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17/10/2015 09:22 CEST | Aktualisiert 17/10/2016 07:12 CEST

Warum sich Linke und Rechte in ihrem Hass gegen Amerika ähneln

Kurt Vinion via Getty Images

Die USA sind unser Unglück. Dieser Satz scheint auch jenseits der Neonazi-Szene zum Universalschlüssel für das Verständnis internationaler Politik avanciert zu sein. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auch die deutsche Debatte anlässlich der „Flüchtlingskrise" um eine antiamerikanische Pointe reicher werden würde.

Sahra Wagenknecht bot sich dankend an und erklärte: „Wenn die Bundesregierung ein Mindestmaß an Courage hätte, würde sie von den USA, als Hauptverursacher der Flüchtlingstragödie, wenigstens eine Beteiligung an den Kosten verlangen." Dieser Satz ist gleich in zweierlei Hinsicht infam. Nicht nur wegen der absurden Unterstellung, die USA und nicht etwa Baschar al-Assad oder der Islamische Staat seien „Hauptverursacher" der Massenflucht aus Syrien.

Vaterlandsverrat?

Auch, weil er den in Deutschland vertrauten Vorwurf enthält, das politische Establishment bestünde aus Erfüllungspolitikern gegenüber den USA. Der Aufruf zur Courage ist Anstiftung dazu, sich endlich von den USA zu lösen. Weit entfernt vom Vorwurf des Vaterlandsverrats, den auszusprechen einstweilen den Autoren anonymer Leserkommentare vorbehalten bleibt, ist man mit solchen Sätzen nicht.

Gemeint ist, was Jakob Augstein bei anderer Gelegenheit deutlich auf den Punkt brachte: „Die bittere Wahrheit ist: Zwischen den Amerikanern und uns besteht ein Herr-Hund-Verhältnis", um am Ende des Artikels hoffnungsvoll zu bemerken: „Auch ein Dackel entdeckt irgendwann seinen Stolz." Das Deutschlandlied darf sich der Leser dazudenken.

Völkische Querfront

Kein Wunder also, dass kein Blatt zwischen den linken Oskar Lafontaine und deutschnationale Amerika-Hasser wie Alexander Gauland passt. Auch die beiden gaben umgehend den USA die Schuld an der Massenflucht aus Syrien. All dies wäre noch gleichgültig, handelte es sich bloß um ein weiteres Kapitel der schon oft erzählten Geschichte von der völkischen Querfront.

Dabei prägt der Antiamerikanismus auch außerhalb von AfD und Linkspartei die Wahrnehmung internationaler Konflikte. Gerade bei der „Flüchtlingskrise" ist es bemerkenswert, dass bei allem Streit um Transitzonen oder Flüchtlingskontingente das Gefühl, die USA seien an all den Problemen Schuld, ein einigendes Band über Parteigrenzen hinweg bildet.

Auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums von Sarah Wagenknecht fordert Horst Seehofer, dass „die USA, die die Situation in weltweiten Krisenherden nicht unwesentlich mit zu verantworten haben, mehr Einsatz zeigen" müssten. Dass die Vereinigten Staaten die Verantwortung für die Situation tragen, gilt offensichtlich als so selbstverständlich, dass eine nähere Begründung als überflüssig erscheinen muss.

Ohnehin konnte man im Laufe des Septembers den Eindruck haben, die USA seien gerade in Syrien einmarschiert und hätten dadurch Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Dass Horst Seehofer den USA die Schuld gerade dann zuwies, als Russland nun auch mit direktem militärischen Einsatz begann, das syrische Regime zu stützen, zeigt die vollendete Absurdität des deutschen Antiamerikanismus.

Wladimir Putin setzt auf den europäischen Antiamerikanismus

Seine wachsende Bedeutung zeigt sich nicht zuletzt darin, inzwischen als Waffe in geopolitischen Auseinandersetzungen zu dienen. Wladimir Putin setzt auf den europäischen Antiamerikanismus, um einen Keil in die NATO zu treiben. Angesichts des Verständnisses, das seinem Vorgehen in Teilen der deutschen und europäischen Öffentlichkeit zuteil wird, lässt sich dieser Strategie ein gewisser Erfolg nicht absprechen.

