gegenüber der vergleichbaren Vorjahreszeit bei den deutschen Lokal- und Regionalzeitungen ausnahmslos bergab. Am schlimmsten erwischte es Berlin mit Verlusten bei Abos und Einzelverkauf von 5,8 % beim Tagesspiegel bis 7,9 % bei der B. Z., wie Meedia berichtet. Die Südwestpresse kam glimpflicher davon. Sie verlor mit 12.586 Abos und Einzelverkäufen nur 4,1 %.

Die Probleme der Printmedien im Kampf gegen den wirtschaftlichen Abstieg zeigen drei Beispiele aus jüngster Zeit.

Jobs werden gestrichen

Erstens musste die Südwestdeutsche Medienholding bekanntgeben, dass innerhalb von zwei Jahren 70 bis 75 Jobs gestrichen werden. Die Maßnahmen betreffen unter anderem Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten und Süddeutsche Zeitung.

Zweitens streiten sich der Tagesspiegel und seine nicht mehr beschäftigten freien Autoren im Kleinanzeigenteil vor den Augen der Leser. Die sogenannten Freischreiber bieten dort als arbeitslose Journalisten ihre Manuskripte nach dem Motto an: „Erfahren Sie, was nicht in der Zeitung steht!"

Konkurrenz fletscht die Zähne

Die Redaktion antwortet ebenfalls per Kleinanzeige: „Mit mehr Anzeigen wäre das anders."

Drittens fletscht die Konkurrenz bereits die Zähne. So hat Xing das Autorenprogramm Klartext gestartet und greift damit aktiv ins Journalismus-Geschäft ein.

Werden Verlage überflüssiger?

Durch derartige Debatten-Plattformen werde die Vermittlerrolle von Verlagen überflüssiger, wurde auf den Medientagen gewarnt. Xing sieht sich mit mehr als neun Millionen Mitgliedern als einer der größten Distributoren von wirtschafts- und berufsbezogenen Nachrichten.

Die Bürger sind immer häufiger von den Printmedien enttäuscht. Doch wodurch werden die Leser vertrieben? Auf diese Frage gibt eine noch unveröffentlichte Forsa-Umfrage erschreckende Erklärungen.

Erschreckende Bewertung

Gefragt wurde bei der Umfrage nach der Bewertung der Kommunikation von Journalisten zu den zentralen Zukunftsthemen Wohlstandsgefährdung, steigende Preise, Energiewende und Euro-Krise. Nur zwischen 44 % und 47 % der Befragten waren dabei der Meinung, dass sich die Journalisten für die Interessen der Bürger einsetzen, wenn es um diese Probleme geht.

Ist es im Journalismus wie beim VW-Dieselmotor? Gibt es nur eine vorgetäuschte Sauberkeit in der Berichterstattung? Wird der Leser missachtet? Die diversen Umfrageergebnisse sollten Anlass für eine Neubesinnung sein.

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Lügenpresse-Quoten zum Aussuchen: Zwischen 20 % und 44 % (Foto: Metzger).

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