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12/01/2017 12:07 CET | Aktualisiert 13/01/2018 06:12 CET

Krebs ist ein penetrantes Arschloch, doch ich lasse mich von ihm nicht unterkriegen

FatCamera via Getty Images

Flash! Die Polaroidkamera blitzt zwischen meinen Beinen, und meine Mumu wird zum Fotomodel. Bin ich jetzt Pornostar, oder was? Irgendwie kann ich nicht wirklich glauben, was da gerade mit mir passiert.

Der gute Herr Professor, der mit seinem weißen Rauschebart und dem kugeligen Wohlstandsbauch wunderbar auch als Kaufhausnikolaus eines billigen Hollywoodblockbusters durchgehen würde, tobt sich froh und munter zwischen meinen Beinen aus, schießt fleißig Fotos und malt mit einem dicken schwarzen Filzstift auf meiner Haut herum, als wolle er sich mit Picasso im Schnellzeichnen messen.

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, und entscheide ich mich für Ersteres, wie ich es häufig in peinlichen oder unangenehmen Situationen tue.

Mein Arzt ist euphorisch, ich bin angespannt

Wer weiß, wozu die ganze Sache gut ist, der Professor jedenfalls wirkt keine Sekunde auch nur ansatzweise so angespannt, wie ich mich, eingepfercht in den Frauenarztstuhl, fühle. Ganz im Gegenteil. Beinahe euphorisch kommt er mir vor, und das macht mir Angst.

Okay, seine junge Kollegin hatte mir ja schon gesteckt, dass selbst er so etwas noch niemals gesehen habe, zumindest nicht bei einer Patientin meines jungen Alters.

Es kann ja durchaus möglich sein, dass er mir das Leben rettet, wenn ich ihm als Versuchskaninchen zur Verfügung stehe - oder nennen wir es lieber Wissenschaftskaninchen, damit kann ich besser leben.

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Es ist auf jeden Fall so etwas wie eine Win-win-Situation in meinem Kampf gegen den Krebs, da bin ich mir mittlerweile ganz sicher. Vielleicht beschließe ich auch deshalb, meinen Groll beiseitezuschieben und einfach mal die nette Myriam rauszulassen.

Während ich so da liege und die Prozedur über mich ergehen lasse, mache ich also gute Miene zum bösen Spiel und versuche krampfhaft, ein freundliches Lächeln aufzusetzen.

"Sie haben eine Krankheit und könnten daran sterben!"

Schlechter Plan, denn das nimmt Mister Superdoktor zum Anlass, mich gleich mal so richtig derb und fast schon oberlehrerhaft abzuwatschen: »Meine liebe Frau von M., jetzt ist aber mal gut, Sie wissen schon, dass Sie eine ernst zu nehmende Erkrankung haben und daran sterben können?« Bäm! - Und wieder eine in die Fresse!

Was erwartet der denn bitte von mir, dass ich anfange zu weinen? Pah, den Gefallen tue ich ihm garantiert nicht. Da ich ja ganz nebenbei auch noch eine Borderline-Patientin bin, kommt so etwas gerade mal gar nicht bei mir an. Da mache ich direkt zu, baue eine Mauer um mich herum auf und lasse einfach alles an ihr abprallen.

Aber innerlich sieht es natürlich ganz anders aus, und ich denke nur: FUCK!

Mir wird bewusst, dass ich die ganze Geschichte vielleicht doch nicht einfach so auf die leichte Schulter nehmen sollte, nicht nur wegen mir, ich habe schließ- lich auch eine Verantwortung gegenüber meinem Kind.

Für voll nehme ich den Professor dennoch nicht, kann oder will nicht begreifen, wie schlimm es in Wahrheit um mich steht.

Er schlägt eine linksseitige Vulvektomie vor mit einer sentinellen Lymphknotenbiopsie. Eigentlich schlägt er es mir nicht vor, er macht schon ziemlich deutlich, dass ich im Grunde keine andere Wahl habe.

