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25/03/2016 10:37 CET | Aktualisiert 26/03/2017 07:12 CEST

Total besoffen in der Hippiezeit

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Fortsetzung zu: Konflikte in der Hippiezeit

Es ist sehr kalt heute, es schneit und die Straßen sind vereist. Ich ziehe meine total verwaschene Jeans und die karierte Hemdbluse an. Ich schminke mich etwas und bürste meine Haare bis zum geht nicht mehr. Meine Haare sind toll gewachsen. Sie gehen mir fast bis zur Taille. Ich ziehe meine Teddyjacke an, lege meinen selbst gestrickten bunten Schal um, setze die Pudelmütze auf und nehme die dazu passenden Handschuhe.

Ich sehe in den Spiegel. Süß sehe ich aus. Ich rauche eine Zigarette. Ich bin sehr nervös. Es ist halb fünf. Um fünf fängt der Jugendtanz an. Ich bin so durchgedreht. Ich schleiche mich ins Wohnzimmer. Keiner da. Ma und Pa sind bei Nachbarn, Markus auch. Peter scheint auf seinem Zimmer zu sein, ich höre Musik. Deep Purple - Made in Japan. Astrein. Ich hole mir eine Flasche Weinbrand und ein Glas und kippe ein Glas hinunter.

Schmeckt abscheulich, aber tut gut. Noch eins. Und noch ein drittes Glas. Ich werde heute Abend sicher besoffen. Ich muss heute besoffen werden. Aber ich habe nicht viel Geld. Ich gehe zu Peter und pumpe mir fünf Mark. Er sagt: „Wo willst du eigentlich hin? Mann, siehst du heute süß aus! Hast du Make-up oder so was drauf? Steht dir unheimlich gut. Wenn du nicht meine Schwester wärst, dann ..."

Danke für das Kompliment, Bruderherz. Ich stecke Hausschlüssel, Bürste, Zigaretten, Streichhölzer und Geld in die Jackentasche und gehe. Es ist sehr kalt. Ich wickle mich in meinen Schal ein und merke schon eine kleine Wirkung von dem Weinbrand. Waren drei Gläser etwa schon zu viel? Ach, Quatsch, bei drei ex muss man ja was merken. Ich stapfe über den Bürgersteig und sehe schon von weitem Micks Elternhaus. Ich drehe durch.

Ich stecke mir eine Zigarette an. Ich komme immer näher. Da öffnet sich die Haustür. Ich glaub' ich spinne! Wer kommt heraus? Mick. Mick! Er geht zu seiner Honda, macht irgendwas, dreht sich wieder um und geht zur Tür. Plötzlich sieht er mich. „Hallo, Assi!", ruft er über die Straße. „Hallo," ich bin ganz verdattert.

„Gehst du zum Jugendtanz?" „Ja," jetzt habe ich mich gefangen. „Wann fängt das eigentlich an?" Ich sage es ihm und: „Kommst du auch?" „Ach, ich weiß noch nicht." Ich bettle: „Komm doch." „Ach, warum, was soll ich denn da?" „Dich amüsieren, komm doch." Mick lacht: „Mal sehen, also tschüss." „Tschüss." Wird er kommen? Er muss kommen.

Ich kann nichts anderes mehr denken. Schließlich bin ich da, gehe in die Pinte, zahle Eintritt, schmeiße mich in eine Ecke, rauche eine Zigarette und bestelle ein Bier. Da kommt Babsy. Sie setzt sich zu mir. Wir unterhalten uns. Sie erzählt mir ausführlich, wie sie mit Mick Schluss gemacht hat. Plötzlich sagt sie: „Hey, guck dir mal den Typ da an. Mann sieht der gut aus." Das stimmt, der sieht echt stark aus.

Ziemlich groß und lange blonde Haare. „Er sieht irgendwie traurig aus", sage ich. „Ja, das stimmt." Babsy sieht ihn an, bis er es merkt und sie auch anguckt. „Der könnte mir gefallen", sagt sie. „Hey, und was ist mit Tonti?" „Ach, der weiß das doch nicht. Den treffe ich ja erst morgen wieder. Ein kleines Abenteuer kann doch nicht schaden, oder?" „Übrigens habe ich eben Mick gesehen."

