BLOG
26/01/2016 10:26 CET | Aktualisiert 26/01/2017 06:12 CET

„Rede vom Verlust" - über die aktuelle Politik

Pacific Press via Getty Images

Seit dem Sommer im vergangenen Jahr ist die Politik, sind die Medien und ist die Bevölkerung getrieben von einem einzigen Thema: Flüchtlinge. Eigentlich ist es mehr, als nur ein Thema. Es ist ein ganzer Themenkomplex.

Wer über Flüchtlinge diskutiert, über sie urteilt, Gesetze verabschiedet, für oder gegen sie demonstriert oder ihnen hilft, der muss (oder müsste) sich mit eben diesem Themenkomplex beschäftigen. Mit Fluchtursachen, Fluchtrouten, den Möglichkeiten, Bedingungen und Gesetzen des Asyls, bis hin zum Umgang der Bevölkerung und der Politik mit den Geflüchteten.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Wie ist der Status quo? Was müsste/sollte/könnte geändert werden? Und vor allem: Welche politische Forderung stellt wer in Deutschland zu welchem Zweck und mit welcher Folge? Diese Fragen wurden durch diverse Medien an zahlreichen Stellen bereits beantwortet. Interessanter wird nun der Blick von Außen auf die Heimat.

Eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation bietet ein sehr bekannter Autor, der sich auf eine dänische Insel zurückzog, um mit etwas Abstand sein Heimatland und die dortige Politik zu betrachten.

Er schreibt:

Eigentlich nichts Neues, nur das Alte in vergröberter Ausgabe. Über fünfhundert Rechtsradikale bestürmen wiederholt [...] ein Asylantenheim. Aus den Fenstern benachbarter Häuser schauten die Bürger zu und klatschten Beifall, als Steine und Molotowcocktails geworfen wurden. Später konnten die Bürger im Fernsehen sehen, wie sie zugeschaut und geklatscht hatten; einige mögen sich erkannt haben.

2015 war das Jahr der Angriffe auf Asylbewerberunterkünfte. Laut der Chronik der Amadeu Antonio Stiftung und PRO ASYL gab es 574 direkte Angriffe auf Unterkünfte. Davon 132 Brandanschläge.

Doch damit nicht genug: fremdenfeindliche Kundgebungen, Körperverletzungen, Volksverhetzung. Das Register der politisch rechts motivierten Straftaten ist lang und enorm angestiegen. Auch im neuen Jahr kam es schon zu traurigen Höhepunkten, zum Beispiel bei der Verwüstung eines ganzen Stadtteils in Leipzig.

Eigentlich wußte man das: Nach westdeutschem Vorbild war schon in Hoyerswerda und anderswo Leistungsstärke bewiesen worden. Das war eingeübt mittlerweile, wie Fremdenhass in Gewalt umschlägt. Auch diesmal zeigte die Polizei Verständnis für den kompakten Volkswillen und hielt sich zurück. Wenig später waren die Polizisten mit größerem Eifer damit beschäftigt, linke Gegendemonstranten abzufangen. Diese Sache, so hieß es, dürfe nicht eskalieren.

Deutschand, wir haben ein Problem. Wir haben wieder ein Problem.

Weil uns wieder einmal die Vergangenheit auf die Schulter klopft, uns als Täter, Mitläufer und schweigende Mehrheit kenntlich gemacht hat.

Wenn dieses Problem doch bekannt ist, wenn es immer und immer wieder in unserem Land auftritt, wieso haben wir dann keine Lösungen parat liegen? Seit 1945 gibt es jährlich mehrere Gedenktage zu den Verbrechen des deutschen Faschismus. Bundespräsidenten, Bundeskanzler, Bundestagspräsidenten und viele andere Politiker halten Reden, ermahnen, erinnern und gedenken. Doch bei jedem neuen Anschlag stehen sie ratlos da. Keine Konzepte gegen rechts. Keine Strategien.

