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17/04/2016 13:47 CEST | Aktualisiert 18/04/2017 07:12 CEST

Die Tote vom Fischmarkt

Reuters Photographer / Reuters

Jeremias Voss war verwundert. Was hatte er mit der Toten Veronica Beermann zu tun? Er kannte sie nicht, da war er sich sicher. Allerdings meinte er, den Namen schon einmal gehört zu haben, konnte ihn aber nicht unterbringen. Anstatt seine Erinnerung zu durchforsten, betrachtete er die Versammlung am Glastisch. Die Menschen beachteten ihn nicht, sondern sahen gespannt auf den Rechtsanwalt, offensichtlich bemüht, kein Wort der Testamentseröffnung zu überhören.

»Ich komme zum vorletzten Punkt«, hörte er den Rechtsanwalt sagen, der dabei die extravagant gekleidete Frau ansah. »Frau Petrowskawa, Ihnen habe ich diesen Umschlag zu übergeben.« Die Frau nickte, zeigte aber keine Überraschung. Der Rechtsanwalt stand auf und überreichte ihr ein längliches Kuvert. Sie steckte den Umschlag, ohne ihn zu öffnen, in ihre Handtasche. Die neugierig fragenden Blicke der anderen Anwesenden beachtete sie nicht.

»Und nun zum letzten Punkt.« Der Rechtsanwalt, der wieder an seinen Platz gegangen war, nahm einen weiteren Umschlag auf und kam zum Ende des Konferenztischs.

»Ihnen, Herr Voss, habe ich diesen Umschlag auszuhändigen. Wie Sie sehen werden, hat meine verstorbene Mandantin darauf handschriftlich vermerkt, dass Sie ihn unverzüglich öffnen und lesen möchten.« Mit diesen Worten übergab er dem verblüfft aufschauenden Voss den Brief und ging zu seinem Platz zurück.

Lieber Herr Voss (gestatten Sie einer Toten, Sie so zu nennen, denn wenn Sie diesen Brief lesen, bin ich nicht mehr),

Sie werden sicherlich verständnislos den Kopf schütteln, denn Sie kennen mich nicht. Ich Sie dagegen umso besser. Ich habe Ihre Arbeit verfolgt, soweit man sie den Zeitungen entnehmen konnte, und wollte Sie schon engagieren, doch konnte ich mich nie dazu entschließen. Die Gründe dafür tun hier nichts zur Sache - nun ist es ja nicht mehr dazu gekommen.

Sollte ich gestorben sein - und das bin ich, wenn Sie diesen Brief lesen -, bitte ich Sie, meinen Tod und die Umstände, die dazu führten, zu untersuchen. Ich bin davon überzeugt, dass ich einem Mordanschlag zum Opfer gefallen bin. Mein Leben ist selten so verlaufen, wie es sich für eine Tochter aus gutem Hause gehört. Es gibt Leute, die meinen Tod herbeigesehnt haben. Ich wurde bedroht, und kürzlich wäre ich fast einem Autounfall zum Opfer gefallen. Ich nenne Ihnen absichtlich nicht die Namen meiner Feinde, weil ich möchte, dass sie unvoreingenommen an den Fall herangehen. Auch möchte ich nicht Personen verdächtigen, die möglicherweise unschuldig sind.

Um eins bitte ich Sie: Lassen Sie weder meine Familie noch die Behörden von Ihren Nachforschungen etwas wissen, da man sonst möglicherweise Druck auf Sie ausübt, meinen Tod nicht weiter zu verfolgen. Hiervon nehme ich ausdrücklich meine Schwester Sonja und meine Freundin und Geschäftspartnerin Erina Petrowskawa aus. Wenn Sie Fragen zu meiner Person haben, wenden Sie sich an sie.

Bitte sagen Sie meinem Rechtsanwalt, Herrn Bodin, ob Sie meine Bitte erfüllen.

In der Hoffnung, dass Sie dies tun, grüße ich Sie aus einer hoffentlich besseren Welt.

Veronica Beermann

P. S. Was auch immer Sie über meine Person herausfinden mögen, das Honorar, das Ihnen Herr Bodin aushändigen wird, können Sie getrost annehmen. Es ist ehrlich verdientes Geld und hat keinerlei Verbindung zu möglichen gesetzwidrigen Handlungen.

Eine Vielzahl von Gefühlen durchströmte Voss, während er die Zeilen las. Es war ein Cocktail aus Neugier, Verblüffung, Schock und Mitleid. Er war wirklich nicht leicht zu beeindrucken, doch Veronica Beermann hatte es mit ihrem Brief aus dem Jenseits geschafft. Er biss unwillkürlich die Zähne zusammen und ließ das Gesicht zu einer starren Maske werden, um nicht zu zeigen, wie sehr ihn die Worte ergriffen hatten. 

Was muss die Frau gedacht haben, als sie diese Zeilen schrieb?, ging es ihm durch den Kopf. Wusste sie, dass sie bald sterben würde? Aus ihren Worten hätte man es schließen können, oder war es nur eine Ahnung, eine Möglichkeit, und warum hatte sie kein Vertrauen zu ihren Eltern? Voss versuchte, sich auf die Gedanken, die wie Blitze durch seinen Kopf schossen, zu konzentrieren, um seine Erregung zu verdrängen ...

Ein Buchauszug aus Jeremias Voss und die Tote vom Fischmarkt - Der erste Fall.

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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