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18/09/2015 15:17 CEST | Aktualisiert 18/09/2016 07:12 CEST

Loslassen - und was mich daran hindert

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Du sagst so oft, ich soll die Dinge von früher ruhen lassen, nicht in der Vergangenheit graben, nicht soviel darüber nachdenken. Du sagst, ich soll loslassen und vergessen.

Wie gerne möchte ich mit meiner Vergangenheit abschließen und meinen Blick in die Zukunft richten. Weißt Du, ich sehne mich nach einem Leben, dessen Gegenwart nicht so stark durch meine Vergangenheit beeinflusst wird.

Ich möchte so gerne loslassen und vergessen! Doch bitte, stell Dir einfach mal folgendes vor:

Nach einem schönen Tag legst Du Dich abends schlafen. Du bist müde und erschöpft und möchtest in der Nacht einfach nur Deine Ruhe finden. Schon bald schläfst Du ein und verschwindest im Reich der Phantasie und Träume.

Das Problem hierbei? Du träumst von dem Tag, dem Moment, der Dein Leben auf den Kopf stellte.

Alles ist wie damals. Die Geräusche, die Gerüche, die Menschen. Das ganze grausame Ereigniss erlebst Du im Traum nocheinmal. Intensiv spürst Du Deine Gefühle von damals - Deine Angst, Deine Verzweiflung, Deine Hilflosigkeit.

Schweißgebadet und nach Luft ringend wachst Du zitternd auf. Du blickst Dich um, Du musst Dich orientieren - wo bist Du? In welchem Haus bist Du? Liegt jemand neben Dir? Welches Jahr schreiben wir?

So langsam realisierst Du, dass es „nur" ein Traum war und Du in Sicherheit bist. Du redest Dir gut zu, dass jetzt alles gut ist und Du und andere nicht in Gefahr sind. Du weißt, Dir kann hier nichts passieren.

Du stehst auf und machst Dich wie gewohnt für den Tag fertig. Dir ist noch ziemlich flau im Magen, der Traum ist noch sehr präsent. Dennoch zwingst Du Dich zu einem kleinen Frühstück.

Angespannt und nervös verlässt Du die Wohnung um zur Arbeit zu gehen. Du hast noch überlegt, Dich krank zu melden - am liebsten möchtest Du Dich in der Wohnung verstecken und unter der Bettdecke verkriechen.

Aber nein, Du willst stark sein, also zwingst Du Dich rauszugehen.

Unterwegs drängen sich Dir die Erinnerungen aus dem Traum auf. Du versuchst Dich abzulenken mit Musik auf den Ohren, nem Buch oder Deinem Handy. Mit rasendem Herzen entfernst Du Dich Meter für Meter von Deiner Wohnung.

Die Zeit auf Arbeit will nicht vergehen. Du kannst Dich kaum konzentrieren - Bilder und Gedanken aus dem Traum fliegen durch Deinen Kopf. Deine Hände zittern obwohl es 30 Grad sind. Du versuchst, Dir vor Deinen Kollegen nichts anmerken zu lassen. Du willst nicht, dass sie mitbekommen, dass es Dir schlecht geht. Es würde ja doch keiner verstehen - schließlich ist das Ereignis schon so viele Jahre her.

Du versuchst Deiner Arbeit also nachzugehen. Du schaffst es sogar, mal ein paar Minuten oder eine halbe Stunde nicht an den Traum zu denken.

Doch was gegenwärtig bleibt ist das Herzjagen, die Schwindelgefühle und die Übelkeit.

Endlich! Feierabend. Erleichtert, den Arbeitstag bewältigt zu haben machst Du Dich auf den Heimweg. Die Gedankenspirale um Deinen Traum und das Ereignis von vor vielen Jahren ergreift wieder Besitz von Dir.

Vom Kopf her weißt Du, es war „nur" ein Traum. Du weißt, dass Du gar nicht in Gefahr bist, dass Du Dir ein sicheres Leben aufgebaut hast. Du weißt, es ist jahrelang her, als es passierte.

Das weiß Dein Kopf. Doch Deine Gefühle nicht.

Die spielen verrückt. Du spürst an diesem doch eigentlich schönen sommerlichen Tag dieselbe Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit wie im Traum. Wie an dem Tag vor vielen Jahren.

Zuhause angekommen, möchtest Du am liebsten einfach nur ins Bett fallen und schlafen. Aber Du hast Angst davor.

Angst davor, dass sich der Traum wiederholt. Angst davor, dass Du es noch einmal erleben musst. Sobald Du die Augen zumachst, spielt sich vor Deinen Augen die grausame Szene von vor vielen Jahren nochmal ab ... Also lässt Du die Augen offen und starrst aus dem Fenster ...

Irgendwann schläfst Du dennoch ein ...

Ich möchte stark sein und versuche mich zusammenzureißen

Weißt Du, so ein Tag oder so ein Traum kommt vielleicht nur einmal im Jahr vor. Manchmal aber auch einmal im Monat oder sogar jede Woche. Und das Herzrasen, die Anspannung und der Zustand der Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit hält Tage, wenn nicht gar Wochen an.

Immer wieder rede ich mir ein, dass es doch schon Jahre her ist. Ich versuche mich „zusammenzureißen", ich will stark sein. Und kaum habe ich es ein bisschen geschafft, macht so ein Traum alles kaputt und ich bin schon wieder in meinem Gefühlschaos gefangen.

Und dann kommt jemand wie Du, der einfach sagt, ich solle die Sachen doch endlich mal vergessen, loslassen und ruhen lassen ...

Interesse, mehr Einblicke in das Leben einer psychisch Kranken zu erhalten? Dann schau doch einfach mal auf meinem Blog vorbei ->nora-fieling.de

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