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16/01/2014 04:49 CET | Aktualisiert 18/03/2014 06:12 CET

Antisemitismus im Wandel?

Die Universität Aachen veranstaltete ein in die Tiefe gehendes Seminar über den Antisemitismus in Deutschland. An vielen Beispielen sollte der deutsche Antisemitismus möglichst genau bestimmt werden, um die Gesellschaft gegen Judenhass zu wappnen.

Das Institut für Politische Wissenschaft der Universität Aachen (RWTH) veranstaltete am 13. und 14. Januar 2014 ein exquisites, in die Tiefe gehendes Seminar über den Antisemitismus in Deutschland nach 1945. An vielen Beispielen sollte der Antisemitismus möglichst genau bestimmt werden, um die deutsche Gesellschaft gegen Judenhass zu wappnen.

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Die vortragenden Doctores atque Professores waren ausgewiesene Experten mit fundierten Kenntnissen der Geschichte des Antisemitismus. Für zwei Tage war Aachen das wissenschaftliche Zentrum aller Länder, die sich dem Kampf gegen den Antisemitismus verschrieben hatten.

Obwohl bewusst keine öffentliche Ankündigung erfolgte, war der klein gewählte Seminarraum mit zweitweise über 40 Personen mehr als ausgelastet.

Jeder Experte handelte ein gesellschaftliches Ereignis der Bundesrepublik Deutschlands der letzten 40 Jahre ab. Die Vorgehensweise war akademisch. Texte und Gedichte wurden auf hohem Niveau - wie von der Schule bekannt - analysiert.

Die antisemitischem Ereignisse im Einzelnen und in Kurzfassung:

Der Historikerstreit (1986):

Ausführlich wurde die Singularität des Holocausts diskutiert. Eine endgültige Einigung wurde nicht erreicht, auch nicht angestrebt.

Die Fassbinder-Kontroverse (1984/85):

Die Frage, ob es linken Antisemitismus gäbe, wurde nicht eindeutig beantwortet. Können Linke Antisemiten sein, oder geben linke Antisemiten nur vor, links zu sein? (Kann ein Viereck rund sein?)

Das Israel-Gedicht von Grass (2012):

Kann aus der verwendeten Ästhetik die Ideologie abgeleitet werden? Was unterscheidet einen Prophet von einem Propagandisten?

Die Syberberg-Debatte (1978 - 2005):

Hitler, ein Film aus Deutschland oder Deutschland, ein Hitler-Film?

Der Widerstand gegen Schnee.

Martin Walser (1998):

Die „Auschwitzkeule" anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in Frankfurt, die mit stehendem Applaus quittiert wurde.

Die Beschneidungsdebatte (2012):

Die entscheidende Rolle der Medien wurde detailliert von den renommiertesten Radiosendern bis zum Lumpenjournalismus aufgezeigt.

Aus den Texten ist erkennbar, dass nicht der alltägliche Straßenantisemitismus das Thema des Seminars gewesen ist, sondern die Dichter und Schriftsteller der antisemitischen Texte bewertet worden sind, die auf ihre Zuhörer, Leser und Anhänger den Antisemitismus der Straße hervorgerufen haben und weiterhin hervorrufen, ohne ihre Hände zu beschmutzen. Es ist ein Seminar über Schreibtischtäter gewesen.

Es wurde keine allgemeine Übereinstimmung erreicht, ob die Literaten, die die antisemitischen Texte verfasst hatten, als Antisemiten bezeichnet werden konnten. Lediglich bei Grass wurde eine hohe Übereinstimmung erzielt, dass das Israel-Gedicht mit der Demenz des Dichters, der mentalen Rückkehr zu seiner Kindheit und Jugend im Dritten Reich, erklärt werden könnte.

Hat das Seminar seinen Ansprüchen genügt? Erwartungsgemäß gelang es nicht, die Ursachen des Antisemitismus einzugrenzen. Gelehrten und Philosophen ist es in den letzten zwei bis drei Jahrtausenden misslungen, die Gründe für den Antisemitismus zu benennen und ihn so zu bekämpfen. Lediglich einigen Propheten ist es gelungen, tief in die Materie einzudringen, ohne dass sie von ihren Zuhörern und anderen Menschen bis heute verstanden worden sind.

Wissenschaftler lassen sich nicht entmutigen. Kein Ereignis auf Erden ist unerklärbar! Ein unerklärbares Ereignis ist nicht existent! Trotzdem lässt sich der Antisemitismus nicht wegdiskutieren.

Auch wenn es keine Übereinstimmung darin gibt, ob die behandelten Personen Antisemiten sind, stimmen alle Anwesenden überein, dass Antisemitismus in Deutschland auch nach 1945 und bis heute existiert.

Womit das Aachener Antisemitismus-Seminar eine neue Erkenntnis bringt:

Bisher ist nachgewiesen, dass es Antisemitismus ohne Juden gibt.

Seit heute wissen wir, dass es Antisemitismus auch ohne Antisemiten gibt.