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Die Vulvektomie hat mich ja schon einmal zum fluchtartigen Verlassen eines Arztzimmers verleitet, nun aber ist es mehr die Erklärung der Biopsie, die mich erschaudern lässt.

Da wollen die mir doch tatsächlich irgendwelches radioaktives Zeug spritzen, um zu schauen, welche Lymphknoten empfänglich sind für die verdammten Tumorzellen, die sich vielleicht noch rund um die Operationsstelle tummeln.

Immerhin verspricht er mir im gleichen Atemzug, dass meine Klitoris erhalten wird. Dem Himmel sei Dank, ein bisschen Sexualleben will ich mit meinen 25 Jahren dann ja schon noch haben - irgendwann zumindest wieder, denn im Moment ist daran nicht zu denken, weder körperlich, noch seelisch.

Sein Vorschlag klingt für mich okay, könnte man versuchen. Er wolle mich natürlich auch höchstpersönlich operieren und knüpft das an nur eine einzige Bedingung: Es sollen Studenten während des Eingriffs dabei sein dürfen.

»Who cares?«, denke ich mir, auf die paar Gestalten mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an, schließlich liege ich ja schon jetzt völlig nackt und breitbeinig vor einem alten Mann, den ich mehr oder weniger bereitwillig Fotos schießen lasse - von meiner Mumu.

Ganz tief drin im Leck-mich-am-Arsch-Modus

Noch mehr bloßgestellt kann man wohl kaum werden. »Es stört Sie jetzt aber nicht, dass ich das hier dokumentiere«, unterbricht er die unangenehme Situation und bekommt die Antwort, die mir vielleicht den Weg zur lebensrettenden Operation ebnet: »Nein, absolut nicht, immer zu!« Längst stecke ich ganz tief drin im Leck-mich-am Arsch-Modus, anders wäre das wohl kaum auszuhalten. Natürlich ist es mir unangenehm.

Ja, ich schäme mich sogar, doch ist mir auch klar, dass es sein muss. Aber noch will ich die OP nicht. Erst einmal werde ich das bevorstehende Weihnachtsfest genießen - wer weiß, wie viele ich noch haben werde.

Professor Hein entlässt mich mit einem Termin für Januar in das zweifelsohne unweihnachtlichste Weihnachten meines Lebens. Die dicke Pute, die ich normalerweise am liebsten schon während ihrer Garzeit direkt aus dem Bräter im Ofen verspeise, lässt mich diesmal völlig kalt.

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So auch die Lichter am und die Geschenke unterm Weihnachtsbaum. All das, was ich sonst so sehr liebe, hat für mich seine Schönheit verloren. Nur die Zeit mit meinem kleinen Basti, die genieße ich in vollen Zügen.

Ich überschütte ihn mit Geschenken, wir spielen und kuscheln, er soll nicht merken, dass dieses Weihnachten für seine Mama ein Horrorfest ist.

Der nahende OP-Termin wächst immer mehr zum bedrohlichen Ungeheuer heran, das in meinen Gedanken eine wilde Party feiert und keinen Platz lässt für Silent Night und Jingle Bells, für Familienidylle unterm Mistelzweig oder all den anderen Christmas-Kitsch. Harmonie wird zu Melancholie, die schönste zur grausamsten Zeit des Jahres.

Auch Silvester löst in mir nicht gerade ein strahlendes Stimmungsfeuerwerk aus. Gute Vorsätze fürs neue Jahr fallen mir unheimlich schwer, wer weiß, ob ich sie überhaupt noch umsetzen kann.

Ich katapultiere mich in einen ausgewachsenen Zukunftsblues, der als grandioses Finale nur einen Ausweg kennt: das Absagen der Operation!

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Fuck Cancer. Denn meine Wut macht mich stark gegen den Krebs" von Myriam von M. Erschienen ist es beim Verlag Eden Books.

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