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29/04/2014 12:15 CEST | Aktualisiert 29/06/2014 07:12 CEST

Verbot der Delfinhaltung ist überfällig und eine große Chance

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Delfine, insbesondere der Große Tümmler als eine von mehr als 30 delfinartigen Zahnwalarten, werden seit etwa fünf Jahrzehnten in Deutschland in Gefangenschaft gehalten. Den Ausgang nahm diese Praktik im Zoo von Duisburg durch seinen damaligen Direktor, Herrn Gewalt, der sich - festgehalten in Buchform - rühmte, einige der Tiere (inkl. Weißwale und Flussdelfine) mit eigenen Händen gefangen zu haben. Mitte der 1980er Jahre zählte man mindestens neun unterschiedliche Einrichtungen, darunter Vergnügungsparks, die Flipper nach der Pfeife durch Reifen und nach Bällen springen ließen.

Heute, wahrscheinlich weit mehr als 150 Delfine später, sind nur noch rund ein Dutzend Große Tümmler in zwei Einrichtungen in Deutschland übrig: im Tiergarten Nürnberg und eben im Zoo Duisburg. Nimmt die Haltung von Delfinen nun dort ein Ende, wo sie ihren Anfang nahm? Geht es nach einem Antrag der Fraktion der Piraten im Landtag von Nordrhein-Westfalen und der Meinung zahlreicher Experten und insbesondere Tierschutzorganisationen, dann JA. Geht es nach Zoo-Direktoren und einigen anderen Experten, NEIN.

Ich schließe mich der Forderung nach einem Delfinhalteverbot an und sehe darin auch eine Chance für die Zukunft der Zoos in Deutschland. Hier ein paar Gedanken zum „Warum":

Argument der Delfinarienbefürworter: „Die jährliche Überlebensrate bei Großen Tümmlern in Gefangenschaft gleicht heutzutage der Überlebensrate in freier Wildbahn"

Über Jahre hinweg mieden Delfinarienbetreiber die Diskussion über die durchschnittliche Lebenserwartung von Großen Tümmlern in Gefangenschaft im Vergleich mit jener ihrer Artgenossen in freier Wildbahn, da - auch wenn Vergleichsberechnungen schwierig sind - jene der gefangenen Tiere wesentlich kürzer war. Diese Zahlen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten etwas verändert. Die letzten Veröffentlichungen zu der Thematik, die jedoch ebenfalls bereits eineinhalb Jahrzehnte zurückliegen, kommen zu dem Schluss, dass die Ergebnisse in beiden Gruppen etwa gleich sind, während z.B. bei Orcas weiterhin die durchschnittliche Lebenserwartung in Gefangenschaft gehaltener Tiere weit geringer ist als jene der in freier Wildbahn lebenden Tiere.

Zunächst muss man sich aber vor Augen führen, dass die für die Berechnung genutzten Datensätze jene das US Marine Mammal Inventory Reports sind. Diese Daten sind insbesondere in Hinblick auf Tiere, die von den USA exportiert wurden, nicht korrekt, da nur mangelhaft über das weitere Schicksal der Tiere berichtet wurde und wird. Für Delfine in europäischen Anlagen gibt es überhaupt keine vergleichbaren und öffentlich zugängigen Datensätze.

Zum anderen muss man sich die regionale Entwicklung der Delfinhaltung ansehen. Der Boom der Delfinhaltung in Europa in den 1970er und 1980er Jahren führte zur Entnahme Hunderter Delfine aus der freien Wildbahn. Dies wiederum resultierte in einer extrem hohen Sterblichkeitsrate. Übrig blieben jene Tiere, die diesen Prozess überlebt hatten.

Anfang der 1990er Jahre änderte sich dieser Trend, was auf mehrere Gründe zurückzuführen ist, darunter

-) die Verschärfung der EU-Gesetzgebung und das Erschweren von Importen in den EU-Raum

-) die Tatsache, dass die USA kaum noch Fanggenehmigungen für Delfine erteilten

-) die zunehmende Kritik an Delfinarien in einigen Staaten, darunter Großbritannien und Deutschland, die zur Schließung dutzender Delfinarien in Europa führte.

Im Wesentlichen gab es ab Anfang der 1990er Jahre nur noch in Spanien eine signifikante Zunahme von Einrichtungen, die Delfine halten, insbesondere in den Tourismuszentren. Delfinarien und Zoos, die die Delfinhaltung beendeten, verteilten die Tiere an andere Einrichtungen. So auch in Deutschland. Von neun in den 1980er Jahren aktiven Delfinarien sind heute nur noch zwei übrig.

Der Grund für den Rückgang von Delfinimporten liegt somit auch darin, dass die Anzahl der Delfinarien sank und Delfine an bestehende Einrichtungen weitergegeben wurden.

Faktum ist aber auch: Wenn man auch in Hinkunft Delfine in europäischen Einrichtungen halten möchte, dann wird es auch wieder zu Importanträgen und Wildfängen kommen und diese stellen einen Verstoß gegen die europäische Artenschutzgesetzgebung dar (siehe dazu Stellungnahme von Nicolas Entrup anlässlich der Anhörung im Landtag von NRW zum Antrag der Fraktion der Piraten für ein Delfinhalteverbot).

Wir können aber auch einmal hypothetisch davon ausgehen, dass Große Tümmler in Zoos durchschnittlich gleich lang leben wie Delfine in freier Wildbahn. Zudem können wir das Gedankenexperiment machen, dass irgendwann einmal - was aktuell nicht der Fall ist - die Nachzucht gefangener Delfine in europäischen Delfinarien nachhaltig funktionieren könnte.

