BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Nils Terborg Headshot

Sex vor der Ehe? Warum sich weder Christentum noch Islam mit Sexualität verstehen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

„Manchmal denke ich, es wäre besser, es gäbe keine Religionen."

- Dalai Lama

Betreten wir ein brisantes Spannungsfeld:

Sexualität und Religionen!

Vorab: Es wird vor allem um das Christentum und um den Islam gehen. Und es wird nicht oberflächlich. Mir ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es mir bei aller Religionskritik immer um das Gedankengut geht - niemals aber kritisiere ich Menschen, schon gar keine Gemeinschaften, die hinter den Religionen stehen!

Polarisierend wird es trotzdem!

2015-02-17-SexvorderEhe.jpg

Im Schlafzimmer der Religionen

Die britische Wissenschaftsjournalistin Shereen El Feki schlägt in einem TED-Talk (siehe unten) eine spannende Perspektive vor:

„Wenn Sie ein Volk wirklich kennenlernen wollen, dann fangen Sie an, einen Blick in die Schlafzimmer der Leute zu werfen!"

Ich schreibe diesen Artikel aus der Perspektive eines Autoren und Coaches, der zahlreiche Klienten in Einzelcoachings zu Beziehungsfragen unterstützt hat. Ich kenne also die „Schlafzimmerperspektive" und unterstütze den Gedanken von Frau El Feki in jeder Hinsicht!

Aber wie sieht es denn nun in den Schlafzimmern und mit Sex vor der Ehe, außerhalb der Ehe und in der Ehe aus?

Sexualität und Islam: Beziehungsstatus „es ist kompliziert"!

„Across the Arab region, the only accepted contact for sex is marriage. Approved by your parents, sanctioned by religion and registered by the state."
„Überall in der arabischen Welt ist die Ehe die einzige akzeptierte Kontaktmöglichkeit für Sex. Und diese ist dann von den Eltern abgesegnet, von der Religion genehmigt und staatlich eingetragen."

Shereen El Feki erzählt in ihrem Vortrag eine Geschichte. Die gilt sicherlich nicht stellvertretend für alle Muslime dieser Welt. Aber die Faktoren, die den Verlauf dieser traurigen Geschichte beeinflusst haben, sind allesamt muslimische - wohlgemerkt: Es handelt sich dabei nicht um Extrempositionen!

Was ist genau passiert?

Die junge und unverheiratete Faiza hat Sex vor der Ehe. Bei muslimischen Männern sei das üblich, so El Feki, und dort werde gerne weggeschaut. Nun müssen muslimische Männer natürlich mit irgendjemandem Sex haben (über Homosexualität reden wir hier lieber gar nicht).

Somit stehen Frauen wie Faiza vor der Herausforderung, ihre Bedürfnisse zu befriedigen oder, je nach Situation, den Ambitionen der Männer zu entsprechen. Das Jungfernhäutchen muss dabei intakt bleiben, um die Ehre der Familie (vor allem die des Vaters) nicht zu beschädigen!

Die Lösung: Nicht-vaginaler Geschlechtsverkehr.

Unbefleckte Empfängnis?

Natürlich kann man auch in solchen Fällen schwanger werden, denn selten bleibt das Ejakulat da, wo es zuerst war. Was Faiza aufgrund einer quasi nicht vorhandenen sexuellen Bildung allerdings nicht weiß. Als sie die Anzeichen der Schwangerschaft nicht länger ignorieren kann, geht sie von einer jungfräulichen Geburt aus. Und einer verqueren Logik folgend liegt sie damit sogar irgendwie nicht so ganz falsch.

Trotzdem stellt das für sie ein enormes Problem da. In ihrer Not wendet sie sich an ihre Mutter, die ihr hilft, ins Ausland nach Casablanca zu fliehen, um dort eine (sowohl politisch, als auch religiös gesehen natürlich illegale) Abtreibung vorzunehmen. Vor Ort versucht der zuständige Arzt, statt ihr zu helfen, sie zu vergewaltigen.

Meine Erkenntnis an dieser Stelle: Alle „Probleme", die ich in meiner frühen Jugend in Bezug auf Identitätsfindung, Erkundung der Sexualität und Bedürfnisbefriedigung hatte, sind irgendwie Luxusprobleme. Und: In der arabischen Welt bedarf es dringend eines Paradigmenwechsels - in politischer, religiöser und familiärer Hinsicht! Denn genau diese in sich geschlossene „Dreieinigkeit" mache Veränderungen laut El Feki so schwer.

So lange das nicht passiert, wird es weiter Geschichten von Peitschenhieben, Steinigungen, einem Anstieg von HIV, zerbrechenden Familien und Vergewaltigungen ähnlich der von Faiza geben!

Natürlich, so wirklich direkt betreffen uns solche Probleme nicht.

Denn wir sind sexuell aufgeklärt.

Oder?

Sexualität und Christentum

„Wir können noch so aufgeklärt sein - tief in unserem Unbewussten sind all diese Glaubenssätze und Bilder der bösen Fleischeslust immer noch verankert und aktiv daran beteiligt, wenn wir uns um das brisante Thema Liebe, Sex und Partnerschaft Gedanken machen."

- Holger Lendt und Lisa Fischbach in Treue ist auch keine Lösung

Aufgrund aller bis hier genannten Informationen fällt es jetzt leicht den Islam zu verurteilen. Und zumindest eine deutliche (und differenzierte!) Kritik halte ich für dringend notwendig.

Und ja:

Die Probleme, die wir in Deutschland und der westlichen Welt haben, sind vom qualitativen und quantitativen Ausmaß sicherlich geringer. Ich bin aber auch ein Freund davon, sich vor dem Meckern zuerst an die eigene Nase zu fassen.

