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28/11/2015 09:10 CET | Aktualisiert 28/11/2016 06:12 CET

Diese Frage sollten sich muslimische Migranten stellen

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Als ich in einem Café in der Nähe des Englischen Gartens im Spätsommer die letzten sonnigen Tage des Jahres zu genießen vermochte, ging mir zur selben Zeit das langweilige Gespräch an meinem Tisch allmählich auf den Keks. Doch erfreulicherweise hat es nicht lange gedauert, bis ich einige interessantere Themen zu hören bekam.

Allerdings fand dieser Tapetenwechsel nicht bei uns in der Runde statt. Denn hier wurde weiterhin reichlich über die Schwere und die Komplexität der letzten Strafrechtsklausur diskutiert. Tatsächlich hatte ich einen Blick über den Tellerrand hinausgeworfen, indem ich eine geraume Zeit lang an den Lippen von zwei Erstsemestern am Nebentisch zu hängen begann.

Zwischen zwei Vorlesungen schlugen beide die Zeit tot und plauderten in einem gemütlichen Ambiente über Gott und die Welt. Je mehr ich über die zwei Jungs erfuhr, desto weniger konnte ich mich auf die nüchterne Unterhaltung mit den eigenen Kommilitonen konzentrieren, so dass ich letztendlich am eigenen Tisch nur noch physisch anwesend war. Unterdessen bekam ich infolge eines kaum vernehmbaren Flüstertons davon Wind, dass der schwarzhaarige von den Erstis türkischstämmig sei. Er heiße Mehmet und sei vor kurzem wegen seines BWL-Studiums aus Berlin nach München hergezogen; und sein Gegenüber? Ein Einheimischer.

Derweil konnte ich mich an die ersten Tage und Wochen in München vor einigen Jahren erinnern. Der Gedanke an die nahe Vergangenheit und die Erinnerungen an die anfänglichen Schwierigkeiten in einer neuen Stadt brachten mich zum schmunzeln. Doch plötzlich wurde ich durch den Ton einer kräftig klingenden Frau erschreckt.

Mit ihrem starken niederbayrischen Dialekt fragte sie den Mehmet und seinen Freund, ob sich die Herrschaften mittlerweile für eine Mahlzeit entschieden hätten. Beide bestellten dasselbe Schnitzel, doch Mehmets Herz hing im Gegensatz zu seinem Münchner Kommilitonen nicht an dem Schweineschnitzel, sondern an dem aus Pute.

Die waschechte bayrische Frau hatte sich bereits umgedreht, kurz bevor mein Landsmann sie höflich bat, ob sie so freundlich wäre und noch zwei Weissbier bringen könnte. Kurz darauf und nach einem langwierigen und gegenstandslosen Monolog über gewisse Integrationsgeschichten, stellte Mehmets Gegenüber schließlich eine Reihe von Fragen in den Raum.

Er würde so gerne wissen, ob sich Mehmet eher türkisch oder deutsch fühle und was sein Vorname denn überhaupt bedeute. Die Gretchenfrage vergaß der Schnösel im Polo-Shirt natürlich auch nicht. Was der liebe Mehmet eigentlich von seiner Religion so halte, mochte er natürlich auch unbedingt erfahren.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich es sehr genau bemerken können, dass der junge Student aus der Bundeshauptstadt mit dem Verhör des Gastgebers so ziemlich an seine Grenzen stoß. Es schien, als ob er diese Befragung als eine Last für sich empfand. Eine Bürde, die er überhaupt nicht tragen wollte bzw. nicht zu tragen vermochte. Denn er wusste weder wo die etymologische Quelle seines Vornamens lag, noch war er in der Lage, seine personale und religiöse Identität in greifbare Worte zu fassen. Aus Verzweiflung spielte er mit seiner rechten Hand solange an einem Bierdeckel bis er dieses Kartonstück schließlich in zwei Teile riss.

Doch Gott sei Dank kam ihm der Klingelton seines Handys zu Hilfe, so dass er eine gewisse Zeit gewinnen konnte. Nach dem Telefonat ging es bei den beiden dann allerdings nur noch um Fussball und vor allem um den FC Bayern München - was mich wiederum weniger interessierte. Aber die drei Fragen von Max hatten mich auch in den nächsten Stunden und Tagen ziemlich beschäftigt, bis ich mich letztendlich an die Geschichte des Apachen Geronimo erinnerte und diese zu überdenken begann.

Der letzte freie Indianer: Geronimo der Apache

Geronimo war der Kriegshäuptling einer Apachen-Gruppe, dessen Eltern bereits in seinen jungen Jahren der Unterdrückung der europäischen Besatzer zum Opfer fielen. Die „Weißen" aus Europa haben auch Geronimos Stiefmutter, seine Ehefrau und seine drei Kinder kaltblütig ermordet. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schlug er deshalb gegen die Vereinigten Staaten los. Obgleich der Widerstand des letzten freien Indianers sich durchaus in die länge zog und ihm somit etliche Jahre seiner Jugend wegnahm, bescherte ihm dieser unerbittliche Kampf zugleich auch eine ganze Menge Ruhm und Ehre.

