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15/09/2015 16:39 CEST | Aktualisiert 15/09/2016 07:12 CEST

Die Krise als Chance?

lzf via Getty Images

Wir stecken in einer Zeit des Umbruchs. Wir können die Augen davor verschließen, wir können uns zwanghaft an den bisherigen Status Quo klammern, aufhalten werden wir diese mittlerweile im Zeitraffertempo stattfindende Veränderung aber nicht können.

So stellt sich die Frage, wie wir diesen Veränderungsprozess auf eine konstruktive Art und Weise erleben können. Wie wir vielleicht sogar die Möglichkeit haben, diesen aktiv mitzugestalten.

Hilfreiche Antworten bietet hier die Psychotherapie, die sich schon sehr lange mit der Frage beschäftigt, wie man die Angst vor Veränderung verliert und wieder persönliche Handlungskompetenz gewinnt. Drei konkrete Anregungen lesen Sie hier:

1) Stellen Sie kluge Fragen

Wer gute Fragen stellt, erhält die besseren Antworten - und steuert damit den Fokus seiner eigenen Aufmerksamkeit. "Sei vorsichtig, wonach du fragst und suchst - du wirst es möglicherweise finden" ist ein alter Spruch, der sich aber wieder und wieder bewahrheitet.

Vielleicht kennen Sie das Phänomen: In dem Augenblick, wo Sie sich für ein neues Auto interessieren und sich intensiv damit beschäftigen, sehen Sie dieses plötzlich überall! Das hat viel mit der Sortierfunktion unseres Gehirns zu tun.

Täglich prasseln abertausende Sinneseindrücke auf uns ein - hätten wir hier keinen gut funktionierenden Filter, würden wir schnell in dieser Flut an Informationen ertrinken. So trifft unsere Neurologie eine Vorauswahl an Informationen, die unser Bewusstsein erreichen, und richtet diese nach den Dingen aus, mit denen wir uns im Augenblick beschäftigen.

Wenn Sie sich wiederholt die Frage stellen "Was ist das Schlimmste, was passieren kann?" wird sich Ihr unbewusster Filter im Hintergrund auf die Suche nach Informationen machen, die diese Frage beantworten können. Ihr Körper schüttet Cortisol und Noradrenalin aus, Sie geraten in Stress und verlieren ein großes Stück Ihrer Handlungsfreiheit.

Stellen Sie sich stattdessen die Frage "Welche Möglichkeiten bieten sich?", so vermeiden Sie den Teufelskreis der negativen Gedankenspirale. Das heißt nicht, dass Sie innere Schönfärberei betreiben müssten - selbstverständlich haben Sie nach wie vor die Möglichkeiten, auch die negativen Aspekte eines Sachverhalts zu erfassen und zu reflektieren.

Allerdings gilt es, eine gesunde Balance zu erlangen - die Dinge ruhig kritisch zu betrachten, aber eben nicht einseitig. Diese Strategie machen sich übrigens auch Spitzensportler im Mentaltraining zu Nutze: Vor einem wichtigen Wettkampf gehen Sie diesen geistig im Vorfeld wieder und wieder durch, achten dabei auf mögliche Schikanen oder Hindernisse, legen dann aber ihren Fokus auf die Möglichkeiten und Chancen.

In der alten, römischen Kriegsführung wusste man: Lerne deinen Feind kennen, so gut es geht - nur dann hast du eine Chance, ihn zu besiegen. Wenn wir dieses Modell auf unsere eigenen Ängste und Sorgen adaptieren, merken wir schnell: In dem Augenblick, wo wir uns ernsthaft mit diesen beschäftigen, wenn wir uns selbst qualitativ hochwertige Fragen stellen und uns nicht auf eine allgemeingültige Meinung fixieren, holen wir uns ein Maximum an Handlungsfähigkeit, ein Höchstmaß an Flexibilität im eigenen Denken und Fühlen zurück. Dies hilft uns, die Dinge differenziert und reflektiert zu betrachten.

Und selbst dann, wenn die Antwort auf eine Frage scheinbar offensichtlich auf der Hand liegt, können wir durch das weitere Hinterfragen oftmals noch wertvolle Informationen hinzugewinnen. Was bedeutet das konkret? Was könnte es noch bedeuten? Und - was noch? Wer fragt, kann nur gewinnen - selbst dann, wenn gute und weiterführende Antworten im Augenblick leider Mangelware sind.

