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13/04/2016 07:43 CEST | Aktualisiert 14/04/2017 07:12 CEST

Als ich dachte, ich werde keine 18 Jahre alt

altrendo images via Getty Images

Kinder haben Depressionen?! - Was für viele noch eine verächtliche Frage ist, ist meine Erfahrung. Depressive Anteile, Todessehnsucht und selbstverletzendes Verhalten kenne ich seit meiner Kindheit.

Depressive Züge zeigen sich bei Klein- und Vorschulkindern hauptsächlich über körperliche Symptome, wie z. B. Ein- und Durchschlafstörungen, Ess-Störungen (Ess-Verweigerung) als auch eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte. - An all dies kann ich mich überhaupt nicht erinnern.

Ein weiteres Symptom ist jedoch die Rückentwicklung bereits erlernter Fähigkeiten. So fing ich im Vorschulalter an, nachts ins Bett einzunässen und auch zu stottern. Da es hierfür keine organischen Ursachen gab, wurde meine Mutter mit mir zu einer Psychotherapeutin geschickt.

Gesehen wurde nur das, was sichtbar war

Es blieb bei den zwei- oder dreimaligen Therapeutenbesuchen. Immerhin war ich bald wieder „trocken" und auch das Stottern ließ irgendwann nach. Was blieb und sich weiter entwickelte, war die Traurigkeit und Sinnlosigkeit in mir.

„Ich soll nicht so sensibel sein" - sagten sie so oft, doch ich verstand nicht, was ich anders machen sollte. Wenn ich weinte, fragten sie abwertend, warum ich denn jetzt schon wieder rumheule.

Nichts konnte ich ihnen erklären, da es dieses Nichts in mir war, wofür ich keine Worte hatte.

Dieses Leere-Gefühl oder auch das Gefühl, fremd in der eigenen Familie zu sein. Dass ich nicht wusste, warum und wofür ich leben sollte, dass ich gerne sterben würde. - All das konnte ich nicht sagen.

Ich fühlte mich fremd und anders - wollte aber „normal" sein und dazugehören, also versteckte ich mich. Ich begann, meine Gefühle zu verbergen und meine Traurigkeit anders rauszulassen - ich weinte mich abends in den Schlaf und stellte mir vor, wie es wäre, eine unheilbare Krankheit zu haben bzw. was diese bewirken würde:

... Meine Eltern würden sich dann um mich sorgen, sie würden sich um mich kümmern, sie würden mich liebhaben - mir das aber nicht nur sagen, sondern auch mal zeigen. Sie würden mich in den Arm nehmen und mir sagen, wie froh sie sind, dass sie mich haben ...

Ernsthaft krank wurde ich nie und zugleich doch - Depressionen

Ich war bestrebt, immer weniger Gefühle meinen Eltern gegenüber zu äußern bzw. zu zeigen. Vor allem natürlich die „schlechten". Wut war in den Augen meiner Eltern ein nicht angebrachtes Gefühl und Traurigkeit ...

Naja, welchen Grund hatte ich schon zum traurig sein, bin doch noch so jung ... also lachte ich und versuchte mich anzupassen. Ich setzte mir als Kind schon eine Maske auf, nur weil ich dazugehören und geliebt werden wollte.

Zugleich dachte ich, dass ich dieses Theater nicht lange aushalte und bestimmt keine 18 Jahre alt werde.

Meine Wut, Trauer und Gefühle der Todessehnsucht mussten irgendwie raus ... also ließ ich sie an mir aus. Ich verbrannte mich absichtlich an der heißen Herdplatte, schlug mir mit einem Hammer auf die Knochen, biss mir die Lippen blutig oder kratzte alte Wunden auf.

Einerseits waren dies Selbstverletzungen, die ich gut als „Unfall" tarnen konnte (was mir meine Eltern auch glaubten), andererseits waren es Verletzungen, mit denen ich die Aufmerksamkeit meiner Mutter suchte.

Ich bin zu ihr hin und hab ihr meine Hand gezeigt, mit der ich „aus Versehen" an die Herdplatte kam - sie hat sich auch darum gekümmert, doch Liebe spürte ich nicht.

Einmal musste mein Vater mit mir im Sommer ins Krankenhaus fahren, ich war etwa in der 4. Klasse und hatte mir einen Mückenstich so sehr aufgekratzt, dass es zu einer drei Zentimeter großen Wunde wurde. Wundstarrkrampfgefahr. Eine Spritze im Krankenhaus, die Fahrt nach Hause, die Fahrt in den Sommerurlaub - und alles ist gut.

Die Narbe am Fußgelenk habe ich heute noch - die auf meiner Seele auch

Natürlich wurde ich gefragt, warum ich das mache - doch ich konnte nur die Schultern zucken, zumal die Frage verständnislos und verachtend gestellt wurde. Auch konnte ich es mir damals nicht wirklich selbst erklären.

