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10/10/2015 12:03 CEST | Aktualisiert 10/10/2016 07:12 CEST

Das Märchen von den hohen Kosten der Flüchtlingspolitik

4maksym via Getty Images

Als einfacher Bürger hat man es dieser Tage nicht leicht. Welche Zeitung man auch aufschlägt, welche Nachrichten man auch schaut. Ein Thema dominiert seit Wochen: Die "Flüchtlingskrise". Der Bürger ist sich dann oft nicht mehr sicher, ob ihm eine Horrorgeschichte oder eine Mär erzählt wird. Zumindest die prominenten Charaktere ähneln denen, einem Grimm'schen Märchen.

Von täglich tausenden Ankommenden in Bayern wird da berichtet. "Menschenmassen", die aufs Jahr hochgerechnet erst bei 800.000, dann bei 1 Millionen und laut den Mathematikprofessoren bei der "Bild" gar bei 1,5 Millionen in diesem Jahr liegen könnten. Zahlen also, die für den "kleinen Mann im Dorf" eine unvorstellbare Höhe darstellen.

Unvorstellbar auch die Kosten, die nun auf Deutschland zukommen. Von 10 Milliarden Euro sprach unlängst Flüchtlings-Fee Angela Merkel. Das schien noch vor ein paar Tagen kein Problem, als der "kleine Mann" selbst aktiv wurde. "Pack mas!" hieß es am Münchner Hauptbahnhof, als die Züge aus dem entfernten Königreich Ungarn einrollten. Doch Obacht! Sagte die gute Fee wirklich 10 Milliarden? Also, so geht das natürlich nicht.

Beim Geld hört für die Deutschen bekanntlich der Spaß auf. Das kennen wir ja noch vom Griechenland-Drama im Frühjahr. "Ich hab selber nix und das teil' ich auch nicht", denkt sich der Deutsche dann recht schnell und schwupps, die Stimmung im Bayernlande und auch im Königreich Sachsen kippt.

Nur, um sich das einmal für einen kleinen Moment bewusst zu machen: Die Kanzlerin hat seit 10 Jahren endlich mal eine echte Haltung ("Wir schaffen das!"). Jedoch muss sich der bayrische Monarch lediglich an die Seite der bösen Wölfe von der AfD stellen und immer wieder über "Asylmissbrauch", die erreichte "Belastungsgrenze" und viel zu hohe Kosten schimpfen, da ist das Willkommensfestmahl schon zu Ende. Ja sag mal, geht's noch? Wir reden hier von Flüchtlingen, von Menschen aus Kriegsgebieten und nicht von Starbucks, Google & Co.

Die royale Lösung: Festung Deutschland

Richtig, es stehen 10 Milliarden Euro Kosten im Raum. Wie sieht da der Lösungsvorschlag von König Horst aus: "Grenzen dicht und gut is'". Eine ebenso naheliegende wie dämliche Forderung. Unbegreiflich, dass ein erfahrener Herrscher ernsthaft davon ausgehen kann, dass 3700 km deutsche Außengrenze überhaupt dichtgemacht werden könnten.

Etwa mit Schlagbäumen und blau-weißen Wachhäuschen? Stacheldraht und Wasserwerfern? Die Menschen wollen nach Europa, sie müssen nach Europa und sie werden nach Europa kommen. Egal wie. Wenn Seehofer eine geschlossene Grenze fordert, verlangt er damit Blut an seine Hände. Denn es ist das Recht, eines jeden Menschen hier Asyl zu beantragen.

Zumindest zu beantragen! Auch die anderen Vorschläge Seiner königlichen Majestät von Gottes Gnaden sind alles andere als christlich oder human. "Den Familiennachzug" auszusetzen ist für eine Partei, der die Familie als besonders heilig gilt, einfach nur noch beschämend.

Des Königs Helfer von gar ritterlichem Edelmut

Doch König Horst ist nicht alleine im Kampf um die Sicherung des deutschen Schatzes. Ihm zur Seite springt Ritter und ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Der den Sinn seines Lebens in der mutwilligen Zerstörung ökologischer und sozialer Fortschritte gefunden zu haben scheint. Forderte er doch diese Woche die Erhöhung des Renteneintrittalters und die Abschaffung des Mindestlohns.

