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17/08/2015 07:04 CEST | Aktualisiert 17/08/2016 07:12 CEST

Offener Brief an Alice Schwarzer

Timur Emek via Getty Images

Sehr geehrte Frau Schwarzer!

Nachdem ich im ZDF die Nachrichten zur Resolution von Amnesty gesehen hatte, ärgerte ich mich sehr über Ihre, nach meinem Empfinden, reflexartige Reaktion. Und offen gesagt, ich ärgere mich noch immer! Ich frage mich, ob Sie auch nur für einen Moment mal innegehalten haben. Meine Vermutung ist, nein.

Mir persönlich liegen Menschenrechte sehr am Herzen und ich habe daher bereits mehrfach Kampagnen von Amnesty unterstützt.

Der "falsche Mann"

Nun habe ich aber auch einen persönlichen Bezug zum Thema. 1994 habe auch ich mich - vereinfacht formuliert - in den "falschen Mann" verliebt. Nein, gearbeitet für ihn habe ich nie.

Entgegen aller Klischees hat er mir nie etwas geschenkt und mir keinerlei Versprechungen gemacht. Was ich dennoch erlebte, möchte ich nicht in Gänze öffentlich aufzählen. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass ich mit organisierter Kriminalität meine ganz eigenen Erfahrungen gemacht habe.

Missverstehen Sie mich nicht

Ich weiß, wie sich Morddrohungen, polizeilicher Personenschutz und Todesangst anfühlen. Bevor Sie dies als Einladung missverstehen, sofort in Ihren Empörungsmodus zu gehen, möchte ich Sie freundlich bitten, innezuhalten und mir zuzutrauen, dass ich ganz ohne Beeinflussung und Gehirnwäsche für mich selbst sprechen kann.

Ich habe diesem Mann, den ich wirklich geliebt habe, vergeben sowie allen weiteren aus seinem Umfeld, die in ihrer Weise Anteil daran hatten.

Warum ich Ihnen das so schreibe

Dabei möchte ich deutlich hervorheben, dass dort keinesfalls alle einer Meinung waren. So ist das bei Menschen nun mal und kommt auch bei "Kriminellen" vor. Warum ich Ihnen das so schreibe, werden Sie sich nun vielleicht fragen.

Nun, es geht zuerst um Menschen und auch eben auch um Menschen, die sich aus ganz individuellen Gründen "finden" und dabei Beziehungen eingehen, die nicht jeder nachvollziehen kann und auch nicht unbedingt muss.

Ehrliches Mitgefühl

Und auch an Orten, wo ich es nicht erwartet hatte, erfuhr ich ehrliches Mitgefühl, von einzelnen Menschen, denen Sie das Ihrer Weltsicht nach vermutlich spontan sofort absprechen und mir Gehirnwäsche durch eben diese Menschen unterstellen und die Unfähigkeit das zu erkennen.

Nein, ich brauche Sie nicht, um meine Erfahrungen zu reflektieren, Frau Schwarzer. Ich habe zudem meinen eigenen Kopf zum Denken.

Ihre Einstellung zur Prostitution

Schon mehrfach habe ich Ihre Einstellung zu Prostitution zur Kenntnis genommen und den Eindruck gewonnen, sie sprechen bei Zuhältern nicht wirklich von Menschen. Von Menschen, die vermutlich eher häufig selbst Drogen nehmen, die sie gegebenenfalls auch verkaufen, die selbst Menschen sind mit Bedürfnissen, Gefühlen, Ansichten und einer eigenen Geschichte sind, die Anteil daran hat, wie sie Beziehungen eingehen.

Und Sie werden es vielleicht vehement ablehnen, aber damals gab es unter den Freunden meines Freundes durchaus empathische und mitfühlende Menschen, die keineswegs alles guthießen. Aus genau diesem Grund erhielt ich aber zum Beispiel ab dem 7. Februar 1997 sofort Personenschutz.

Von ganzem Herzen dankbar!

Ich weiß nicht sicher, wem genau ich das zu verdanken hatte, aber ich bin ihm von ganzem Herzen dankbar!

Haben Sie eine auch nur annähernde Vorstellung davon, welche Zwänge und Loyalitätskonflikte unter Menschen bestehen können und dass es eben gar nicht nur um Gewalt von Männern gegen Frauen geht?

Es ist zu einfach nur diese Ebene daran zu sehen. Das ist meine Überzeugung und ich habe meine Gründe, das so zu sehen.

"Amnesty"

Nun allgemeiner zu Menschenrechten und Prostitution, denn darum geht es "Amnesty"

Selim Çalışkan, die Generalsekretärin von "Amnesty International Deutschland" schreibt dazu ausdrücklich: "In der Resolution ist außerdem klar festgehalten, dass Ausbeutung jeder Art und Sexarbeit von Minderjährigen verfolgt und bestraft werden müssen."

