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17/01/2017 07:13 CET | Aktualisiert 18/01/2018 06:12 CET

Die Polizei ist präsenter geworden: Sogenannte Nafris treiben hier seit zwei Jahren ihr Unwesen

Maja Hitij via Getty Images

2016 haben mich viele Fragen wieder eingeholt. Das Jahr begann mit den schrecklichen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht und endet mit dem Terroranschlag in Berlin: Schlimmer könnte ein Alptraum nicht sein.

Ich bin in tiefer Trauer mit den Opfern von Berlin und ihren Angehörigen. Erschütterung, das ist das Gefühl des vergangenen Jahres. Zu viele schlimme Ereignisse waren es, die mich rat-und rastlos zurücklassen.

In Anbetracht dieser schrecklichen Untat fällt es mir nicht leicht, tröstende Worte zu finden. Aber ich möchte auch berichten, was mir 2016 Mut gemacht hat.

Es waren die Menschen, die nach meinem Statement den Kontakt und den Austausch gesucht haben. Menschen, die wie ich mit ihren Fragen nicht alleine bleiben wollten und mir mit großer Offenheit begegnet sind.

Schon allein für diese Offenheit liebe ich Deutschland

Diese Erfahrungen zeigten mir, dass wir in ein einem sehr lebenswerten Land leben und bei aller Trauer, standhaft bleiben müssen. Schon allein für diese Offenheit liebe ich Deutschland.

Es macht mich umso wütender, dass genau diese Offenheit scheinbar viel zu leicht ausgenutzt wird von hasserfüllten Tätern, die unsere Liberalität und unsere Art zu leben, verachten. Die letzten Tage habe ich mit kontroversen Diskussionen mit meiner Familie und meinen Freunden verbracht.

Wir waren nicht immer einer Meinung, aber mich macht es rasend, dass straffällige Gefährder wie der mutmaßliche Attentäter von Berlin quer durch Europa reisen und sich ein perfides Katz- und Maus-Spiel mit den Sicherheitskräften leisten können.

Es ist für mich als Frau sehr schwer zu ertragen, dass die meisten übergriffigen Männer der Kölner Silvesternacht entwischt sind und straffrei herumlaufen. Ich bin nicht alleine mit der Frage, ob wir für unsere Offenheit nicht einen viel zu hohen Preis zahlen!

"Rascher Konsens über Einwanderungskriterien"

Ich bleibe dabei: Wir müssen wissen, wer sich mit welchen Absichten in unserem Land aufhält. Ich erwarte von einem handlungsfähigen Staat, dass diese Übersicht hergestellt wird.

Ein unkontrolliertes Einreisen und die Verweigerung, die wahre Identität preiszugeben können nicht länger hingenommen werden. Wir kommen nicht ohne einen raschen Konsens über konkrete Einwanderungskriterien und somit über Grenzkontrollen aus. Das ist unbequem, aber notwendiger denn je.

Mich haben die traurigen Ereignisse verändert, ich kann nicht leugnen, dass eine diffuse Angst zu meinem stillen Begleiter geworden ist. Angst ist definitiv ein schlechter Berater, aber die erhöhte Vorsicht ist nicht nur bei uns Frauen deutlich zu spüren.

Daher kann mir nicht vorstellen, dass sich dieses Szenario von Köln Silvester 2016 wiederholen wird. Wir Frauen sind aufmerksamer geworden. Es ist eine schmale Gratwanderung: Wir leben unsere Freiheit und wollen uns im Alltag nicht einschränken lassen, aber uns andererseits der Gefahr von körperlichen Übergriffen nicht aussetzen.

In unseren Straßen ist die Bielefelder Polizei präsenter geworden. Meine Freundinnen und ich begrüßen das sehr.

Die Kölner Polizei hat bereits vor Wochen das neue Sicherheitskonzept vorgestellt und nicht nur auf Köln werden viele Augen gerichtet sein.

Der Attentäter von Berlin kommt aus dem Geburtsland meiner Eltern

2016 war in jeder Hinsicht ein trauriges Jahr für Menschen wie mich: Als Frau, als Deutsche, als Tochter nordafrikanischer Eltern.

Die Täter aus Köln, die mit ihren widerlichen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht eine völlig neue Dimension der Gewalt gezeigt haben, sollen nordafrikanischer Herkunft gewesen sein und auch der mutmaßliche Attentäter von Berlin kommt aus Tunesien, dem Geburtsland meiner Eltern.

Das macht mich wütend und traurig. Vor 50 Jahren sind Menschen nordafrikanischer Herkunft von Deutschland als Gastarbeiter angeworben worden und leben nun seit 3 Generationen friedlich hier. Damals gab es noch kein Integrationskonzept.

Die Menschen kamen mit guten Absichten und obwohl die meisten von ihnen einfache Arbeiter waren, gelang das Zusammenleben, auch wenn es vielleicht in weiten Teilen eher ein Nebeneinander war.

"Das waren andere Zeiten!", höre ich meine Familie sagen. Nicht nur wir fragen uns, was im Maghreb so schief läuft und warum so viele Familien gerade in Tunesien ihre Söhne an den IS verlieren?