Sinngemäß behauptet er, dass die ganze "Drecksarbeit" von Asylbewerbern ja nur gemacht werden könne, wenn die Löhne entsprechend niedrig sind, um diese Stellen überhaupt zu schaffen. Er verkennt dabei, dass die Flüchtlinge eben keine homogene Masse aus, bleiben wir im Märchen, Bauern sind, sondern sich auch zahlreiche Akademiker unter den Menschen befinden.

Als Wirtschaftslobbyist findet der Edelmann natürlich alles scheußlich, was Kosten für die Industrie verursacht. Mindestlohnabschaffung und höheres Renteneintrittsalter stehen nicht erst seit diesem Sommer auf seiner Agenda. Traurig, dass er seinen ritterlichen Kampf auf den Rücken von Geflüchteten ficht.

Kommen wir aber in unserer Geschichte zurück zu den Zahlen. Wir stellten fest: Die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen kostet Geld. Unterkunft, Verpflegung, Gesundheitsversorgung und Deutschkurse. Das will bezahlt werden. Im Moment schätzen wir das Nötigste auf 10 Milliarden.

Die nächste Frage lautet also: Können wir das bezahlen? "Nein, können wir nicht!", schreit da der royale rechte Rand. "Natürlich haben wir das Geld", antwortet Marcel Fratzscher (DWI) in der ZEIT. Unglaublich, aber wahr: Die Bundesrepublik Deutschland wird in diesem Jahr 10,5 Milliarden Euro mehr an Steuern einnehmen, als ursprünglich erwartet.

Der aufmerksame Leser wird nun sofort denken: "Prima, das ist genau die Summe, die wir brauchen". Doch leider hat er die Rechnung ohne den Schatzmeister Schäuble gemacht. Dieser will, zur Wahrung der schwarzen Null, (so gut wie) nichts von seinem Schatz an Länder und Kommunen abgeben. Es ist "billiger Populismus" zu behaupten, Deutschland könne sich das nicht leisten, entgegnet Fratzscher weiter. Es kommt halt auf die Verteilung an.

Vermisst bleibt der tapfere Held der Geschichte

Verteilung ist genau das richtige Stichwort. Linke und Grüne hätten da bestimmt einen spitzen Geheimtipp an Schatzmeister, Ritter und König (wenn sie denn endlich mal den Arsch hoch und das Maul auf bekämen). Der Vorschlag der Robin Hoods im Bundestag sollte lauten: "Wir haben unerwartete Mehrausgaben.

Wir wollen am Schuldenabbau festhalten. Wir wollen möglichst viele Menschen in Deutschland aufnehmen, um den demografischen Wandel zu bremsen und die deutsche Wirtschaft langfristig zu retten. Wir wollen, dass ALLE Menschen in Deutschland nicht in Armut, sondern in Wohlstand leben können. Also teilen wir endlich das immer größere Privatvermögen in Deutschland fair auf."

"Es kann ja alles so einfach sein", würde sich der "kleine Mann" denken, wenn der Hofstaat den Reichtum in Deutschland umverteilen würde. Ein reformiertes Vermögenssteuergesetz brächte Geld für sozialen Wohnraum und für mehr Arbeitsplätze in Bildung und Gesundheitswesen.

Wohlstand für Alle! Doch soweit lässt es König Horst nicht kommen. Ist es doch wesentlich einfacher, "Die da unten" gegeneinander auszuspielen, als gemeinsam mit ihnen die Schlacht gegen die reichen Fürsten des Landes zu führen.

Dieses Märchen von der Flüchtlingspolitik ist an dieser Stelle zwar noch lange nicht am Ende, doch wird das Ende, ganz unmärchenhaft, kein gutes sein, wenn die Robin Hoods im Staate nicht bald eingreifen. Wenn nötig, auch mit der Hilfe einer guten Fee...

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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