2) Werden Sie sich Ihrer Abwehrmechanismen bewusst - und der der anderen

Unter Abwehrmechanismen versteht man in der Psychologie den unbewusst ablaufenden Prozess, der uns für innerpsychische Impulse und Konflikte eine vermeintliche Erklärung bietet. Vermeintlich deshalb, weil die Erklärung oftmals meilenweit entfernt von dem tatsächlichen Grund liegt.

Einige davon erleben wir im Augenblick hautnah: Da wäre zum Beispiel die Rationalisierung. Die eigenen Gefühle von Wut, Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit werden durch eine vermeintlich sachliche Argumentation ersetzt, bei der man nach Außen hin den Schein der Objektivität wahrt, die eigenen Gefühle tunlichst nicht ans Tageslicht dringen lässt und diese kurzerhand durch scheinbar rational nachvollziehbare Aussagen ersetzt.

Oder die beiden Extrempole, die immer wieder durchblitzen: Auf der einen Seite vernichtender Fremdenhass, auf der anderen Seite eine völlig unkritisch-unreflektierte Haltung, die häufig unter dem Begriff Willkommenskultur subsummiert wird.

Die ehrliche, gründliche Selbstreflexion bleibt dabei leider auf der Strecke. Dabei wäre es so unendlich wertvoll, erst einmal über die eigenen Motive und Beweggründe Klarheit zu gewinnen, bevor man sich an der Diskussion prägend mitbeteiligt.

3) Die Krise als Chance begreifen

Manche Dinge können wir aus eigener Kraft nicht ändern - zumindest nicht in dem Maße, in dem wir dies gerne tun würden. Bevor man sich in Resignation oder blinden Aktionismus flüchtet, kann es da sehr hilfreich sein, den Dingen erst einmal einen neuen Rahmen zu geben.

Was wäre, wenn ein Krise eine Chance für uns darstellen würde? Eine Chance, persönlich zu wachsen, uns unserer eigenen Bedürfnisse und Motive bewusst zu werden, und darüber hinaus Klarheit über unsere eigene Rolle in dem jeweiligen Prozess zu gewinnen?

Dies ist bitte nicht zu verwechseln mit positivem Denken oder sich die Dinge schönreden. Damit wäre keinem geholfen, im Endeffekt wäre dies ja nur ein die Augen vor den Tatsachen verschließen.

Allerdings hat jeder die Möglichkeit, Tatsachen unterschiedlich zu bewerten, ihnen ein anderes Etikett aufzukleben und hiermit weniger die sachliche, denn die persönliche Bedeutung zu verändern. Dass dies mit Fingerspitzengefühl geschehen muss, liegt auf der Hand.

Dann kann das sogenannte "Reframing", also den Dingen einen anderen Bezugsrahmen zu verpassen, eine wertvolle Ressource sein. Dass man die Dinge alleine dadurch noch nicht ändert, ist ganz klar. Allerdings stellt auch die Neubewertung eine weitere Möglichkeit dar, die eigene Handlungskompetenz zu erweitern.

Na, ganz toll ... ein paar schlaue Sprüche, und das soll jetzt die Krise lösen?

Nein, natürlich nicht. Es geht hier kaum darum, konkrete Antworten und Lösungsansätze zu finden. Genauso wenig, wie man nun konkrete, allgemeingültige Handlungsempfehlungen ableiten könnte. Und auch ein kritisches Hinterfragen soll keinesfalls unterbunden oder gar bewertet werden.

Sehr wohl kann man hier jedoch eine Einladung entdecken, die Dinge nicht mehr im reinen Schwarz-Weiß-Raster zu sehen. Nicht nur das Außen, sondern vor allen Dingen auch das Innen - die eigenen Gefühle, Motivationen, Ängste aber auch Hoffnungen - genauer anzuschauen. Ein besseres Gefühl dafür zu bekommen, warum man tickt, wie man tickt.

Denn: Je besser wir uns selbst begreifen, umso klarer wird unser Blick für das, was uns umgibt. Und je besser der Durchblick, umso höher die eigene Handlungsautonomie. Das, was ich auch wirklich begreife und mir gründlich angeschaut habe, verliert ein großes Stück weit den Schrecken über mich.

In Anbetracht der Größe und Macht der zu erwartenden Veränderungen mag das ein geradezu lächerlich kleiner Tropfen auf den heißen Stein sein. Andererseits aber wohl der ehrlichste und wertvollste Schritt, den wir selbst fürs Erste leisten können.

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