Aus unserem Ferienradio tönten Politiker, die einander in jener wohlfeilen Disziplin zu übertreffen versuchten, die Betroffenheit heißt.

Nach dem Bekanntwerden des NSU-Terror-Netzwerks zeigte sich die Politik dieses Landes einig darin, dass derlei nicht wiederholbar sein dürfe. Doch: Keine Konzepte gegen rechts. Keine Strategien. Im Gegenteil:

[...] jene Politik, die [...] den nunmehr zutage tretenden Rückfall in deutsche Barbarei zu verantworten hat, ist sich - weil unbeirrbar - treu geblieben; weiterhin wird das individuelle Grundrecht auf Asyl - ein Schmuckstück unserer Verfassung! - zu Markte getragen, auf daß dem Volksempfinden, das chronisch gesund zu sein hat, Genüge getan werde;

Und weiter:

Es sind nicht nur und nicht zuallererst die Skinheads, die in telegenen Auftritten den demokratischen Konsens der Gesellschaft brechen; vielmehr waren es, begabt mit verbaler Schlagkraft, Politiker, [...] die schon vor Jahr und Tag das Problem der Einwanderung und die Not der Flüchtlinge und Asylsuchenden als permanentes Wahlkampfthema ausgereizt haben.

Sie stimulieren durch die Aufkündigung zivilisierten Verhaltens die sich sammelnden Rechtsradikalen zu Gewalttätigkeiten und Mordanschlägen. [...] die beständigen Anschläge auf den Asyl-Artikel im Grundgesetz sind mehr oder weniger verbrämte Vorformulierungen der Deutschland einigenden Parole: „Ausländer raus!"

Gemeint sind hiermit nicht die traditionellen rechtsextremen Parteien oder die noch junge rechtspopulistische „Alternative". Der Autor meint hier die CSU. Er meint hier das Führungspersonal einer der ältesten Parteien unseres Landes. Einer der Parteien, die westliche, ja sogar christliche Werte hochhält. Oder hochzuhalten vorgibt. Denn an die propagierten Werte hält sich die Führung der angesprochenen Partei schon lang nicht mehr.

Auf seiner Ferieninsel fällt das Fazit des Autors dementsprechend nüchtern aus:

Wenn all das, diese bundesweite Verlagerung der politischen Mitte nach rechts, dieser Rechtsrutsch, weiterhin nur als Stammtischgerede abgetan und nicht als existenzielle Bedrohung begriffen wird, dann müssen wir Deutschen uns wieder als gefährlich werten - und zwar, bevor unsere Nachbarn mit uns als Gefahr rechnen.

Eine Warnung. Eine Warnung an uns selbst.

Auch wenn diese Warnung beängstigend aktuell klingt, so muss ich an dieser Stelle einräumen, dass der hier zitierte Autor bereits im vergangenen Jahr gestorben ist. Im April, vor der Zuspitzung der aktuellen Lage. Doch keinesfalls sind die zitierten Passagen gefälscht.

Sie stammen aus dem kleinen Büchlein „Rede vom Verlust", welches der Autor im Winter 1992 veröffentlichte. Es handelt sich um eine Rede, die er kurz zuvor in München hielt. Er hielt sie vor dem Hintergrund der brennenden Asylbewerberheime in Rostock-Lichtenhagen und anderswo. Vor dem Hintergrund der auf deutschem Boden getöteten Flüchtlinge.

Er hielt diese Rede im Wissen unserer Vergangenheit und dem Unverständnis seiner Gegenwart. Dem gleichen Unverständnis, welches ich zurzeit empfinde.

Heute, bald 24 Jahre später, kann Günter Grass diese Rede nicht mehr halten.

Doch es bedürfte ihrer.

Auch auf HuffPost:

Ein Mann im Regen bewegt das Netz: Inmitten des Horrors: Diese Flüchtlingsbilder sind herzzerreißend

Das ist die Zukunft?: Was WIRKLICH mit den Flüchtlingen passiert, die hier bleiben

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.