Ich erzähle Babsy davon. „Siehst du, ich hab' doch gesagt, der kommt nicht, nanu, guck mal zur Tür", sagt sie. Ich drehe mich um und um mich herum dreht sich alles. Da steht Mick. In der einen Hand hat er ein Glas Bier, in der anderen eine Zigarette. Er bleibt an der Tür stehen und sieht sich um. Ich saufe mein Bier auf und bestelle noch eins.

Babsy geht zu dem Typen und quatscht ihn an. Ich sitze da und weiß nicht was ich machen soll. Ich rauche eine Zigarette nach der anderen. Ich saufe Bier. Ich werde dreimal zum Tanzen aufgefordert und sage immer Nein. Ich muss was unternehmen. Ich gehe zum Pott, das ist die Idee. Da komme ich an Mick vorbei. Ich gehe los, da dreht er sich gerade um und labert mit einem Typ. Er sieht mich nicht. Ich könnte heulen vor Wut.

Ich komme zurück, er sieht mich und sagt: „Hallo Assi, wie geht's?" „Prima", antworte ich, dabei geht's mir ganz anders als prima. „Willst du dich nicht zu uns an den Tisch setzen?" So eine doofe Frage. Nie setzt er sich zu Babsy, ich könnte mich in den Arsch beißen. „Nein, das verstehst du doch sicher." Dabei sieht er zu Babsy rüber, die eifrig mit dem Typen labert. „Macht sie das immer so?", fragt er. „Was?" „Du weißt schon was ich meine", sagt er, trinkt sein Glas aus und starrt in die Luft. Er sieht mich überhaupt nicht mehr. Ich verdufte und trinke noch ein Bier. Langsam aber sicher werde ich besoffen.

Ich sitze in der Ecke und saufe, Mick steht in der Ecke und säuft, Babsy unterhält sich mit dem Typen. Ich will rauchen, scheiße, ich habe keine Zigaretten mehr. Ich gehe zu Mick: „Hast du eine Zigarette für mich?" „Klar", sagt er und dabei lacht er mich so süß an. Er gibt mir Feuer und sagt irgendwas, ich weiß nicht was. Er sieht mich lieb an und guckt wieder zu Babsy. Ich sage: „Ich gehe mal zum Pott."

So geht das nicht weiter, ich halte das nicht aus. Es ist gleich schon halb neun und was mache ich? Ich sitze in der Ecke und saufe. Ich habe schon acht Bier getrunken, das ist sehr viel für mich, ich kann bald nicht mehr geradestehen. Und ich habe schon mehr als eine Schachtel geraucht. Ich dreh durch. Ich gehe nach draußen. Mir ist plötzlich schlecht. Ich setze mich auf eine Mauer und starre ins Dunkel. Es ist saukalt.

Ich friere sehr. Ein Typ kommt: „Was ist mir dir? Brauchst du was?" „Nein, danke." „Willst du mit einen ziehen gehen?" „Nein, aber 'ne Zigarette kannst du mir geben." Er gibt mir eine. „Bist du auch okay?" „Ja, sicher." „Hast du Kummer?" Er setzt sich neben mich und legt seinen Arm um mich. „Lass mich bitte zufrieden", sage ich und haue ab.

Ich gehe wieder 'rein und treffe Babsy. „Du, Assi, der Wini, der ist vielleicht süß. Hey, was ist mir dir los? Du bist ganz weiß. Ist dir schlecht?" „Lass mich bitte zufrieden", sage ich und gehe weiter. Da steht Mick. Er fragt: „Wo warst du?" „Frische Luft tanken." „Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt, ich wäre mit gekommen." Ich werde plötzlich ganz nüchtern.

Mir ist überhaupt nicht mehr schlecht. „Und dann?", frage ich. „Was dann?", fragt er zurück. „Na, was dann gewesen wäre?" „Dann hätten wir zusammen frische Luft getankt." „Wollen wir nicht lieber zusammen tanzen?", frage ich. „Klar", sagt er. Und wir schwofen. Nach Jingo und Can the Can und Locomotive Breath und nach anderen Platten.