Selbstverletzendes Verhalten heute als Erwachsene jemand anderem zu erklären, ist ja schon schwer. Wie erklärt man auch anderen diese immense innere Anspannung und den Druck in sich selbst?

Erst im Nachhinein habe ich verstanden, dass dieses selbstverletzende Verhalten meine bizarre Überlebensstrategie war bzw. selten noch ist, ohne welche ich wahrscheinlich gar nicht mehr am Leben wäre.

Meinen Eltern offen zu sagen, dass ich möchte, dass sie sich um mich kümmern, konnte ich nicht. Ich hatte ja auch alles - Essen, Kleidung, Urlaub, Musikschule ... was mir fehlte, war „einfach" nur eine ehrliche Umarmung meiner Eltern, die mir sagen, wie lieb sie mich haben und das Empfinden, dass sie es total ernst meinen ...

Der Druck in unserer Famlie, der aus viel Streit und kalten Emotionen bestand, der Druck in der Schule, wo ich verschiedene Mobbingprobleme hatte und der Druck in mir, meiner Leere und Zerrissenheit, wurde immer größer, sodass der Druck in mir immer größer wurde ...

Suizidversuch mit 13 Jahren

In der 8. Klasse bekam ich eine Physikklassenarbeit mit einer Fünf zurück. Das hat mich so bedrückt, ich schämte mich und traute mich nicht, diese Arbeit meinen Eltern zu zeigen. Die Klassenarbeit war nicht der Auslöser, dafür jedoch der bekannte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte:

Zuhause klaute ich Schlaftabletten meiner Mutter und nahm sie abends nach der Musikschul-Stunde ein. Ich weiß nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin bzw. was danach alles genau passierte. Aufgewacht bin ich im Krankenhaus, wo mir meine Mutter erzählte, dass ich völlig benebelt und weggetreten war und mich in der Stube übergeben hätte.

Im Krankenhaus diagnostizierte man mir einen Kreislaufzusammenbruch, infolge meines schnellen Wachstums und das ich an diesem sommerlichen Tag wohl zu wenig gegessen und getrunken hätte.

Nur meine ältere Schwester äußerte ein paar Tage später, als ich wieder zu Hause war, die Vermutung, dass ich Tabletten genommen hätte. Doch auch da bzw. ihr konnte ich nicht die Wahrheit erzählen - ich schämte mich und hatte Angst vor der Einweisung in eine Psychiatrie. Im Nachhinein denke ich, es wäre das beste gewesen, was mir hätte passieren können.

In meinen ganzen Therapiegesprächen hat sich so viel herauskristallisiert und viele Zusammenhänge von früher werden mir immer klarer. Umso mehr verärgert es mich, dass meine Eltern mit mir nicht einmal mehr zur Psychotherapeutin gegangen sind.

Zugleich ärgert es auch mich selbst, dass ich nicht sagen konnte, was los ist, wie ich mich fühle oder dass ich Tabletten genommen habe.

Das ich mich darüber ärgere, bringt jetzt nichts mehr. Ich werde in der Therapie lernen, damit umzugehen.

Was mich jedoch ärgert und das zu absoluter Berechtigung, ist der Umstand, dass so viele Menschen noch immer glauben, dass Kinder und Jugendliche keine Depressionen haben können.

Die "Welt" schrieb am 09.12.2014: „Das Statistische Bundesamt zählte im Jahr 2000 noch 2145 Fälle in Deutschland. Zwölf Jahre später wurden 12.567 Jugendliche wegen einer Depression stationär behandelt."

2013 schrieb der tagesspiegel.de, dass sich jedes Jahr 600 Jugendliche das Leben nehmen.

Wären meine Eltern oder auch die Kinderärztin mir gegenüber aufmerksamer gewesen, hätte bestimmt einiges vermieden werden können. Wäre ich damals richtig behandelt worden, hätte ich heute vielleicht keine vernarbten Arme vom späteren Ritzen und vor allem nicht mit Depressionen, Angstzuständen oder Borderline-Symptomen zu tun.

Für Depressionen braucht man halt kein Mindestalter. So wie es mir ging, erging und ergeht es noch vielen tausend anderen Kindern.

Und ich frage mich, was noch passieren muss, wieviele Kinder/Jugendliche noch sterben müssen, ehe Depressionen als eine ernsthafte, lebensbedrohliche Krankheit anerkannt werden, die nicht nur Erwachsene betreffen, sondern auch Kinder und Jugendliche?!

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Mehr aus meinem Leben mit Depression, Angst und Borderline erfährst Du auf meinem Blog nora-fieling.de als auch auf meiner Facebookseite Depression, Angst, Borderline - Nora Fieling.

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