Mit diesen Fragen werden wir uns weiterhin beschäftigen müssen. Das schlimme Attentat in Berlin hat uns auf sehr schmerzhafte Weise gezeigt, dass wir längst zum Ziel dieser brutalen Täter geworden sind.

Einen Teil meiner Fragen konnte die fundierte Reportage des Zeit-Journalisten Mohamed Amjahid beantworten. Mit seinem Team recherchierte er sowohl in verschiedenen deutschen Städten, als auch in Marokko (Zeit Magazin, Nummer 27 vom 23. Juni 2016).

Sogenannte Nafris treiben hier seit zwei Jahren ihr Unwesen

Im Maghreb bereitet eine zunehmende soziale Verwahrlosung einiger junger Männer seit zehn Jahren große Probleme.

In diesen Ländern ist die ohnehin vorhandene Schere zwischen Arm und Reich, gebildet und ungebildet noch viel weiter auseinander gegangen. Die Perspektivlosigkeit führte bei diesen Männern in ihrer Heimat zu einem sozialen Abstieg.

Die offenen Grenzen haben es ermöglicht, dass viele von ihnen in Europa gestrandet sind. Hier in Deutschland treiben diese sogenannten Nafris seit mindestens zwei Jahren ihr Unwesen. Die meisten von ihnen sind in der Regel weder vom deutschen Staat registriert worden, noch haben sie vor, sich registrieren zu lassen.

Hier irren sie umher und stellen fest, dass sie sich nur in der Illegalität durchschlagen können. Sie werden kriminell, was zu einer weiteren Verwahrlosung führt: ein Teufelskreis, der uns allen nur schadet. Ist Deutschland darauf vorbereitet?

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Menschen, die sich an keine Regel halten, kann ich nicht willkommen heißen. Müssen wir das noch länger hinnehmen, dass sich die Herkunftsländer weigern, diese verlorenen Söhne wieder aufzunehmen?

Auch jetzt möchte ich richtig verstanden werden: Es soll weiterhin Menschen aus Kriegsgebieten, die in der Regel dankbar für die Aufnahme sind, geholfen werden.

Ich kann aber völlig verwahrloste Menschen, die sich an keine Regel halten werden, weil sie in ihrem Geburtsland keine Regeln kannten und sich mit unserem System nicht identifizieren, hier nicht willkommen heißen.

Diese Personen werden weiter versuchen, uns zu spalten und da komme ich zu einem Punkt, der mich nicht erst seit diesen schrecklichen Ereignissen der letzten Silvesternacht umtreibt: Wie wollen wir gemeinsam leben?

Die Diskussion nach der Silvesternacht hat mir gezeigt, dass wir Menschen Deutschlands bei aller Offenheit noch viel zu wenig voneinander wissen. Ich, die Deutsche mit nordafrikanisch-arabischen Wurzeln, wurde mit den Fragen Anfang des Jahres überfordert und sollte nun erklären, was mit der arabischen Männerwelt los ist.

Es hat sich gelohnt, sich zu äußern

Seit diesen Untaten wird man arabischen Männern noch kritischer begegnen. Daher begrüße ich es sehr, dass hier lebende arabischstämmige Menschen, sich zu diesen Untaten äußern und diese öffentlich verurteilen.

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Tappen wir - und damit meine ich Menschen mit ähnlichen Wurzeln - in eine Rechtfertigungsfalle? Diesen Vorwurf habe ich mir in den letzten Tagen oft anhören müssen.

Meine Erfahrungen nach meinem Statement zeigen mir, dass es sich lohnt sich zu äußern. Die Mitmenschen sind mir mit Respekt und auf Augenhöhe begegnet. Unter diesen Bedingungen hört man sich zu. So können kritische Themen diskutiert werden und man wird eher zu Lösungsansätzen gelangen.

Ich bin dankbar, dass ich meine Herkunft nicht leugnen muss

Meine Gedankenmaschine ist immer noch in Bewegung. Was wird aus dem Wir-Gefühl? Sind wir zu einem Konsens gekommen, wer Wir sind und wen wir in dieses Wir einschließen? Das Thema Zugehörigkeit löst auch bei mir ambivalente Gefühle aus: Ich werde meine Herkunft nicht leugnen und ich bin dankbar, dass das nicht von mir verlangt wird.

Nur so können Menschen wie ich, sich in dieser facettenreichen Gesellschaft richtig zugehörig fühlen. Erst die Zugehörigkeit schafft Verantwortung.

In diesem Kontext ist eine klare Positionierung wichtig. Was sind unsere Werte und wie wichtig sind sie uns?

Vielleicht sind wir zu leichtfertig damit umgegangen, weil wir den Komfort genießen ein Leben in Freiheit zu führen, ohne groß darüber nachzudenken, dass es für viele Menschen auf dieser schönen Welt keine Selbstverständlichkeit ist.

Für viele neu Zugewanderte stellt diese Freiheit eine enorme Herausforderung dar. Unsere Aufgabe ist es, sich unserer Werte bewusst zu werden und diese klar zu verteidigen. Ein klar gesteckter Rahmen wird auch den neu Zugewanderten eine große Hilfe sein.

Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der "Neuen Westfälischen".

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