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03/09/2015 14:50 CEST | Aktualisiert 03/09/2016 07:12 CEST

Deutschland in der Führungsrolle

dpa

Während das Ausland Deutschland zur Weltmacht kürte, galt hierzulande Zurückhaltung als das höchste Gebot. Ukraine, Griechenland und die Flüchtlingskrise ändern das.

Es ist in Wahrheit eine alte Debatte. Nimmt Deutschland seine außenpolitische Verantwortung war? Was heißt das? Und soll es das überhaupt? Alte Fragen mit alten Antworten. Die Linken sehen darin einen aufkeimenden deutschen Imperialismus, den es natürlich zu bekämpfen gelte.

Die Konservativen plädieren vorsichtig für etwas mehr internationale Verantwortung, stets bedacht den Vorwurf des deutschen Imperialismus nicht zu bedienen. Die Liberalen gibt es so gut wie nicht mehr. Und die Bürger wollen davon ohnehin nichts wissen. So weit, so schlecht.

Blickt man aber ins Ausland, so ist die Lesart eine andere. Natürlich ist Deutschland längst eine Weltmacht, heißt es auf der anderen Seite des großen Teichs - nicht ganz ohne Hoffnung. In London bewundert man Merkels Einsatz in der Ukraine-Krise - nicht ganz ohne Neid. Und in Frankreich beobachtet man den politisch-wirtschaftlichen Einfluss Deutschlands - nicht ganz ohne Misstrauen.

„Deutschland wird wohl keine Führungsmacht. Sie wollen es gar nicht sein"

Umso überraschter waren die außenpolitischen Meinungsführer in Washington als sie Ende des letzten Jahres resigniert fesstellen mussten: „Deutschland wird wohl keine Führungsmacht. Sie wollen es gar nicht sein".

Doch in diesen Monaten zeigt sich: Nur der zweite Satz ist wirklich korrekt. Zwar fürchten sich die Linken immer noch vom „aufkeimenden deutschen Imperialismus", die Konservativen sich ebendas vorgeworfen zu bekommen, die Liberalen sind nicht zurückgekehrt und die Bürger verbinden mit Außenpolitik weiterhin Afghanistaneinsatz und Griechenlandpakete, doch eine Führungsrolle nimmt die Merkel-Regierung dennoch immer stärker ein. Besser: Sie stolpert hinein. Drei Punkte zeigen das aufs deutlichste.

Die Griechenlandpolitik Europas ist die Griechenlandpolitik Merkels. Richtigerweise stellt der SPIEGEL fest, dass das Duo Merkel-Schäuble in Athen deswegen niedergebrüllt wird, während man ihnen in Osteuropa eifrig zujubelt, doch er vergisst, dass auch das Ausdruck von Führung ist. Nicht alle sind damit einverstanden.

Auch die Ukraine-Krise steht unter deutschen Vorzeichen. Nicht die Amerikaner verhandeln über einen Waffenstillstand mit Russland, sondern die Kanzlerin gemeinsam mit Francois Hollande. Als sie im Februar überraschend nach Minsk reiste, und den Konflikt deutlich deeskalieren konnte, staunte die globale Öffentlichkeit nicht schlecht.

Und auch die Lösung der derzeitigen europäischen Flüchtlingskrise ist ein deutsches Projekt.

Der SPIEGEL fasst die ausländischen Berichte zusammen:

Deutschland in der Führungsrolle.

"Angela Merkels menschliche Haltung zum Thema Einwanderung ist eine Lehre für uns alle", schreibt die britische Zeitung "Observer". Die Kanzlerin habe gesagt, die Deutschen sollten stolz darauf sein, dass so viele Syrer, Eritreer oder Nigerianer zu ihnen kommen wollten. Hätte das ein britischer Regierungschef gesagt, schreibt der Autor, "wäre die Hysterie überwältigend".

"Wir geben es nicht gerne zu, aber moralisch verhält sich Deutschland besser als wir", schreibt der britische "Independent". "Während Angela Merkel auf die Anti-Flüchtlings-Proteste antwortet, indem sie die hässlichen Instinkte ihrer Wähler infrage stellt, gibt David Cameron ihnen nach." Und während die Kanzlerin Asylsuchenden Respekt zusage, schaue Großbritannien weg.

"So merken wir, dass wir nach Deutschland blicken müssen". Auch das spanische Nachrichtenportal "El Diario"sieht beim Umgang mit den Flüchtlingen "beeindruckende Zeichen der Solidarität der Deutschen".

Lob kommt auch aus den USA: Präsident Barack Obama persönlich dankte Merkel vergangene Woche für ihre Führungsrolle in der Flüchtlingskrise, insbesondere für die Entscheidung, syrische Flüchtlinge nicht zurückzuschicken. Das sogenannte Dublin-Abkommen sei ein großer Teil des Problems, urteilte auch die "New York Times".

Merkel habe deutlich gemacht, dass auch der Rest Europas seine Pflicht erfüllen müsse: "Etwas muss getan werden, nicht nur für die Flüchtlinge, sondern auch für die politische Stabilität der Europäischen Union."

Auch in Frankreich gibt man sich beeindruckt. "Die linksgerichtete Zeitung „Libération" etwa schrieb in einem neu erschienenen Leitartikel zur europäischen Flüchtlingspolitik, „zum Glück rettet eine Regierungschefin die Ehre der Europäischen Union: Angela Merkel". Das Nachrichtenmagazin „Le Nouvel Obs" sieht in Deutschland ein „Modell für die Flüchtlingspolitik".

Es zeigt sich in diesen Monaten also vor allem eines ganz deutlich: Die Krise Europas ist ein Katalysator der deutschen Verantwortung. Und so stolpert die deutsche Regierung in genau jene Führungsrolle, die vom Ausland lange gefordert, im Inland aber weiträumig ignoriert wurde.

Die Politik ist gut darin beraten, sie richtig auszufüllen.

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