Doch den Anlass zum Nachdenken gab mir hinsichtlich Mehmet nicht der Guerillakrieg des Geronimo. Vielmehr war es der erzieherische Kontakt zwischen diesem Apachen und seinem Großvater Chief Mahko während seiner Kindheit. Dieser war ein weiser und alter Mann, der maßgeblich an der Weiterentwicklung Geronimos mitwirkte. Es wird erzählt, dass Chief Mahko sich öfters darüber beklagt habe, dass Kinder und Jugendliche seines Stammes sich stets den „weißen" Besatzern nacheiferten und nicht mehr an ihre eigene Persönlichkeit dächten. Dazu gehörten zweifelsohne auch seine drei Enkelkinder.

Es war ein sonniger Morgen; zu einer Zeit als die Indianervölker noch weit weg von Unterdrückung und Verfolgung gemeinsam in Frieden lebten. Der Opa und seine drei Sprösslinge, sprich Geronimo und seine zwei älteren Brüder steuerten erschöpft nach einer beutereichen Jagd wieder auf ihr Lager zu. Doch auf einmal hielt der Chief an, ließ seine Kindeskinder hinter sich stehen und ging langsam und ehrerbietig zum Rande eines Flusses, der entlang ihres Weges verlief.

Plötzlich beugte er sich und führte seine alten und faltigen Hände in das Wasser hinein und zog sie nach einer Weile wieder heraus. Daraufhin wandte er sich zu seinen Jungs hin, die wiederum vom Geschehen nicht den blassesten Schimmer hatten. Er sah sie mit ernsten Blicken an, streckte seine nassen Hände aus und wollte von ihnen wissen, was sie darauf sehen könnten.

Konzentriert betrachteten alle drei Jungs die Hände ihres Großvaters bis der älteste schließlich das Wort übernahm. Er meinte, er sehe lediglich zwei feuchte Hände. Der mittlere überstimmte ihn mit der Behauptung, dass es sich eher um die zwei schrumplige Hände seines Opas handle. Chief Mahko war jedenfalls mit beiden Antworten nicht zufrieden, so dass er mit der Hoffnung die richtige Antwort zu hören, sich zuletzt zu Geronimo drehte. Mit einer diplomatischen Geschicklichkeit, bemerkte dieser dann, dass nur der weise und alte Großvater selbst die richtige Antwort geben könne.

Durch ein kleines Lächeln, welches unter Mahkos weißem Bart sichtbar wurde, konnte man auch gleichzeitig seine Hoffnungslosigkeit herauslesen. Doch er vermochte sich zusammenzuraffen.

Das heiße Wetter entzog ihm bereits die ganze Feuchtigkeit aus den Händen, als er mit der Ausführung seiner Lösung begann:

„Vor wenigen Augenblicken hielt ich den Fluss in meinen Händen, den Fluss! Doch ihr habt den Fluss nicht gesehen, sondern nur meine Hände. Dieser Fluss in meinen Händen vertrocknete wegen der hitzigen Sonne. Auch die Persönlichkeit eines jeden Menschen ist wie dieser Fluss. Denn wenn ihr einmal diesen Fluss verlässt, dann kann euch auch niemand mehr sehen. Selbst wenn jemand euch sehen sollte, wäre eure Existenz an die Gnade der Sonne gebunden."

Putenschnitzel oder Schweineschnitzel?

Angesichts der obigen Fragen an Mehmet, ob man sich nun in der deutschen oder türkischen Identität wiederfindet, die eigene Religion hochachtet oder eher weniger würdigt, sollte hier folgendes vorangestellt werden. Selbstverständlich ist die Entscheidung bzw. die Beantwortung dieser Fragestellung ausschließlich jedem einzelnen Individuum und seinem Gewissen zu überlassen.

Nichtsdestotrotz wäre es für jeden einzelnen auch nicht verkehrt, wenigstens einmal über diese Problematik hinsichtlich der eigenen (authentischen) Persönlichkeit nachzudenken. Denn ohne dass man eine innere Erwägung vornimmt, kann man auch keine Entscheidung treffen.

Auch Mehmet sollte sich dahingehend Gedanken machen. Er könnte demzufolge entweder den Schritt vom Putenschnitzel zum Schweineschnitzel wagen oder aber auch nach gewissen originären Quellflüssen suchen um letztlich „seine vertrockneten Hände wieder hineinzuführen". Erfahrungsgemäß kommt allerdings nichts Gutes heraus, wenn jemand sich für die erste Alternative entscheidet.

Denn meistens bleibt vom Putenschnitzel noch immer etwas hängen, und ich finde, so ein Mischmasch aus Puten und Schwein würde den Appetit von eher wenigen zügeln. Oder mag jemand diese Vermischung? Zu guter Letzt würde ich gerne noch einen heißen Tipp für Mehmet loswerden. Der Name Mehmet ist zwar türkisch, hat seinen Ursprung jedoch im Arabischen und steht für das deutsche Verb „gelobt". Er verkörpert demzufolge die türkisierte Form des Namen Mohammed.

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