Die Panik, es könnten weitere Flüchtlinge nach Europa kommen, veranlasste auch Sigmar Gabriel, kurz vor Beginn der russischen Intervention in Syrien, zu behaupten, die USA steckten hinter dem Dilemma, um sich so gleich Russland an den Hals zu werfen. So ließ er wissen: „Die Vereinigten Staaten müssen mehr tun. Denn sie sind mitverantwortlich für einen Teil der Fluchtursachen wegen ihres Krieges im Irak."

Er verband dies mit dem Vorschlag, man könne ja die in seiner Partei und Wirtschaft ohnehin unbeliebten Sanktionen gegen Russland fallen lassen, wenn Putin dafür die Lage in Syrien stabilisiere. Dass mit Stabilität in solchen Kontexten die Friedhofsruhe der Diktatur gemeint ist, bedarf keiner weiteren Erklärung.

Antiamerikanismus im Ukraine-Konflikt

Seit Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine wird diese begleitet von einer Kampagne zur gezielten Desinformation im Ausland. Dass diese Kampagne durchaus zielführend war, lässt sich an Umfragen ablesen, in denen fast die Hälfte der Befragten in Deutschland Verständnis dafür äußert, dass Putin sich vom Westen bedroht fühlt.

Aber es wäre falsch, solche Vorstellungen allein auf äußere Einwirkungen zurückzuführen. Denn solche Kampagnen haben nur deshalb Erfolg, weil sie an bereits bestehende Wahrnehmungsmuster anknüpfen können. Dazu zählt seit Beginn des Konflikts der russische Versuch, das diffuse Gefühl hierzulande zu instrumentalisieren, die Deutschen seien von den Vereinigten Staaten dominiert.

Diese Unterstellung gehört seit der Weimarer Republik zum Inventar politischer Auseinandersetzungen in Deutschland und bricht sich, wie Augstein oder die rechten Genossen von der Linkspartei zeigen, immer wieder Bahn. Das weiß man auch im Kreml. Wenn der russische Außenminister behauptet, die USA zwängen Europa ihre Position auf, dann spielt er mit genau diesen Vorstellungen.

Kampagnen in sozialen Netzwerken

Schon 2014 hat die staatliche Nachrichtenagentur Rossija Sevodnija im Zuge des Konflikts ihre Mitarbeiterzahl in Berlin von zwei auf dreißig Personen aufgestockt. Mittels Kampagnen in sozialen Netzwerken und einem deutschsprachigen Ableger des Regierungssenders RT sollen antiamerikanische Ressentiments genutzt werden, um die Deutschen an sich zu binden.

Dmitrj Kiseljow, der von Putin dazu bestimmt wurde, die Propagandaoffensive zu leiten, sprach ihr Ziel vergangenes Jahr offen aus: Die „Dominanz der angelsächsischen Medien" soll gebrochen werden. Dass ihre Medienoffensive in Deutschland auf fruchtbaren Boden fallen wird, davon sind auch Sprecher der russischen Regierung überzeugt. Umfrageergebnisse aus dem Jahr 2014 wie die, dass nur 35% der Deutschen die USA als Partner betrachten, dürften auch in Russland zur Kenntnis genommen worden sein.

Auch Demoskopie neueren Datums zeigt, dass die Versuche keineswegs so aussichtslos sind. Im Juni diesen Jahres veröffentlichte das renommierte Pew-Instituts mit Sitz in Washington die Ergebnisse einer Umfrage in NATO-Staaten. In keinem anderen Staat des Bündnisses, befürwortete ein so geringer Teil der Bevölkerung für Waffenhilfe an die Ukraine. Das deckt sich mit Umfragewerten wie denen die belegen, dass die Türkei der einzige NATO-Staat ist, in dem das Ansehen der USA noch schlechter ist als in Deutschland.

Wer seit Beginn des Konflikts das zweifelhafte Vergnügen hatte, Debatten mit sogenannten „Putin-Verstehern" zu führen, wird sich des Verdachts kaum erwehren können, dass es um etwas völlig anderes geht, als um das, was sich zur Zeit in der Ukraine abspielt. Jeder Verweis auf die aggressive Politik Russlands wird mit der Aufzählung vermeintlicher und tatsächlicher Verfehlungen der USA beantwortet.

