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03/01/2017 10:40 CET | Aktualisiert 04/01/2018 06:12 CET

Gespräche mit den Taliban: Eine Frage der Zeit!

zabelin via Getty Images

Mit der Bekanntgabe des Todes von Mullah Muhammad Omar Mudschahed, Gründer und oberster Führer der afghanischen Taliban, im Jahre 2015 und dem Tod von Mullah Mansur, der anschließend zur neuen Spitze der Taliban gewählt wurde, hofften viele, dass die Bewegung sich unter dem Druck - eine neue Führung zu wählen - zersplittern und an Stärke verlieren würde.

Doch, die anhaltende Offensive der Taliban erlebte im letzten Jahr einen neuen Höhepunkt. Auch wenn in Kabul andere Politiker sitzen, kontrolliert die Bewegung inzwischen deutlich mehr Gebiete, als von vielen gedacht.

Vor 15 Jahren sagte der frühere Innenminister der Taliban, Mullah Abdul Rassak der Nachrichtenagentur Reuters "Wir werden unsere Aktivität in Afghanistan bald wieder aufnehmen, weil das Volk uns dazu zwingen wird." Heute sehen wir: Die Taliban sind mittlerweile wieder in fast ganz Afghanistan aktiv und nehmen einen strategisch-wichtigen Bezirk nach dem anderen ein.

Auch in der Hauptstadt ist diese Entwicklung zu spüren. Hier bewegen sich ausländische Diplomaten von einem Treffen zum nächsten nur noch per Helikopter. Die Taliban kontrollieren neben vielen Städten auch zahlreiche Hauptstraßen.

Damit könnten sie Teile der Wirtschaft und der Versorgung des Land zum Stillstand bringen. Kundus war im Jahr 2016, zusammen mit der Nordprovinz Baghlan sowie den Südprovinzen Helmand und Urusgan, Hauptziel der Talibanoffensiven.

Taliban lösen Bundeswehr ab

Vier der fünf Bezirke der Provinz Kundus, in der bis 2013 die Bundeswehr im Rahmen der ISAF-Mission unter Führung der Nato stationiert war, waren umkämpft oder teilweise in den Händen der Taliban. Die Region gilt aufgrund seiner Nähe zu Tadschikistan geostrategisch als besonders wichtig.

Nach Tagen schwerer Gefechte konnten die Taliban auch in der Stadt Chanabad ihre Flagge hissen. Chanabad verbindet Kundus mit anderen Provinzen im Norden Afghanistans. Mohammadullah Bahedsch, der Polizeisprecher der Stadt, meldete damals, dass die Verwaltung des Bezirks aus verschiedenen Richtungen angegriffen wurde und Waffen sowie Militärfahrzeuge mitgenommen wurden.

Wenige Tage zuvor wurde in der an Kundus angrenzenden Nordprovinz Baghlan der Bezirk Dahan-e Ghori erobert. Besondere militärische Stärke demonstrierten die Taliban mit ihrer Angriffswelle auf die Hauptstadt der nordafghanischen Provinz Kundus.

Über mehrere Tage lieferten sich die Taliban mit den Sicherheitskräften, die Verstärkung aus den Nachbarprovinzen einholen mussten, Kämpfe. Der Einfall kamen fast genau ein Jahr, nachdem die Taliban Kundus zum ersten Mal im Oktober 2015 erobert hatten. Obwohl die Taliban-Kämpfer aus dem Zentrum der Hauptstadt zurückzogen, konnten sie in den Vorstädten weiterhin ihre Präsens ersichtlich machen.

Heftige Kämpfe gab es nicht nur in Kundus und Baglan, sondern auch in den Provinzen Helmand im Süden und Nangarhar im Osten. In Helmand wurde die Provinzhauptstadt Lashkargah komplett umzingelt.

Vorher hatten die Taliban alle Zufahrtsstraßen gekappt gehabt, darunter auch die Hauptverbindungsstraße zwischen Kandahar und Laschkargah. Auch in Sangin, einer weiteren Provinz in Helmand, wurde heftigst gekämpft. Die Regierung musste Spezialeinheiten dorthin verlegen. Tagelang wurden Stellungen aus der Luft bombardiert.

Wäre Sangin gefallen, hätten die Taliban die Kabul-Kandahar-Herat Straße kontrollieren können, was die wichtigste Straßenverbindung des Landes ist.

In der Provinz Uruzgan wurde ebenfalls die dortige Hauptstadt Tirinkot belagert. In Badachschan stand der Distrikt Chasch enorm unter dem Druck des Falles. In Herat konnten die Taliban die Distrikte Adraskan sowie Gulran und Schindand kontrollieren.

Außerhalb der Regierungskontrolle seien unter der Führerschaft der Taliban mindestens zehn Distrikte wie Musa Qala und Nausad in Helmand, Chak-e Afghan in Zabul, Nawa in Ghasni, Wardudsch in Badachshan und Kohistanat in Sar-e-Pul. Distikte in Tachar und Baghlan fielen immer wieder an die Bewegung und mussten von Regierungskräften mühselig in Teilen zurückerobert werden.

Da amerikanische Streitkräfte die Städte ohne Rücksicht auf Zivilisten, aus der Luft bombardierten, zogen sich die Taliban auf Bitte der Bewohner wieder aus einigen Provinzhauptständen zurück oder hielten sich in den Vorstädten auf. In mehr als 15 der 34 Provinzen des Landes kämpften Sicherheitskräfte gegen das systematische Vordringen der Taliban.

Politikwechsel?

Grund für die Schlagkraft der Taliban ist zum einen, dass ihre Offiziere vor Ort die Kämpfe mit logistischer Professionalität koordinieren können. Über das ganze Land wurden Kampfeinheiten ausgebildet, die sowohl in kleineren Einheiten als auch als in größeren, strategisch zusammenarbeiten.

Können die Kämpfer in einer Stadt nicht so Vordringen, wie sie es geplant hatten, ziehen sie sich schnell zurück und formatieren sich für einen erneuten Angriff. Neben ihren militärischen und strategischen Fortschritten, haben die Taliban gleichzeitig sehr schnell erkannt, dass jede Zersplitterung eine Schwächung der ganzen Bewegung bedeuten würde und die Siege der letzten Jahre zunichtemachen könnte.

Der Krieg in Afghanistan ist für die Amerikaner schon lange verloren. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass die Taliban immer mehr an Kontrolle gewinnen. Vernünftig wäre es, das Gespräch zu ihnen zu suchen, um eine friedliche Lösung am Hindukusch zu finden.

Die Taliban signalisieren immer wieder, dass sie Friedensgespräche befürworten. Gespräche mit ehemaligen Taliban oder Taliban-Vertretern, die nicht autorisiert wurden, hätten jedoch keine Bedeutung.

Alle Gespräche könnten nur über direkte Kontakte der Amerikaner zur politische Kommission in Katar laufen, anders wäre der Fortschritt in Richtung Frieden nicht praktikabel.

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