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20/11/2015 07:02 CET | Aktualisiert 20/11/2016 06:12 CET

Paris: "Anteilnahme und Trauer bedürfen keiner Lautsprecher"

Carolyn Cole via Getty Images

Tragische Ereignisse ziehen oft große Worte nach sich. Politische Reden und Leitartikel nach dem 13. November streben offenbar danach, sich gegenseitig an wehrhaft-westlichem Pathos zu überbieten. Solch rhetorischer Überschwang hilft jedoch weder den Opfern, noch ist es im Sinne der da beschworenen Wertegemeinschaft. Anteilnahme und Trauer bedürfen keiner Lautsprecher.

Was uns vertrauter ist, trifft uns stärker. Das ist ein natürlicher, oft irrationaler Zug des Menschen. Viele haben Paris bereist; der Eiffelturm ist ein vertrautes Wahrzeichen; die Opfer sehen der eigenen Familie und Nachbarn ähnlich. Man selbst hätte im Stadion, Café oder Theater sein können.

So erklärt es sich, dass die Ereignisse in Frankreich Wellen der Anteilnahme in Europa und Nordamerika auslösen, während jüngste Anschläge im Libanon, der Türkei und nun wohl auch Nigeria eher als Randnotiz wahrgenommen werden.

Das kann man kritisieren. Die Verarbeitung des Geschehenen, der man in Liedern, Posts, Artikeln, Blumen und Kerzen Ausdruck verleiht, ist jedoch die Sache eines jeden Einzelnen. Ob die Trauer und Anteilnahme teilweise eine "trendende" Pseudo-Beteiligung ist, sei dahin gestellt.

Kritik an der symbolischen Anteilnahme in sozialen Netzwerken ist genauso überflüssig, wie jene an Gebeten für die Opfer. Die Anschläge in Madrid, London und nun zum zweiten Mal Paris, führen uns die westliche Verwundbarkeit vor Augen. Grassierende Verängstigung ist die Folge.

Trauer bedarf keiner Lautsprecher

Anstelle der gebotenen Beruhigung und Versachlichung, erreichen uns Verstärkung und Zuspitzung. Editorials, Leitartikel und Reden triefen vor Pathos, als sei Identitätsstiftung mit dem Vorschlaghammer das Gebot der Stunde. Viele dieser Beiträge lassen den Leser mit mehr Fragen denn Antworten zurück.

Ja, der Westen darf seine Überzeugungen nicht verlieren, aber was bedeutet das? Was ist eine wehrhafte Demokratie im Auge des Terrorismus? Wie steht man als Wertegemeinschaft zusammen?

Taten wie jene in Paris bedürfen keiner Dramatisierung. Sie als Zeichen der Zahnlosigkeit von Demokratien zu bezeichnen, ist töricht. Pathos und militärische Rhetorik helfen den Aggressoren mehr als den Opfern, tragen zur zivilen Panik bei und ja, bereiten den Boden für eine etwaige Vermengung mit der Flüchtlingsfrage.

Statt aufklärerische Werte zu beschwören, sollte man sie demonstrieren. Gerade nach Tagen, an denen das nüchterne Urteilsvermögen Helmut Schmidts allseits bejubelt wurde, möchte man diese von Meinungsführern einfordern.

Mit der Bedrohung leben lernen

Die globale politische Gemengelage machte es zu einer Frage der Zeit, bis der 13. November eintreten würde. Allein in Großbritannien wurden in diesem Jahr sechs terroristische Anschläge verhindert. Absolute Sicherheit gibt es auch in Europa nicht.

Das Perfide des Terrorismus ist es, viel Schaden mit geringen Mitteln anzurichten. Mittelfristig werden Anschläge zu unseren Begleitern gehören. Zu einfach sind sie durchzuführen, zu leicht lassen sich einzelne, geistig Entgleiste dafür gewinnen.

Eine sachlich differenzierte Debatte über die bestmögliche Prävention, wäre eine wahre Demonstration westlicher Werte. Aktionismus wie nach dem 11. September vergiftet das Klima und mündet schnell in kopflosen Militarismus. Nun muss über die Integration europäischer Nachrichtendienste, Verbesserung des Frühwarnsystems, Entghettoisierung der Großstädte und zielführende Außenpolitik sachlich diskutiert werden. Das ist es, was Demokratien ausmacht.

Ein Teil des derzeitigen Mitgefühls ist Ausdruck der eigenen Angst. Die Gefahrenlage hat sich jedoch weder in meiner Nachbarschaft, Fußballstadion, oder Theater, noch in meinem Stammlokal wesentlich verändert. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Möglichkeit eines Anschlages Teil unserer Erwartungshaltung werden muss.

Doch ist die Symbolkraft die mächtigste Waffe im Arsenal der Terroristen. Diese gilt es zu entschärfen. Die beharrlich bedachte Reaktion der Bürger und Politiker auf die Vorkommnisse in Hannover, weisen den Weg. Die Ratio ist schließlich genauso ein Produkt der Aufklärung, wie Freiheit und Demokratie.

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