Unterstellung aggressiven Auftretens

Da die größte Militärmacht der Welt bisher lediglich 300 Militärausbilder in die Ukraine geschickt hat und auf die Lieferung von Waffen verzichtet, kann die Unterstellung aggressiven Auftretens der USA oder der NATO nur als Projektion betrachtet werden. Trotzdem scheint es ein diffuses Gefühl zu geben, die USA hätten Osteuropa destabilisiert und aus dem Gleichgewicht gebracht. Genau dieses Gefühl ist in vielerlei Hinsicht konstitutiv für den Antiamerikanismus.

Staaten, Kulturen und Völker befänden sich demnach in einem naturwüchsigen Gleichgewicht. Kommt es zu Krisen oder Konflikten, dann, so die antiamerikanische Logik, muss eine äußere Macht diesen Zustand aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Dass diese Vorstellung auf das Nachleben nationalsozialistischer Ideologiefragmente verweist, wird auch angesichts des Jargons deutlich, in den deutsche USA-Hasser verfallen.

Jakob Augstein spricht das auch hier in dankenswerter Offenheit aus: „Im Nahen Osten sind sie längst keine Macht der Ordnung mehr, sondern eine der Zerstörung." Sie hätten durch die Verfolgung skrupelloser Interessen ganze Regionen in Konflikte gestürzt. Von einer „Macht der Zerstörung" zu reden, scheint inzwischen niemanden mehr besonders aufhorchen zu lassen. Dass moderne Gesellschaften in vielerlei Hinsichten krisenanfällig sind, wird abgespalten.

Krisen kommen demnach immer von außen. Keine Konstruktion ist zu absurd, um nicht als Bestätigung solcher Wahrnehmungen zu taugen. Nicht nur in Russland ist die Vorstellung, der Westen, und damit sind in der Regel die USA gemeint, stecke hinter den Farbrevolutionen beliebt. Dass die Bevölkerung, die in solchen Vorstellungen ohnehin nur als passives Objekt äußerer Machenschaften erscheint, von allein auf die Idee kommen könnte, gegen korrupte Regierungen aufzubegehren, scheint gar nicht erst in Betracht zu kommen.

Zynischer Witz

Eher ist man offenbar bereit, an von der CIA organisierte Putsche ukrainischer Faschisten zu glauben. Dass es in Deutschland Kreise gibt, die es für mehr als einen zynischen Witz halten, wenn der russische Verteidigungsminister erklärt, er sei besorgt wegen der anhaltenden Destabilisierung des postsowjetischen Raums durch die USA, lässt sich aus dem Konflikt selbst jedenfalls nicht erklären.

Dass diese ideologischen Versatzstücke jeder gesellschaftlichen Umwälzung im Wege stehen, versteht sich von selbst. Schließlich werden gesellschaftliche Konflikte nicht ernst genommen, die Bevölkerung zum willfährigen Objekt äußerer Mächte degradiert und Partei genommen für einen vermeintlich harmonischen Status Quo, den die USA zerstört hätten. Dass es sich bei diesem idealisierten Zustand oft um brutale Diktaturen handelt, fällt nicht weiter ins Gewicht.

Aufschlussreich ist ein politisches Possenspiel, das sich zu Beginn des Jahres auf der Münchner Sicherheitskonferenz abspielte. Hatte der US-Senator John McCain doch allen Ernstes gefordert, man müsse der Ukraine militärischen Beistand leisten und in einem Krieg Waffen einsetzen. Erwartbar war die darauffolgende parteiübergreifende Entrüstung.

„Shut up, McCain"

Ursula von der Leyen (CDU) gab sich überzeugt, dass „mehr Waffen in der Ukraine nur mehr Leid stiften würden". Thomas Oppermann (SPD) war empört: „McCain ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Er kann wohl nur in militärischen Kategorien denken." Noch präziser brachte nur Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) auf den Punkt, was Sprecher aller Parteien über den Vorstoß dachten: „Shut up, McCain".

Die Vorstellung, man könne einem Land Waffen liefern, das von seinem Nachbarn angegriffen wurde, schien der deutschen Politik so absurd, dass sie nur mit Spott auf den Vorstoß reagieren konnte. Zugleich offenbarte sich dabei, dass die Vorstellung vom Gleichgewicht in den internationalen Beziehungen, die man nur durch Appeasement wahren müsse, eine Grundkonstante der deutschen Wahrnehmung der Weltpolitik geworden ist.

