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29/12/2015 10:20 CET | Aktualisiert 29/12/2016 06:12 CET

Neu verliebt in der Hippiezeit

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Fortsetzung zu: Frust in der Hippiezeit

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Ich habe keinen Nerv mehr zu lernen. Die Schule stinkt mir. Besonders natürlich Französisch. Aber was soll ich schon machen? Moni geht's wieder besser. Vielleicht war sie auch nur etwas krank. Sie hat gestern nicht mitgeturnt. Sie hat ihre Tage. Also ist sie nicht schwanger. Gott sei Dank.

Ich möchte so gerne wissen, was mit ihr war, aber ich trau' mich nicht, sie zu fragen. Man braucht nur eine Andeutung zu machen, dann labert sie gleich von was anderem. Aber ich glaube, sie schleppt ein sehr großes Problem mit sich 'rum. Ich möchte ihr so gern helfen, aber wie, wenn ich nicht einmal weiß, worum es geht? An Andy kann es nicht liegen, mit dem klappt alles großartig, soweit ich das beurteilen kann. Moni, was hast du nur?

Fünf! In Franz. Kein Wunder, ich habe ja auch nix für die Arbeit getan. Ist doch scheißegal, was soll's? Babsy hat sich ein dolles Ding geleistet. Sie hat eine Sechs geschrieben.

Oh, Babsy, warum bist du denn so fies? Mick hat sie heute mit seiner tollen Honda von der Schule abgeholt. Sie hatte aber keinen Nerv mitzufahren. Das kann ich nicht verstehen. Sie haben sich fürchterlich gestritten. Schließlich ist Mick traurig abgefahren.

Oh, Babs, wie kannst du nur? Er ist doch extra gekommen und hat seine Freistunde für dich geopfert. Oh, Babs, ich verstehe dich nicht. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie glücklich ich wäre, wenn Mick einmal auf mich warten würde. Du weißt nicht, wie gern ich einmal mit ihm auf der tollen Honda fahren würde.

Ich habe Babs dann erst noch ausgemotzt, dass sie ihn nicht so behandeln soll und so. Aber sie hat nur 'rumgeschrien, dass sie von diesem Pantoffelheld sowieso bald die Nase voll hätte und Ähnliches. Da hab' ich lieber meinen Schnabel gehalten, sonst wäre sie sicher noch misstrauisch geworden, wenn ich mich für Mick eingesetzt hätte.

Vielleicht macht sie bald Schluss, hat sie gesagt. Ist das eine Hoffnung? Für mich? Oh, nein! Ich kenne doch Babs, sie würde es mir nie verzeihen, wenn ich mich an ihren Exfreund 'ranmachen würde. Ach, es ist doch alles so schrecklich. Und etwas viel Schrecklicheres: In Israel ist Krieg! Bitte, lieber Gott, mach', dass dieser Krieg bald zu Ende geht und dass es nie wieder Krieg gibt. Bitte, bitte. Ich würde so gerne dafür beten, aber ich kann nicht.

We were all wounded at Wounded Knee.

Wie lange habe ich diese Platte nicht gehört? Zufällig hat Peter sie gerade aufgelegt. Wie konnte ich nur meine Lieblingsplatte vergessen? Ich weiß gar nicht, was ich in letzter Zeit für Musik gehört habe. Komisch, dass ich nie an diese Platte gedacht habe. Aber ich glaube, ich finde diese Platte nicht mehr so gut. Nein, das stimmt nicht.

Ich finde sie immer noch gut, aber sie ist mir einfach nicht mehr wichtig. Ich häng' ja nur noch in der Ecke 'rum und denke an Mick. Babs und er haben sich wieder versöhnt. Und ich denke an Moni, ich weiß immer noch nicht, was mit ihr los ist. Und ich denke an Gerda, sie ist so traurig, weil sie keinen Freund hat. Ich glaube, sie denkt, dass man unbedingt einen haben muss. Aber vielleicht hat sie sogar recht.

Ich denke das ja auch manchmal, zwar nicht so extrem, aber ich denke doch, dass ich unbedingt einen neuen Freund brauche, um Mick zu vergessen. Nächste Woche ist Jugendtanz. Ich war schon ein paar Mal da, es ist da wohl ganz gut. Ich werde mit Babs hingehen, Mick muss Sonntag arbeiten und darum werde ich endlich Babs mal wieder einmal für mich allein haben. Wir werden uns bestimmt einen schönen Abend machen, mit schwofen, saufen und rauchen. Hoffentlich sind nette Jungs da.

