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25/12/2016 07:45 CET | Aktualisiert 26/12/2017 06:12 CET

Oma will in ihrer Wohnung bleiben

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Meine lieben Kinder und Enkelkinder!

Ihr habt mir versprochen, dass ich in meiner Wohnung bleiben kann! Täglich ertrage ich die Besuche der Schwester vom Pflegedienst, die mir meine Tabletten bringt. Als wenn ich meine Medikamente nicht allein einnehmen könnte. Morgens ist ja nicht schlimm, aber ich weiß nie, ob sie nachmittags oder am Abend kommt, und ich muss zu Hause bleiben.

Dabei würde ich viel lieber spazieren gehen. Es ist schön, dass Ihr für mich einkauft und Euch um meine Wohnung und meine Wäsche kümmert. Aber es ist mir unangenehm. Eure Fürsorge beschämt mich. Ich habe alles getan, was Ihr wolltet. Arztbesuche, Untersuchungen, Anträge bei der Krankenkasse, sogar eine Patientenverfügung erstellt. Was soll das ganze Theater?

Warum schickt Ihr mir fremde Leute ins Haus? So krank bin ich doch gar nicht. Es ist doch normal, dass Herz und Blutdruck mit 88 Jahren nicht mehr richtig funktionieren. Hinter meinem Rücken tuschelt Ihr, dass ich immer alles vergessen würde. Das stimmt gar nicht. Ich kann mich an alles erinnern. An jedes Detail. Nur die letzten Tage verschwimmen. Ich kann mir keine Namen mehr merken. Ist das schlimm? Auf meinen Herd passe ich schon auf. Da braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen.

Jetzt wollt Ihr, dass ich abwechselnd bei einem von Euch wohnen soll. Das will ich nicht! Ich bin dankbar für Eure guten Absichten, aber ich will niemandem zur Last fallen. Da könnt Ihr mir noch so oft sagen, dass es Eure Art der Dankbarkeit ist.

Natürlich habe ich früher für Euch gesorgt. Das war doch selbstverständlich. Darum fühlt es sich für mich nicht richtig an. Ich will Eure Familien nicht stören. Außerdem will ich von niemandem abhängig sein. In ein Pflegeheim will ich auch nicht. Ja, ich bin jetzt alt, sehr alt. Alles fällt mir schwer. Schon das Aufstehen ist mühsam. Ich bin schwach und mir ist schwindlig. Ich bin schon oft gestürzt, aber es war nie schlimm. Davon habe ich Euch gar nicht immer erzählt. Eure Besorgnis tut mir ja gut, aber ich will nicht von meinen Kindern bemuttert werden.

Was soll ich denn bei Euch tun? Kartoffeln schälen und Socken stopfen? Fernsehen, lesen und auf das Essen warten? Demnächst nur noch im Bett liegen und dahinsiechen? Nein! Ich will das nicht. Ich will hier bleiben. Bis zum letzten Tag. Hier ist mein kleines Reich. Hier kann ich tun, was ich will. Hier fühle ich mich wohl. Hier lebe ich mit Oskar.

Jetzt lacht Ihr sicher. Ihr habt mir ja nie zugehört, sondern immer nur geschmunzelt, wenn ich von Oskar gesprochen habe. Dabei ist Oskar mein bester Freund. Das war er schon, als Opa Heinrich noch lebte. Über dreißig Jahre stand Oskar in unserem Garten. Seine bunten Farben verlor er leider viel zu schnell, aber seine natürliche Tonfarbe glänzt auch so im Sonnenlicht. Für mich ist er der schönste Gartenzwerg der Welt. Mein Einziger. Ich habe damals schon täglich mit Oskar gesprochen. Ihm konnte ich alles anvertrauen. Mit ihm konnte ich weinen und lachen. Er hat mich immer treu angeschaut und dabei seinen Besen geschwungen. Als ich in diese kleine Wohnung umziehen musste, habe ich Oskar mitgenommen. Er steht immer auf der Fensterbank bei den Blumentöpfen und passt auf mich auf.

Dieser Beitrag ist eine Leseprobe aus: Sie faltet - Lebensende und Sterben

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ISBN: 978-3-7396-8885-5

Man wendet sich meistens ab vom Sterben, der Tod wird verdrängt, obwohl er uns alle treffen wird. Mit zu den schlimmsten Dingen im Leben gehört es, einem geliebten Menschen dabei zusehen zu müssen, wie er leidet. In diesen berührenden Erzählungen geht es um Krankheit, Altenpflege, Angst, Verzweiflung und Trauer.

Mehr Informationen gibt es << HIER >>

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