Die USA, die durch ihre aggressive Art Regionen destabilisierten, würden nur noch mehr Unheil verursachen, wenn sie sich mehr engagierten. Kein Wunder, dass das Warnen vor einem „Flächenbrand" zu einem beliebten Sport unter Politikexperten geworden ist. Kann unter diesen ideologischen Prämissen jedes Eingreifen in das halluzinierte Gleichgewicht doch nur als der metaphorische Brandbeschleuniger wirken.

Neues vom Flächenbrand

Als Zyniker müsste man all jene „Nahostexperten", die im Falle eines militärischen Eingreifens regelmäßig vor einem „Flächenbrand" warnen, fragen, ob sie das, was sich seit Beginn des Konflikts abspielte, tatsächlich für das kleinere Übel halten. Schon vor zwei Jahren, als ein Eingreifen des Westens zur Debatte stand, waren ihre Argumente völlig absurd. Bereits zu diesem Zeitpunkt war die Situation in Syrien hoffnungslos eskaliert und betraf bereits über die Grenzen Syriens hinaus die gesamte Region.

Die USA, so die Wahrnehmung vieler deutscher Politiker und Kommentatoren, hätten die Region mit ihrer Intervention im Irak aus dem Gleichgewicht gebracht. Ein weiteres Engagement würde nur zu weiterem Elend führen und die Lage verschlimmern. Spätestens seitdem der IS mit der Eroberung Mossuls in den Blick der Öffentlichkeit geriet, wurden die Stimmen immer lauter, die den USA die Schuld an den Konflikten in der Region aufbürden wollten.

So sagte Thomas Oppermann der WELT: „Das ganze Desaster offenbart sich erst mehr als ein Jahrzehnt später" und fügte mit Blick auf die US-Intervention im Irak hinzu, damals sei das fragile Miteinander der Volksgruppen und Religionen im Irak zerstört worden. Man beachte die Verklärung des repressiven Regimes von Saddam Hussein als „fragiles Miteinander der Volksgruppen und Religionen". Als ginge es um ein fröhliches Miteinander in einer therapeutischen Gruppensitzung und nicht um eine Diktatur, die Schiiten und Kurden unterdrückte und zum Teil auch ermordete.

Esoterische Gleichgewichtsvorstellung

Deutlich wird auch hier die fast esoterische Gleichgewichtsvorstellung. Gerät diese Harmonie, die nur im Kopf deutscher Amerika-Hasser existiert, aus den Fugen, droht der Flächenbrand. An das Morden von Assad, auf dessen Konto auch heute noch 17-mal so viele getötete Zivilisten gehen, wie auf das des Islamischen Staates, hat man sich längst gewöhnt.

Einzig die Angst vor Terroranschlägen und die Panik, es könnten noch mehr Flüchtlinge nach Europa kommen, rückten das Schlachten in Syrien wieder in den Fokus der medialen Öffentlichkeit. Je dringlicher es nun erscheint, ein Ende des Konflikts herbeizuführen, desto mehr eskaliert der Ton gegenüber den USA. Nicht nur der notorische Jakob Augstein meint, „aus politischem Kalkül schürten sie [die USA, M.S.] in Syrien den Bürgerkrieg".

Dabei ist es eher ein wages Bauchgefühl, die USA steckten irgendwie hinter dem Dilemma, als ein begründbarer Standpunkt. Offenkundig hat Barack Obama versucht, sein Land aus allen möglichen Verwicklungen im Nahen Osten herauszuhalten. Selbstgesteckte rote Linien wurden ignoriert und Rebellen, die auf Hilfe aus dem Westen hofften, im Stich gelassen, bis sie zwischen Assad-Regime und Islamfaschisten aufgerieben worden waren. Während gleichzeitig der Iran, Russland oder die Golfstaaten keine Skrupel haben, ihre jeweiligen Stellvertreter aufzurüsten.

Der Irak hingegen, so lässt sich feststellen, zählt zum ersten Mal seit den 1960er Jahren nicht zu den Ländern der arabischen Liga, aus denen die meisten Menschen fliehen. Und die Menschen, die in den vergangenen Monaten vor dem Islamischen Staat flohen, verließen oft nicht das Land, da es innerhalb des Irak sichere Zonen gibt, in die sie fliehen können.

