BLOG
03/12/2015 04:37 CET | Aktualisiert 03/12/2016 06:12 CET

Kurzgeschichte: Dieser Student verbirgt ein mysteriöses Geheimnis

Milica Vujicic via Getty Images

Desmeralda

Er tanzt auf dem Weihnachtsmarkt. Der alte Herr klatscht in die Hände und freut sich wie ein Kind. Seine strahlenden Augen hüpfen hin und her. Lebkuchenherzen, Holzspielzeug, Spieluhren, Krippen, Engel, Glöckchen, Kugeln, Tannenzweige, Schokolade, Spekulatius, Mandeln, Nüsse, Äpfel, Orangen, Hexenhäuschen, Zimtsterne, Kerzen.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Er atmet tief ein, läuft zu dem Karussell und bewundert den leuchtend roten Feuerwehrwagen. Es schneit plötzlich, aber der Schnee bleibt nicht liegen. Er streckt seine Hände aus, fängt einige Schneeflocken auf, betrachtet ihr Schmelzen, dreht seinen Kopf nach rechts und lauscht einem Geigenspieler.

Ich beobachte ihn schon eine ganze Weile. Er ist allein. Niemand kümmert sich um ihn. Ich gehe zu ihm und spreche ihn an. Er versteht mich nicht. Vorsichtig berühre ich ihn sanft am Arm und führe ihn zum nächsten Glühweinstand. Das gefällt ihm!

Gierig schnappt er sich einen Becher und schlürft ihn schnell leer. Erwartungsfroh schaut er mich an. Ich spendiere ihm noch einen Glühwein und blicke auf die Kirchturmuhr. Es wird Zeit. Desmeralda wartet.

Im Park

Desmeralda! Als ich sie vor vielen Jahren zum ersten Mal sah, blieb mein Herz stehen. Es war ein Weihnachtsmarkt genau wie dieser.

Der alte Herr greift in seine Jackentasche und zeigt mir dann eine kleine, bunte Lokomotive. Ich erzähle ihm von meiner Eisenbahn und verspreche ihm, dass er damit spielen darf. Er begleitet mich aufgeregt, summt ein Weihnachtslied und dreht sich immer wieder im Kreis.

Ich führe ihn zum Stadtpark. Die Kirchenglocken dröhnen in meinem Kopf. Der Weg ist nicht sehr weit, aber er wird müde. Ich stütze ihn und rede auf ihn ein. Morgen werden wir einen Schneemann bauen. Er lächelt mich an.

Wir sind endlich da. Hier ist es dunkel. Nur in der Ferne schimmern schwache Lichter. Ich führe ihn zu einer bestimmten Bank mitten im Park. Er setzt sich und wiegt seinen Kopf hin und her. Um diese Zeit ist es hier still.

Falls doch jemand kommen sollte, würde Desmeralda sich geschickt verbergen. Wo ist sie? Ich warte, lausche, höre leise Schritte und nehme ihr Flüstern wahr. Schnell eile ich zurück zum Parkeingang. Ich bleibe nie.

Die Begegnung

Desmeralda! Bevor ich sie kannte, war ich ein Student mit großen Zielen. Sie zerstörte mein Leben! Wie oft habe ich diesen Tag verflucht! Diesen Tag, als ich sie zum ersten Mal sah. Warum war ich da auf dem Weihnachtsmarkt? Eigentlich war ich doch auf dem Weg zur Bibliothek. Ihre anmutige, grazile Gestalt, ihr langes, schwarzes Haar, ihre großen, traurigen Augen - sie faszinierte mich ganz und gar und ich fühlte den Boden unter meinen Füßen schwinden.

Ich wollte gerade zu ihr hinübergehen, als mich ein Weihnachtsmann fröhlich ansprach. Er war ein Studienkollege und fragte mich, ob ich nicht auch als Weihnachtsmann ein bisschen Geld verdienen wolle. Die Idee reizte mich und ich redete kurz mit ihm.

Als er weiterging, war Desmeralda nicht mehr da. Ich suchte sie überall, lief auf dem Weihnachtsmarkt hin und her und fragte überall herum. Ich konnte sie nur beschreiben, ihren Namen wusste ich ja damals noch nicht. Aber niemand hatte sie gesehen. Ich suchte sie tagelang in der ganzen Stadt. Wochenlang. Monatelang. Ich fand sie nicht.

Mein Martyrium erdrückte mich. Mir fehlte die Luft zum Atmen. Ich konnte mich nicht mehr auf mein Studium konzentrieren und vernachlässigte meine Nebenbeschäftigungen. In jeder wachen Sekunde musste ich an sie denken. Ich konnte es mir nicht erklären. Niemals hatte ich so große Sehnsucht verspürt. Unendliche Trauer umhüllte mich.

...

Dieser Beitrag ist eine Leseprobe aus: Der Fluch - Fantasy-Kurzgeschichten

2015-07-15-1436958993-3922617-cover_der_fluch.jpg

ISBN: 978-3-7368-9744-1

Fesselnde, mystische, geheimnisvolle, berührende Fantasy-Geschichten mit Tiefgang, die aufwühlen und nachhallen. Gänsehaut garantiert! Nicht nur für Fantasy-Fans. Hier geht es um Liebe, Schuld, Seelenschmerz, Sehnsucht, Verzweiflung und Verantwortung.

Mehr Informationen gibt es hier.

Auch auf HuffPost:

Der Weihnachts-Spot von Edeka war gut - aber das hier ist wohl der beste des Jahres

Nachfolger von "Supergeil": Das ist der neue Edeka-Clip - und er ist ganz anders als sein Vorgänger

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert:

Hier geht es zurück zur Startseite