Ich möchte jetzt aber weniger von ähnlichen Gewalttaten und erfahrenem Unrecht sprechen. Denn wenn uns in muslimischen Staaten der Blick auf die Ursache des Problems vor Gräueltaten verloren geht, können wir das vor der eigenen Haustür (oder im eigenen Schlafzimmer) mit etwas weniger Ablenkung hinbekommen.

Sex ist böse!

Werfen wir stattdessen doch mal einen Blick auf religiöses Gedankengut und darauf, was es zu Sexualität sagt:

1.) Das Monogamie-Dogma

Die christliche Lehre sagt uns, dass Sexualität nur innerhalb der Ehe stattfinden soll. Das Dogma geht dabei immer von einer monogamen Normalität aus. Dass ein solcher Zwang wenig sinnvoll ist, wissen Evolutionsbiologen, Sozialpsychologen und Anthropologen schon lange. Die Folgen: Mehr und mehr deprimierte Singles, Teenie-Schwangerschaften, chaotische Scheidungen und tödliche Eifersuchtsdramen.

Die Geschichte kommt mir bekannt vor. Genau wie im Islam.

2.) Religion als Feind von gesunder Sexualität

Religion ist generell sehr stark mit einer Ächtung von Sexualität verbunden. Das sehen wir am priesterlichen Zölibat und am päpstlichen Kondomverbot. Die Folgen: Kindesmissbrauch in hoher Zahl und ein erhöhtes Schwangerschafts- und HIV-Infektionsrisiko.

Und all das nur, weil religiöse Führer nach wie vor eine strikte Trennung zwischen Sexualität und Liebe fordern und der Sexualität nur die Funktion einer gottgefälligen Fortpflanzung zugestehen. Was im Übrigen wissenschaftlich nicht haltbar ist.

Islam und Christentum stehen sich hier in nichts nach!

3.) Stigmatisierung von Alternativen

Egal, ob es alternative Lebensentwürfe wie polyamore oder offene Beziehungen, selbstgewählte Singles, eheähnliche Gemeinschaften oder homosexuelle Kontakte sind: Die Stereotype sagen Dinge wie „das ist schlecht", „das ist schmutzig" und „das ist eigentlich verboten".

Wo bleibt beim Betrachten von zwei Homosexuellen der Gedanke, dass zwei Menschen sich da gerade in Liebe einander zuwenden? Ach ja, und Sex vor der Ehe ist auch nicht gern gesehen. Das sieht man daran, dass über sexuelle Verbindungen (die nicht zumindest in einer klassischen Beziehung ablaufen) nicht öffentlich gesprochen werden darf.

Wie es im Islam aussieht? Ich traue mich angesichts der Geschichte von Faiza nicht, die Wörter „offene Beziehung" und „Homosexualität" in den Mund zu nehmen. Denn die Probleme sind hier viel grundlegenderer Natur.

Ein Licht am Ende des Tunnels:

Was ich in Bezug auf Sexualität an der Gegenüberstellung von christlich und muslimisch geprägten Gesellschaften interessant finde, ist ein möglicher Entwicklungsverlauf, der sich daraus ablesen lässt. Aus einer analytischen Perspektive sind die westlichen Gesellschaften sicherlich ein Stück weiter. Aber auch noch weit davon entfernt, wirklich tolerant, emanzipiert, selbstbestimmt und genussvoll durchs (sexuelle) Leben zu gehen.

Wäre es vielleicht Zeit, unsere grundlegenden Werte so auszurichten, dass jedem Individuum eine freie Entwicklung seiner oder ihrer Sexualität ermöglicht wird? Ja, ich finde, die ist es. Und ich finde auch nicht, dass das Thema es verdient, belächelt zu werden à la „es geht doch nur um ein bisschen Sex".

Faizas Geschichte zeigt deutlich, wie stark unsere Sexualität uns in allen Lebensfragen beeinflussen kann. Ich bin dafür, dass wir einen Schritt in die Richtung gehen, Sexualität als Bereicherung wertzuschätzen. Ab jetzt und sofort!

Aktiv werden!

Dieser Artikel bleibt so lange unvollständig, bis Leser etwas ändern. Ganz konkret mache ich folgende Vorschläge:

Es lohnt sich, Kontakt zu (anders)gläubigen aufzunehmen. Ich habe das sowohl in Seminaren als auch im Privatleben in jedem Fall als persönliche Bereicherung wahrgenommen. Auch wenn meine Ansichten sich deutlich von denen gläubiger Menschen unterscheiden.

Es ist eine gute Idee, bei allen Gesprächen über dieses Thema nicht zu missionieren, sondern tolerant und freundlich zu bleiben. Klingt eigentlich selbstverständlich, aber viele bekommen das nach wie vor nicht hin. Und in diesem Rahmen andere Meinungen zu äußern. Wer direkt zum Wutbürger mutiert, verschenkt von einer Sekunde auf die andere sein gesamtes Überzeugungspotenzial und erreicht nur eine Verhärtung der Fronten.

Immer ein sinnvoller erster Schritt: Bevor man sich über den Umgang mit Frauen bzw. Männern, Sexualität und familiären Strukturen bei anderen aufregt, darf man sich selbst reflektieren. Wie dieser Artikel (hoffentlich) zeigt, gibt es da in der Regel auch einiges aufzuarbeiten.

Viel Spaß und Erfolg dabei!

Nils Terborg

 

p.s.: Zum Nachschauen ist hier der TED-Talk von Shereen El Feki:

Artikelbild: © ra2 studio - Fotolia.com

Spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, pitchen Sie Ihre Idee bei unserem Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite


Close
Sieben Schritte zu atemberaubendem Sex
von
Teilen
Tweet
Werbung
Aktuelles Bild