Ja dann gelangen wir nämlich zu den Kernfragen:

a.) Rechtfertigt eine hohe Lebenserwartung den Mangel an Lebensqualität?

b.) Wenn Delfine in Gefangenschaft keinen Gefahren (Fischerei, Meeresverschmutzung, Nahrungsknappheit, Bejagung etc.) ausgesetzt sind, warum leben sie dann nicht weit länger als ihre freilebenden Artgenossen?

Die Antworten auf diese beiden Fragen sind Delfinarienbetreiber seit Jahrzehnten schuldig geblieben.

Argument der Delfinarienbefürworter: „Delfinarien leisten einen Beitrag für den Artenschutz"

Dieses seitens der Delfinarien-Befürworter vorgebrachte Argument ist in vielerlei Hinsicht irreführend und leicht zu widerlegen. Zum einen haben fortwährende Wildfänge negative Auswirkungen auf lokale Populationen. Dies gilt für Fänge von Schwertwalen vor der nordamerikanischen Küste in den 1960er und 1970er Jahren und aktuell vor Japan und Russland ebenso wie für den Fang von Weißwalen in russischen Gewässern, sowie den Fang von Großen Tümmlern im Schwarzen Meer, vor den Salomonen, vor Kuba und in anderen Regionen. Zudem schreckten z.B. Delfinarien im asiatischen Raum auch nicht davor zurück, stark gefährdete Irawadi-Delfine zu fangen. In keinem der Fälle gab es vor dem Fang umfassende Studien über mögliche negative Auswirkungen der Fangaktivitäten. Aktuell sucht das Georgia Aquarium in den USA um die Einfuhr wildgefangener Weißwale aus Russland an. Die Genehmigung wurde abgelehnt, da eine Einfuhr gegen US-Schutzbestimmungen verstoßen würde. Statt die Entscheidung zu akzeptieren, geht das Aquarium aber nun rechtlich gegen den Entscheid vor und versucht weiterhin an neue Wildfänge zu gelangen.

Werfen wir einen Blick auf die Nachzucht von Delfinen in europäischen Einrichtungen und ihre Bedeutung. In den 1980er Jahren haben Zoos und Vergnügungsparks das so genannte Erhaltungszuchtprogramm für gefährdete Arten (EEP) auch für den Großen Tümmler zumindest nominell eingeführt. Da seit nun mehr als 30 Jahren die Daten des EEP für Große Tümmler der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, lässt sich dieses EEP natürlich nur anhand der spärlich zur Verfügung stehenden Informationen kritisieren (man bekommt ja hin und wieder doch ein paar Daten oder Artikel zugespielt).

Von einer regelmäßigen Nachzucht von F2 (beide Elterntiere sind in Gefangenschaft geboren) und Folgegenerationen von Großen Tümmlern sind Delfinarien in der EU weiterhin entfernt. Außerdem gab es seitens der Anlagen, die Delfine in der EU in Gefangenschaft halten, zu keinem Zeitpunkt wissenschaftlich seriöse Begleitmaßnahmen in Hinblick auf eine Zuchtpopulation, die für eine etwaige Reintegration von Exemplaren in die freie Wildbahn - als Naturschutzmaßnahme (Ex-Situ-Maßnahmen, siehe Art. 9 der Konvention zur Erhaltung der biologischen Vielfalt) - geeignet wäre. Tiere aus unterschiedlichen Populationen, ja sogar Ozeanen, wurden gekreuzt. Dass der Tiergarten Nürnberg es vehement ablehnt, ein Einfuhrverbot von wildgefangenen Großen Tümmlern zu akzeptieren, macht es offensichtlich, dass es Delfinarienbetreibern nicht wohl bei dem Gedanken wird, ohne weitere Wildfänge auszukommen.

Deutlich wird die Situation auch im Urteilsspruch des Bayrischen Verwaltungsgerichtshofes zur Klage der Whale and Dolphin Conservation Society gegen die Stadt Nürnberg auf Akteneinsicht und auf Anwendung des Umweltinformationsgesetzes. Darin wird zur Frage der Nachzucht des Großen Tümmlers im Tiergarten Nürnberg zusammenfassend ausgeführt:

„Die Zucht von in Gefangenschaft lebenden Delfinen sei allgemein und auch bei der Beklagten nicht nachhaltig, zumal die Beklagte nach eigenem Bekunden ohne Wildfänge nicht auskomme."

Woran liegt aber nun die große Angst der Betreiber solcher Einrichtungen über ein Einfuhrverbot, das rechtlich ohnehin längst besteht, aber auch über ein Halteverbot zu diskutieren? Meiner Meinung nach basiert die Angst darauf, dass ein Eingeständnis, gewisse Tierarten nicht tiergerecht halten zu können, das überkommene Grundkonzept von Zoos in Frage stellen würde. Stellt man sich aber dieser Frage, bietet das die Chance, sich vom herkömmlichen, längst überholten Gedanken der Menagerie - der Zurschaustellung möglichst vieler Tierarten - zu verabschieden und ein grundsätzliches Umdenken in Richtung Zukunftsfähigkeit einzuleiten.

Das Eingeständnis, dass Delfine nicht tiergerecht zu halten sind, würde eine fruchtbare Diskussion auslösen und neuen Konzepten eine Chance geben. Es besteht Bedarf an Konzepten, die Defiziten in der Jugendbildung ehrlich begegnen, insbesondere, aber nicht ausschließlich, im urbanen Bereich.

Der Trend der Delfinhaltung in Europa zeigt deutlich, dass die Anzahl der Einrichtungen, die Delfine halten, auf Grund zunehmender öffentlicher Kritik abnimmt. Vergangenes Jahr schloss das letzte Delfinarium in der Schweiz seine Pforten. Ein Weg, dem Deutschland folgen sollte ... folgen muss. Die Entscheidungsträger in NRW haben nun dazu die Gelegenheit