Plötzlich sagt er: „Komm, wir trinken was. Er gibt mir ein Bier aus. Ich trinke es sehr schnell und merke plötzlich, wie besoffen ich wirklich bin. Inzwischen tanzt Babsy mit diesem Typ Wini. Klammerblues. Verdammt eng. „Komm, wir tanzen wieder", sagt Mick. Will er Babsy zeigen, dass er das auch kann? Wir tanzen direkt neben Babsy.

Nach Je t'aime und House of the rising sun und Angie. Wir tanzen immer enger, und ich lege meine Arme um Micks Nacken, ich bin sehr glücklich. Und da sage ich das Entscheidende: „Weißt du, was ich glaube?" „Was denn?" „Ich glaube, dass du denkst, dass ich mich an dich 'ranschmeiße." Er bleibt stehen und sagt fassungslos: „Wieso sollte ich das glauben?" „Weil ich mich so benehme", flüstere ich ganz leise und beschämt.

Du siehst mir tief in die Augen und tanzt weiter. Dann lachst du mich an und gibst mir einen Kuss, dann bleiben wir stehen und küssen uns. So etwas Herrliches habe ich noch nie erlebt, so weich, so gefühlvoll und zärtlich. Ich bin ja so glücklich.

Plötzlich hört die Musik auf. Er sagt: „Komm, wir setzen uns." Ich sehe mich verwirrt um. Und sehe Babsy, die direkt neben uns steht und sich mit dem Typen abknutscht. Wir setzen uns und trinken noch ein Bier, rauchen eine Zigarette und Mick küsst mich auf die Nase, dann wieder auf den Mund und wir küssen uns sehr lange. Ich könnte zergehen vor Glück. Wir unterhalten uns über alles Mögliche. Schließlich kommen wir darauf zu sprechen.

Ich sage ihm, dass ich ihn schon so lange liebe und dass ich gedacht habe, dass heute Abend meine einzige Chance wäre, ihn nur einmal zu küssen. Darauf fragt er ganz erstaunt: „Wieso, willst du nicht mit mir gehen? Meinst du das nicht ernst? Machst du dir nur einen schönen Abend?" Ich bin ganz weg. „Nein", kann ich nur stammeln, „aber ich dachte du." „Nein", sagt er. „Leider muss ich die ganze Woche arbeiten, aber wir sehen uns Sonntag, ja?" Ja! Ja! Ja!!! Ich freu mich auf Sonntag. Dann trinken wir noch mehr Bier und ich kann nicht mehr geradestehen. „Komm, ich bring dich nach Hause, gleich ist sowieso Schluss", sagt Mick.

Ich hole meine Sachen, da steht plötzlich Babsy vor mir. Sehr sauer: „Na, hast du es nun geschafft? Bist du befriedigt? Können wir jetzt gehen?" Sie schreit fast. Ich sage ganz ruhig: „Nein, ich gehe mit Mick nach Hause", und lasse sie stehen. Sie läuft mir nach. Hand in Hand gehen Mick und ich an ihr vorbei. Dann gehen wir eng umschlungen, ich kann kaum laufen, so besoffen bin ich. Mick erzählt so viel, aber ich kriege nur Bruchstücke mit. "... stell dir vor, du liegst mit einer Frau im Bett, sagst ihr, dass du sie liebst und sie gesteht dir als Antwort ein, wie oft sie dich betrogen hat.

Stell dir das nur vor, das hat Babsy gemacht ... okay, ich habe sie betrogen, aber nur einmal, ich habe mit der Frau geschlafen, weil ich einen Unfall verschuldet hatte und sie mich so nicht angezeigt hat ... Babsy war meine größte Liebe ... Ich freue mich schon auf Sonntag ..." Da fällt mir etwas ein: „Sag mal, Mick, wie kannst du jetzt mit mir gehen, wenn du noch bis heute Morgen Babsy geliebt hast, sie wahrscheinlich noch liebst? Ich verstehe das nicht." Als Antwort küsst er mich. Dann sind wir bei uns, er schließt mir die Tür auf, küsst mich, streicht über mein Haar und sagt: „Bis Sonntag, Schatz", gibt mir noch einen Kuss und geht.

Fortsetzung folgt!Teenager in der Hippiezeit - Folge verpasst?

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