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20/11/2015 10:08 CET | Aktualisiert 20/11/2016 06:12 CET

Weil ich nicht weiß, wie es mir geht

Thinkstock

„Und, wie geht's Ihnen?" - Mein Psychiater sitzt vor mir und schaut mich fragend an. Ich blicke ihn ebenfalls fragend an - „Hapühmrpfm!" meine ich schulterzuckend.

Es ist für ihn als auch für mich nichts neues, dass ich auf seine Frage nach meinem Befinden keine wirkliche Antwort habe. Und das ist okay so - für ihn als auch für mich. Zumindest für den Moment.

Eine Glasscheibe zwischen mir und meinem Gefühl

Ich fühle, dass ich etwas fühle, ich weiß nur nicht was. Auf dem Heimweg versuche ich via Auswahlverfahren mein Gefühl zu identifizieren: Ich bin heute weder traurig, wütend, glücklich, entspannt, melancholisch, ängstlich, lethargisch, nervös, bedrückt noch genervt.

Diese Gefühlsliste ließe sich noch lange fortsetzen wie mir Google zu Hause zeigt. Aber egal, welches Stimmungswort mich da auch anguckt, es passt keines zu meinem „Zustand". Es gleicht auch nicht der Alles-ist-mir-egal-Stimmung.

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Wenn ich nicht weiß, wie es mir geht - dann ist das weder gut noch schlecht. Mir selbst geht es gerade weder gut noch schlecht. Ich lebe nicht in meinen sonstigen Gefühlschaos. Emotionen und Grübeleien überfluten mich nicht und leer fühle ich mich auch nicht.

Irgendetwas ist da in mir, ich kann es nur nicht benennen. Starke Gefühle wie Wut und Trauer, die kenne ich. Da weiß ich, wie sie sich anfühlen und was für Gedanken sie mit sich bringen. Doch alles dazwischen, was für andere vielleicht „normal" ist, dass ist mir fremd. Damit kann ich nichts anfangen.

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Dass, was ich fühle, sitzt für mich hinter einer dicken Milchglasscheibe und gleicht einer Fremdsprache - ich kann sie nicht deuten ... und ja, jetzt fühle ich mich mir selbst gegenüber fremd, da ich einfach nicht weiß, was ich da fühle ...

Meine bisherige Erfahrung zeigt mir, dass es jetzt aber keinen Sinn macht, weiter darüber zu grübeln. Wie oft habe ich angefangen, in mir zu suchen, zu kramen und nachzubohren, nur um herauszubekommen, was ich gerade fühle ... meistens habe ich dann nach Stunden wirklich was gefühlt: Ärger und Wut auf mich selbst, weil ich kein stimmiges Gefühl in mir gefunden habe. - Doof.

Umgang mit Depression

Da sind Menschen in meinem Umfeld, welche mit meinem glänzenden Nichtwissen über meine Gefühlslage nicht umgehen können. Dass Sie das ganze nicht verstehen, verübele ich ihnen nicht. Ich mein, ich verstehe es ja selbst nicht. Doch dieses:

„Aber Du musst doch wissen, wie Du Dich fühlst! Du musst doch wissen, was Du fühlst! Ja Mensch, Du musst doch wissen, wie es Dir geht!?!"

HERZKLOPFEN ... In dem Moment fühle ich mich vor allem eines - unter Druck gesetzt.

Ich, die mit der Depression

Es ist, als wenn mein „Anderssein" nun nochmal stärker zum Ausdruck kommt ... ich, die mit der Depression ... ich, die mit der Persönlichkeitsstörung ... - nur, weil ich nicht ganz normal wie jeder andere die Frage beantworten kann.

Zumindest nicht ehrlich. Oftmals ist ja so eine nichts-aussagende Antwort wie „geht so" oder „läuft" ausreichend und für viele Menschen zufriedenstellend. Dann ist das auch für mich okay, zumal nicht jeder wissen muss, wie es in mir aussieht.

Freunde oder auch Familienmitglieder geben sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. Sie wollen mehr wissen. Sie wollen das von mir wissen, was ich selbst nicht weiß.

Mein Gemütszustand

Einige aus meinem Umfeld haben zwischenzeitlich akzeptiert, dass ich manchmal nicht weiß, wie es mir geht. Sie bohren dann nicht weiter in mir nach. Mir nahestehende Menschen äußern ihr Interesse nach meinem Gemütszustand mit konkreten Fragen.

Zum Beispiel was ich derzeit in meiner ehrenamtlichen Arbeit für Aufgaben habe, was ich zur Zeit lese oder wie ich meine letzten Tage gestaltet habe. Sehr gute Freunde dürfen auch fragen, wie mein letztes Therapeuten-Gespräch war und um was es ging. Solche expliziten Fragen sind für mich hilfreich, da sie auf eine konkrete Sache gerichtet sind. Und somit sind sie offen und ehrlich - einfach leichter für mich zu beantworten.

Mittlerweile kann ich selbst den Zustand auch einigermaßen akzeptieren. Das gute an ihm ist, dass er mich nicht in meinem Alltag behindert. Ich bin in meinem Denken „normal" - mein Kopf ist nicht leer, aber auch nicht mit quälenden Grübeleien beschäftigt. Somit habe ich ihn frei für meine Arbeit, kann mich auch um den Haushalt kümmern und das, was so im Alltag halt anfällt. Und damit kann ich die Frage nach meinem Befinden für mich selbst auch gerne einfach mal links liegen lassen.

Mehr Erfahrungen aus dem Leben mit Depression, Angst und Borderline findest Du auf nora-fleling.de!

Weltatlas der Depression: Leben in diesem Land die meisten traurigen Menschen?

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