Im Gegensatz zu Syrien, wo die internationale Gemeinschaft es weiterhin ablehnt, solche Zonen zu schaffen. Dass nun ausgerechnet aus Syrien, ein Land, in dem die USA sich nur zu begrenzten Luftschlägen gegen den IS hinreißen ließen, Millionen Menschen geflohen sind, ficht die Antiamerikaner keineswegs an. Sie sind überzeugt, ohne die USA gäbe es kein Desaster in der Region und jedes Eingreifen führe zu einem „Flächenbrand". Bloß nicht das „fragile Miteinander" in Syrien zerstören, möchte man hinzufügen.

Zur Logik des Antiamerikanismus

Mit den politischen Geschehnissen der letzten Jahre hat der Antiamerikanismus Züge angenommen, die jedes weltpolitische Ereignis nur noch als Bestätigung der eigenen Denkmuster erscheinen lassen. Die offenkundige Diskrepanz zwischen Realität und Wahrnehmung in Bezug auf Syrien und die Ukraine offenbart dies in einer Deutlichkeit, die es schwer macht, den Ressentiments überhaupt noch inhaltlich zu begegnen.

Nicht die Ereignisse spiegeln sich im Betrachter, sondern der Zuschauer spiegelt sich in den Ereignissen, die er reflexhaft zurichtet. Es kommt dabei zu einem eigentümlichen Verhältnis von Stillstand und Dynamik. Die Debatten gleichen sich in ihrer Struktur bis ins letzte Detail. Lediglich das Material wird durch Ereignisse vorgegeben.

Ob der Aufstieg des Islamischen Staates, der unerklärte Krieg Russlands gegen die Ukraine oder der Bürgerkrieg in Syrien, der antiamerikanische Bescheidwisser hat noch vor jeder Reflexion die Erklärung parat. Denn das Ressentiment zeichnet sich gerade durch den Ausfall jeder Reflexion aus, die allein imstande wäre zu verhindern, dass die eigenen Denkmuster sich gegenüber der Realität verhärten.

Antiamerikaner vs. proamerikanische Öffentlichkeit

Je mehr sich der Antiamerikaner gegenüber der ihn umgebenden Welt abdichtet, desto aggressiver tritt er gegen Andersdenkende auf. Die ständige Bedrohung durch äußere Ereignisse, die nur gewaltsam auf die liebgewonnen Erklärungsmuster zurückgeführt werden können, erzeugt das Gefühl, sich permanent gegen eine proamerikanische Öffentlichkeit verteidigen zu müssen.

Dass dies kaum der Realität entspricht, sondern ganz im Gegenteil unhinterfragte antiamerikanische Vorstellungen derartig virulent sind, dass sie gar nicht mehr als begründungsbedürftig erscheinen, wird nicht wahrgenommen. Das korrespondiert mit der Attitüde des aufgeklärten Kritikers, der sich nichts vormachen lässt und die naiven Märchen, die die Mehrheit vermeintlich einfach glaube, scheinbar mühelos durchschaut. Die Grenzen zu Verschwörungstheorien, die von kontrollierten Medien und gelenkten Politikern ausgehen, sind fließend.

Der Mehrwert, den diese Haltung birgt, besteht im Gefühl der Souveränität, das der Antiamerikanismus dem Einzelnen verspricht. Denn egal was geschieht, welche Abgründe sich auftun oder welche Katastrophen sich ereignen, er weiß Bescheid. Kenntnisse der Ukraine oder Russlands sind genauso wenig gefragt wie Wissen über die Geschichte des politischen Islam oder der politischen Struktur Syriens.

Ohnehin scheint nicht nur bei Kabarettisten wie Volker Pispers, die ihr Geld damit verdienen, die Ressentiments ihrer Zuhörer zu bedienen, die Vorstellung vorzuherrschen, eine Geschichte des Nahen Ostens ließe sich als Geschichte der US-Außenpolitik schreiben. Gleichzeitig ist Zustimmung unabhängig von sprachlicher oder inhaltlicher Qualität garantiert, bedient man nur die antiamerikanischen Ressentiments potenzieller Leser oder Zuhörer. Aufklärende Kritik hätte hingegen die Aufgabe, festgefahrene Deutungsmuster zu erschüttern. Selbst, oder gerade wenn, sie seit Jahrzehnten zum Inventar politischer Debatten gehören.

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