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01/03/2015 08:45 CET | Aktualisiert 05/05/2015 10:10 CEST

Syrische Flüchtlinge in der Türkei: Digitale Technologien geben etwas Würde zurück

Im "Situation Room" hängen Karten. Von der ewig langen türkisch-syrischen Grenze - 977 Kilometer. Von Hatay, einer südwesttürkischen Stadt kurz vor Syrien. Und von einem ungenannten Ort, in dessen südlichen Straßenzügen ein dickes Band mit rotem Stift einschraffiert ist. "Sniper Zone" steht darunter, der Ort ist buchstäblich keine Scharfschützengewehrkugel von den Kampfgebieten entfernt.

Fotografieren solle ich die Karten in ihrem Istanbuler Büro bitte nicht, sagt mir Sema Genel Karaosmanoğlu, Gründungsmitglied und Direktorin der humanitären Hilfsorganisation "Support to Life".

2015-03-01-Bildschirmfoto20150301um10.33.00.png Foto: SLT

Sema hat allen Grund zur Vorsicht. Vor drei Wochen kam eine ihrer Mitarbeiterinnen, die junge US-Amerikanerin Kayla Mueller, in Syrien ums Leben, nachdem sie anderthalb Jahre von der ISIS entführt worden war. Die ISIS behauptet, Mueller sei durch jordanische Luftangriffe auf ihre selbsterklärte Hauptstadt Rakka getötet worden. Aber wer glaubt schon der ISIS?

Der syrische Bürgerkrieg dauert nun schon fast vier Jahre. Weit über 200.000 Tote gibt es/sind zu beklagen/zählt man. Welche dieser Phrasen kann man noch am ehesten von seinem gemütlichen Schreibtisch aus schreiben, ohne dass einem übel wird? Von den ehemals 23 Millionen Syrern sind sieben Millionen im Land selbst auf der Flucht, in andere Länder geflohen sind weitere drei Millionen.

Fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung. In Deutschland wären das 35 Millionen. Unvorstellbar. Die UNO bezeichnet die syrische Flüchtlingskrise als die schlimmste seit dem Völkermord in Ruanda.

"Support to Life" unterstützt syrische Flüchtlinge in der Türkei nun schon seit zwei Jahren. 4.300 Familien, über 20.000 Menschen. Es sind vor allem sogenannte "Urban Refugees", also Menschen, die nicht in Flüchtlingslagern leben, sondern in Dörfern und Städten, zum Beispiel in ehemaligen Viehställen oder verlassenen Häusern. Die Flüchtlingslager dagegen werden größtenteils vom Roten Kreuz beziehungsweise vom muslimischen Ableger, dem Roten Halbmond, versorgt.

2015-03-01-SD_STL_Akcakale_0977.jpg Foto: SLT

Im kompletten Hilfsprozess nutzt "Support to Life" inzwischen digitale Technologien: vom Ermitteln der Bedürftigen und ihres Bedarfs, über die konkrete Hilfe, bis hin zur Wirkungsmessung. Die Field Worker vor Ort sind mit Tablets ausgestattet, mit denen sie von Haus zu Haus ziehen, um die Begünstigten zu definieren.

Dazu muss auf dem Tablet ein Fragebogen ausgefüllt werden - der sogenannte Baseline Survey - , sofort danach wird per Punktesystem ermittelt, ob die Familie Unterstützung erhält. Außerdem kann so später über eine zweite Befragung relativ einfach evaluiert werden, wie wirksam die Hilfe war.

2015-03-01-SD_STL_Suruc_2292.jpg Foto: SLT

Damit sich die Menschen Essen und Hygiene-Artikel kaufen können, kriegen sie sogenannte Cash Cards, auf die monatlich neues Geld geladen wird, damit können die Menschen selbständig in ausgewählten Läden des Ortes einkaufen. Früher hätten alle Familien standardisierte Nothilfe-Kits bekommen. "Die Cash Cards geben ihnen ein kleines bisschen Würde zurück", sagt Sema.

Warum sie dann nicht gleich Bargeld bekommen? Das hat zwei Gründe: Erstens möchte "Support to Life", dass nur bestimmte Dinge damit gekauft werden können. Und zweitens kann die Hilfsorganisation so analysieren, was und wie viel die Menschen benötigen. "Bisher sammeln wir viele Daten, aber nutzen sie viel zu wenig" sagt Sema. Und deutet damit ein Daten-Dilemma an, das auch schon Zara Rahman auf der Re:Publica und Ben Mason im Guardian beschrieben haben: Wie viele Daten darf man denn eigentlich so sammeln, um Menschen zu helfen?

2015-03-01-DSC_0269.jpg Foto: SLT

Zur Kommunikation mit den Flüchtlingen werden SMS verschickt. Denn praktisch alle der Flüchtlinge besitzen ein Handy. Mit den SMS verabreden sich die Mitarbeiter der Hilfsorganisation mit den Flüchtlingsfamilien, denn viele haben keinen festen Wohnort, ziehen von einer Behausung zur nächsten.

Vor Kurzem wurde auch noch eine Telefonhotline eingerichtet, an die die Flüchtlinge ihr Feedback richten können, um die Wirkung der Arbeit von "Support to Life" weiter zu verbessern. Im betterplace lab Trendreport haben wir diesen Trend "Messen" ausführlicher beschrieben.

"Ohne digitale Technologien war der gesamte Hilfsprozess früher deutlich arbeitsintensiver und hat länger gedauert", sagt Sema. Sema selbst war es, die vor zwei Jahren einen türkischen Programmierer eingestellt hat, weil die wenigen bestehenden IT-Systeme auf dem Markt nicht für ihre speziellen Bedürfnisse brauchbar waren.

Unterstützung bei der Integration der Technik in die laufenden Projekte der Hilfsorganisation gab es übrigens nicht. Weder von anderen NGOs oder der türkischen Regierung, noch von IT- oder Mobilfunkunternehmen. Nur fürs Verschicken der SMS an die Flüchtlinge hat "Support to Life" im Nachhinein besondere Konditionen aushandeln können.

Zwei Projekte möchte "Support to Life" in nächster Zeit weiter voranbringen: Die neue Plattform sitap.org vernetzt die verschiedenen Akteure der humanitären Hilfe in der Türkei. Und das "Support to Life House" in Hatay soll ausgebaut werden. Dort werden Flüchtlinge nicht nur psychologisch betreut, sondern lernen auch etwas, was ihnen hoffentlich hilft, eines Tages ihr Flüchtlingsleben hinter sich zu lassen - Computerkenntnisse.


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