Das hört sich ganz gut an, meine ich. Jedoch vermute ich, genau diesen Teil haben Sie in Ihrer Aufregung übersehen oder ausgeblendet. Anders kann ich mir kaum erklären, wie Sie "Amnesty" unterstellen und vorwerfen können, damit würden Zwangsprostitution und Menschenhandel unterstützt.

Das Bordell Europas

Weiter argumentieren Sie voller Eifer, Deutschland sei seit der Legalisierung der Prostitution im Jahr 2002 zum Bordell Europas geworden. Diese Behauptung von Ihnen enthält einen ganz gravierenden Fehler, sie ist sachlich schlicht falsch!

Im Januar 2002 wurde das damals eingeführte Prostitutionsgesetz gültig, das den Zweck hat, die rechtliche Situation und die Selbstbestimmung von Prostituierten zu sichern und zu stärken. Nebenbei bemerkt gilt dies Gesetz allerdings auch für Männer. Es dreht sich eben nicht alles nur um "Männer gegen Frauen".

Ihr Weltbild

Gut, ich habe verstanden, das kommt in Ihrem Weltbild nicht vor und es kann dann eigentlich wenig verwundern, wenn Sie das übersehen.

Ich frage mich ernsthaft, woher Sie sich anmaßen, das baldige Ende der weltweit arbeitenden Menschenrechtsorganisation "Amnesty International" zu erwarten.

Meinen Sie ernsthaft, weil "Amnesty International" ihr Weltbild und Ihre Meinung zu diesem Thema nicht teilt, höre deren Existenzberechtigung augenblicklich auf?

"Amnesty International" will die Teilhabe an politischen Entscheidungen von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern, die sie selbst betreffen, erreichen.

Sittenwidrig, verboten, illegal?

Es wäre sehr wünschenswert, dass Sie und Ihre Mitstreiterinnen beginnen zu differenzieren zwischen den Rechten von Prostituierten einerseits und Menschenhandel und Zwangsprostitution auf der anderen Seite.

Wäre es Ihnen stattdessen lieber, die Prostitution sei in Deutschland noch immer dem Gesetz nach sittenwidrig? Sittenwidrig ist nicht mit "verboten" oder "illegal" zu verwechseln.

Straftaten wie Zwangsprostitution, schwere Zuhälterei, Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, Vergewaltigung, Nötigung, Körperverletzung, Freiheitsberaubung etc. sind auch weiterhin in Deutschland strafbar!

Schweden ein Land ohne Prostitution?

Glauben Sie etwa ernsthaft, weil in Schweden alle Prostitutionskunden bestraft werden, gebe es dort keine Prostitution mehr? Sie ist nicht zu sehen, also kann sie nicht existieren und das Problem ist gelöst? Wie schön einfach eine solche Verbotskultur doch ist!

Prostitution hat viele Gesichter, niemand erwartet Begeisterung von Ihnen, wenn jemand sein Geld durch sexuelle Dienstleistungen verdient und sich dabei eigenverantwortlich (!) einen geeigneten Arbeitsplatz anhand der Arbeitsbedingungen sucht, welche bei selbst gewählter Prostitution andere sind.

Für Sie nicht denkbar

Ich habe Sie mehrfach in Sendungen gesehen und kann mir vorstellen, dass sexuelle Dienstleistungen, Selbstbestimmung und Freiwilligkeit für Sie zusammen nicht denkbar sind - so ganz ohne Zuhälter und so.

An Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit ändern auch Bevormundung und Verbote nichts. Auch nicht daran, wenn eine Frau es für undenkbar hält, es gebe Alternativen, sie könne etwas erreichen und in etwas erfolgreich sein.

Prostitution gibt es in Köln nicht allein im weit bekannten Hochhaus in Ehrenfeld, an der Brühler Straße oder an der Geestemünder Straße. Ich weiß jetzt nicht, woran Sie spontan denken in diesem Zusammenhang, das waren nur Beispiele, von denen ich annehme, dass Sie als erstes an diese denken.

Ohne Wenn und Aber

Ich bin ohne Wenn und Aber der Ansicht, dass Kunden bestraft werden müssten, die wissentlich zu Frauen oder Männern gehen, die dazu gezwungen werden. Ansonsten lehne ich Verbote hier ab, weil mir diese mehr weltbildorientiert erscheinen, als am Leben der Menschen, die es betrifft.

Wenn Sie meinen, es gebe keine selbst- und eigenverantwortlich gewählte Prostitution, dann sprechen Sie diesen Menschen die Fähigkeit zur Selbstbestimmung und zu eigenverantwortlichen Entscheidungen ab.

ALLE Frauen

Dabei kennen sie keine dieser Frauen - und auch Männer. In einer Talkshow erklärten Sie, ALLE Frauen, mit denen Sie gesprochen hätten, hätten Ihnen von dem erlebten Zwang und von ihren Zuhältern erzählt.

Da frage ich mich, wie das möglich ist. Wollen andere mit Ihnen gar nicht sprechen, die andere Erfahrungen machen oder gemacht haben?

Mit freundlichen Grüßen, Monika Kreusel


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