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20/08/2014 06:06 CEST | Aktualisiert 20/10/2014 07:12 CEST

Schwere Zeiten: Hohe Arbeitslosenraten geißeln die Jugend in Afrika. Die Politik könnte etwas dagegen tun

Thinkstock

Von Jan Rieländer, OECD Development Centre

Es ist nicht leicht, in Afrika jung zu sein. Gute Jobs sind rar - und das, obwohl die Wachstumsaussichten für den Kontinent von 4,8 Prozent im vergangenen Jahr auf 5,3 Prozent 2014 gestiegen sind.

Nach Schätzungen des jüngsten African Economic Outlook, eines Berichts der OECD, der Afrikanischen Entwicklungsbank und der Vereinten Nationen, sind in Afrika mehr als ein Viertel der etwa 200 Millionen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren in unsicheren Arbeitsverhältnissen.

40 Millionen von ihnen haben überhaupt keine Arbeit, und fast die Hälfte der Arbeitslosen hat so wenig Perspektiven, dass sie nicht mal mehr nach einer Anstellung sucht.

Die Wirtschaftskrise hat junge Menschen besonders hart getroffen, überall auf der Welt. Sie sind die ersten, die von Entlassungswellen erfasst werden, gleichzeitig wächst der Wettbewerb um Einstiegspositionen mit jedem Jahrgang, der die Schule verlässt.

In Afrika aber ist die Situation besonders kritisch. In einigen Ländern, wie zum Beispiel Südafrika, liegt die Arbeitslosenrate unter Jugendlichen bei 50 Prozent. In anderen Ländern arbeiten fast alle jungen Menschen, aber sie verdienen nicht genug, um ihr Leben zu bestreiten.

Für beide Gruppen gibt es nur eine Lösung - sie brauchen Wachstum, das sich in mehr und besseren Jobs niederschlägt. Und sie brauchen es schnell: Allein in den kommenden zehn Jahren werden 130 Millionen Menschen auf dem Kontinent auf den Arbeitsmarkt drängen.

Erstaunlicherweise haben die ärmsten afrikanischen Länder weniger Jugendarbeitslosigkeit als reichere Staaten. Je mehr Geld die Menschen zur Verfügung haben, desto eher kaufen sie internationale Marken statt regionaler Produkte.

Gerade diese einfachen, lokalen Erzeugnisse aber sind es, mit deren Herstellung sich die Menschen in vielen Gegenden über Wasser halten. So paradox es klingt, steigende Einkommen beeinflussen die Jugendarbeitslosigkeit noch in anderer Weise: Familien können es sich leisten, ihre Kinder stärker als bisher zu unterstützen. Diese wiederum sind bei der Jobsuche wählerischer als Vorgängergenerationen - und umso frustrierter, wenn der erhoffte „gute" Job nicht kommt.

Die Erwartungen junger Afrikaner an einen Job sind oftmals nicht realistisch. Eine Umfrage des Gallup-Instituts zeigt, dass junge Nordafrikaner eher nach Anstellungen im öffentlichen Sektor als in der Privatwirtschaft streben. Schon heute sind die Beschäftigungszahlen im öffentlichen Sektor hoch, und die Bevölkerung wächst.

Nordafrikas Regierungen können also unmöglich all die öffentlichen Stellen schaffen, auf die die Menschen in ihren Ländern hoffen. Aber sie können die Privatwirtschaft dazu anregen, Arbeitsplätze zu kreieren.

Das Hauptaugenmerk muss dabei auf den unzähligen kleinen Firmen des Kontinents liegen. Zwar sind große, oft internationale Konzerne, wichtige Arbeitgeber, aber es gibt viel zu wenige davon. Der Großteil der Jobs entsteht in Einmann-Unternehmen - vom lokalen Möbelbauer, über den Reparaturbetrieb bis hin zum Computer- oder Internetdienstleister. Viele dieser Unternehmen sind zwar nicht registriert, zeigen aber Potenzial und erwirtschaften jedes Jahr eine zweistellige Rendite.

Es gibt eine Reihe von Dingen, die Regierungen in Afrika tun können, um diesen Geschäftsleuten das Leben zu erleichtern. So muss sich beispielsweise die Einstellung der Regierungen zu kleinen Unternehmen ändern. Schauen wir auf das Beispiel von Mohamed Bouazizi: Der tunesische Gemüseverkäufer zündete sich 2011 an, weil er ein Zeichen gegen die Verwaltung und die Polizei seines Ortes setzen wollte.

Bouazizi hatte nicht die nötigen Papiere, um seinen Gemüsestand zu betreiben. Also gängelten ihn die Beamten fast täglich, beschlagnahmten seine Ware und seine Ausrüstung. Statt ihm wieder und wieder Steine in den Weg zu legen, hätten ihm die Behörden Hilfe und Anreize geben müssen, sein Geschäft zu registrieren.

Eine weitere Maßnahme, die Regierungen ergreifen können, wäre, die Sozialversicherung besser auf die Bedürfnisse kleiner Geschäftsleute wie Bouazizi abzustimmen. Mit einem funktionierenden sozialen Sicherungssystem könnten es sich die Besitzer solcher Unternehmen leisten, ihre Einnahmen ins Geschäft zu investieren, statt sie für unvorhergesehene Not- und Krankheitsfälle anzusparen.

Regierungen könnten den finanziellen Druck von Kleinunternehmern auch dadurch mindern, dass sie Anreize für Banken setzen, Kredite auszugeben. Für viele einfache Geschäftsleute in Afrika ist es fast unmöglich, Finanzierungen zu erhalten, die über Mikrokredite hinausgehen.

Ohne mittelgroße Kredite fällt es den meisten Unternehmern aber schwer, ihre Firmen zu vergrößern. Für Banken allerdings sind Kunden, die eine kleine fünfstellige Summe benötigen, nicht interessant. Sie machen mehr Geld mit großen Firmen. Hier können Regierungen vorteilhaftere Rahmenbedingungen durchsetzen.

Auch die Infrastruktur spielt für Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens eine wichtige Rolle. Ohne eine verlässliche Stromversorgung, können weder eine Näherei noch ein Internetdienstleister bestehen, und um Handel zu treiben, braucht es Straßen, die während der Trockenzeit genauso zu befahren sind wie in Zeiten starken Regens.

Der Schlüssel zur Arbeit für junge Leute liegt aber mindestens ebenso sehr in ihrer Ausbildung. Regierungen müssen den Rahmen dafür schaffen, dass ihre Jugend die Fähigkeiten erlangt, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Afrika hat ein boomendes Universitätswesen, die Firmen aber suchen nach Personal, das Maschinen bedienen und Herstellungsprozesse begleiten kann.

Auf der anderen Seite erleben gerade jene jungen Afrikaner, die von einem traditionellen Meister ein Handwerk lernen, dass ihre Ausbildung nicht anerkannt wird. Hier sind die Schulen in der Pflicht: Selbst ohne die klassische duale Ausbildung nach deutschem Vorbild nachzuahmen - jungen Menschen und Arbeitgebern wäre gleichermaßen geholfen, wenn lokale Privatwirtschaft und Ausbildungsstätten stärker miteinander kooperieren würden.

200 Millionen junge Leute zählt Afrika heute, schon in dreißig Jahren werden es 400 Millionen sein. Die Wirtschaft des Kontinents wächst auch dank der demografischen Entwicklung. Damit die Chancen die Risiken dieses Wachstum überwiegen, braucht Afrika eine verantwortungsvolle Politik - eine Politik für mehr und bessere Jobs.

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