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26/07/2015 03:53 CEST | Aktualisiert 26/07/2016 07:12 CEST

Hacker spionieren unsere Sexvorlieben aus, na und?

„Wir haben die kompletten Profile und wir werden sie bald veröffentlichen, falls Ashley Madison online bleibt. Über 37 Millionen Mitglieder (...) werden einen sehr schlechten Tag haben.", so informierten Hacker die Öffentlichkeit über ihren mittlerweile bestätigten Datendiebstahl bei Ashley Madison.

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„Wir haben die kompletten Profile und wir werden sie bald veröffentlichen, falls Ashley Madison online bleibt. Über 37 Millionen Mitglieder (...) werden einen sehr schlechten Tag haben.", so informierten Hacker die Öffentlichkeit über ihren mittlerweile bestätigten Datendiebstahl bei Ashley Madison.

Ashley Madison ist eine Webseite, die ihren Mitgliedern ermöglicht, Partner zum Fremdgehen zu finden. Seit Montag zittern viele Nutzer der Webseite vor den Enthüllungen der Hacker. Auch ehemalige Nutzer, die der Webseite für das vollständige Löschen ihrer Profile eine Gebühr bezahlten, stellen gerade fest, dass ihre Daten nie wirklich gelöscht wurden. Eine Million Dollar nahm Ashley Madison mit den vermeintlichen Löschungen monatlich ein.

Dabei darf die Offenlegung ihrer sexuellen Vorlieben die Nutzer eigentlich nicht überraschen. Bereits im Mai war bekannt geworden, dass die Sexkontakt-Seite Adult FriendFinder gehackt worden war. Damals wurden Informationen von 3,5 Millionen Nutzern gestohlen und genutzt, um die Leute, die der Webseite ihre persönlichsten sexuellen Wünsche anvertrauten öffentlich bloßzustellen oder zu erpressen.

Egal, ob man einen Kontakt zum Fremdgehen suchte, sich sexuell versklaven lassen wollte oder eine Vorliebe für Sex mit Gemüse hatte, jede Information war in Hacker-Foren abrufbar und selbst vermeintlich anonyme Nutzer konnten leicht dank Bilderkennung, Google und Profilen in sozialen Mediennetzwerken schnell mit realen Namen und Anschriften identifiziert werden. Man braucht kein NSA-Experte für so was zu sein, Kenntnis der Google-Suchfunktionen reicht aus.

Das durften dann nach Angaben von CNN in den USA auch der Leiter einer Polizeiakademie, ein Mitarbeiter des Marinegeheimdienstes und ein Mitarbeiter der Finanzbehörde erfahren, die von einem Hacker exemplarisch identifiziert wurden.

Andere Hacker begnügten sich mit Erpressungen und hatten weniger Interesse daran Leute öffentlich an den Pranger zu stellen oder waren zufrieden damit, Familie und Freunde über die Sexualkontakte und Vorlieben der Nutzer zu informieren. Revenge Porn Hacker nennt sich letztere Spezies.

Das alles steht den 37 Millionen Nutzern von Ashley Madison jetzt noch erst bevor, falls die Hacker ihre Drohungen wahr machen sollten.

Viele Datenschützer hielten früher den Einbruch bei einer Sexkontakte-Webseite für den Super-GAU, für das Ereignis, was die apathische Bevölkerung aus ihrer Datenschutzlethargie wachrütteln, zu Empörungsstürmen hinreißen und endlich für das Thema Datenschutz im Internet sensibilisieren würde.

Doch nichts passierte.

Diese irritierende Erfahrung ist vielleicht erklärbar. Der Volksmund beschreibt das Phänomen treffend mit einem Satz: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich recht ungeniert.

Nicht jeder reagiert ungeniert, nachdem sein Ruf ruiniert wurde, aber diese Einschränkung gilt sicherlich nicht bei gesellschaftlichen Tabus, von denen man plötzlich feststellt, dass sich keiner daran hält. Solche Tabus fallen und hören auf Tabus zu sein. Damit wird der Ruf sogar wieder hergestellt.

So ist es auch sicherlich bei den Nutzern der Sexkontakt-Seiten. Viele sexuelle Praktiken waren und sind gesellschaftlich geächtet oder tabuisiert gewesen, auch Beziehungsformen, die nicht traditionellen Wertvorstellungen entsprachen.

Heimlich wurden und werden diese im Internet ausgelebt. Allerdings in einem Maße, das daran zweifeln lässt, ob die gesellschaftlichen Normen tatsächlich als Richtlinien der Gesellschaft taugen. Wenn 37 Millionen Menschen über ein einzelnes Internetportal Seitensprünge suchen, sagt dies z.B. viel mehr über die Akzeptanz oder Nicht-Akzeptanz des gesellschaftlichen Wertes der Treue aus als jede Sonntagspredigt, die ohnehin immer weniger Menschen besuchen.

Wenn man aber nun feststellt, dass das, was man heimlich und verschämt betrieb, von der ganzen Nachbarschaft und Gemeinde heimlich und verschämt betrieben wurde, dann gibt es keinen Grund mehr, sich vor der Gemeinschaft zu schämen. Die Überwachung befreit.

Natürlich hat das Einfluss auf die Moral, auf den betrogenen Partner, auf zwischenmenschliche Beziehungen, auf die Funktionsfähigkeit einer Gesellschaft, aber in erster Linie erweitert der Einzelne in der Gesellschaft seine Freiheit. Ob das positiv oder negativ zu bewerten ist, wird jeder selbst entscheiden.

Man wird durch die Veröffentlichung der gestohlenen Daten auch feststellen, dass es die gesellschaftlich akzeptierte Normalität nicht gibt und dass jeder von der Norm abweicht. Folglich ist die Norm nicht mehr richtungsweisend für den Einzelnen. Wenn hunderttausende andere die gleiche vermeintlich sexuelle Perversion haben, wie pervers kann das alles sein?

Ja, die massenweise Überwachung greift in die Privatsphäre jedes Einzelnen ein und erfolgt in einer Tiefe, wie sie noch nie stattfand. Aber gerade der massenweise Einblick in unsere Privatleben macht das Internet zum großen gesellschaftlichen Befreier und Transformator. Privatsphäre wird den Menschen immer weniger wichtig, sie geben von sich aus Fremden Preis, was früher niemand erfahren hätte.

Das Internet zwingt langfristig zur Ehrlichkeit, da alles auf ewig gespeichert ist, man unzählige Quellen zur Verifizierung von Angaben hat und man davon ausgehen muss, dass jedes Bild, jeder Text und jede Überweisung, die man jemals über das Internet durchgeführt hat, irgendwann ans Tageslicht kommt. Die Überwachung bringt zudem unsere Gesellschaften und ihre Mitglieder so transparent an die Öffentlichkeit, wie sie wirklich sind und nicht wie sie sein wollen oder sein sollen und befreit sie so vor jeder Scham.

Wenn man religiös ist, wird man bemerken, dass mit dem Verlust der Scham der ursprüngliche Zustand im Garten Eden wieder erreicht würde. Wir werden zwar immer mehr und immer tiefer überwacht, aber gerade wegen der monströsen Überwachung verliert die Überwachung die Macht über uns.

Das wäre eine mögliche Erklärung für die ausbleibende Empörung über die Zerstörung unserer Privatsphäre. Alle anderen Erklärungen wären schlimmer.

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