Der Jugendtanz war eine Pleite. Babs und ich haben zwar viel Scheiß gemacht, aber ich habe keinen Freund gefunden. Babsy dagegen, dieses Schwein, hat Mick betrogen. Mit irgend so einem Pimpf. Bloß weil der wollte, hat sie sich mit ihm abgeknutscht.

Danach kam sie zu mir und tat, als wäre nichts geschehen. Als der Typ sie dann zum Tanzen aufforderte, sagte sie: „Nein", und ließ ihn sausen. Er schien ein bisschen geschockt. Viel geschockter aber war ich. „Bist du denn total bekloppt? Zuerst betrügst du Mick mit diesem Scheißer und dann verletzt du den auch noch? Der wollte doch bestimmt mit dir gehen." „Na, wenn schon. Ich aber nicht mit ihm. Ich hatte eben Lust, mal wieder von einem anderen geküsst zu werden. Nun hab' dich doch nicht so." Ach, Babsy, warum machst du nur immer solchen Scheiß?

Er heißt Hansi. Morgen werde ich ihn wiedersehen. Ich bin glücklich. Ich denke nicht mehr an Mick.

Ich war mit Babsy in der Eisdiele. Am Nachbartisch saßen zwei süße Jungen. Der eine, Wolfgang, quatschte uns an. Er meinte, er und sein Freund, sie beide hätten Langeweile. Ob wir uns nicht zu ihnen setzen wollten. Babs sagte ja. Wir haben uns dann prima unterhalten. Babs zeigte Interesse an Wolfgang. Die beiden unterhielten sich angeregt.

Dann fragte Hansi mich, wie ich heiße, wie alt ich bin, was ich mache. Er ist 18 und Elektriker. „Das trifft sich gut", sagte ich. „Wir nehmen in Physik nämlich gerade die Elektrizität durch. Da kannst du mir ja mal 'ne Nachhilfestunde geben." Das sagte ich nur so aus Spaß.

Er aber sagte: „Klar, wann fangen wir wieder an, Quatsch, wieso sag' ich denn wieder? Wir haben ja noch gar nicht angefangen. Wann also? Kommst du morgen wieder in die Eisdiele?" So haben wir uns dann verabredet. Wir haben uns über alles Mögliche unterhalten. Er hat von Schwierigkeiten mit seinem Chef gelabert und ich von unseren Paukern.

Schließlich meinte Babs: „Assi, kommst du mit? Ich wollte doch noch zu Mick." Wolfgang sah sie sehr erstaunt an, sagte aber nichts. „Tschüss, Assi", sagte Hansi und gab mir die Hand. Wolfgang auch. Babsy stand schon in der Tür. „Wie lange brauchst du denn noch?" Ich war mal wieder ziemlich geschockt: „Babs, warum schmeißt du dich erst an Wolfgang 'ran und lässt ihn dann so abblitzen? Mick ist doch gar nicht da."

„Ach", lachte sie, „ich verarsch doch die Jungen nun mal so gern. Außerdem wer hat sich denn an wen 'rangeschmissen? Hab' ich mich etwa verhört oder hast du dich nicht mit Hansi verabredet?" „Das schon, aber wer weiß, ob er kommt. Aber 'rangeschmissen hab' ich mich nicht." „Ist ja schon gut Kleines, reden wir nicht drüber.

Bist du mir jetzt böse?" „Nein, wieso?" „Weil ich dich von deinem Hansi getrennt habe." „Quatsch, außerdem ist das gar nicht mein Hansi. Wo willst du überhaupt hin?" „Nach Hause, wir haben noch eine Flasche Pernod oder willst du keinen?" „Pernod? Astrein!" Mit Pernod kann Babs mich immer fangen. „Damit du dich wieder abreagierst."

„Ist ja wohl abartig, wer muss sich denn wohl abreagieren?", erwiderte ich sofort. „Ach, ist doch Kacke. Komisch, so 'ne Freundin wie dich hab' ich noch nie gehabt, Assi. Wir verstehen uns so gut und manchmal kloppen wir uns wie die, ach was weiß ich wie, ich meine eben, wir streiten uns ziemlich oft. Und vertragen uns doch wieder, komisch, nicht?"

Ja, Babs, das habe ich auch schon oft gedacht. Aber du bist manchmal wirklich zum Verzweifeln. Einmal wird das Maß voll sein. Du hast kein Recht mit den Gefühlen eines Menschen zu spielen. Das habe ich ihr natürlich nicht gesagt, sondern bloß zugestimmt: „Ja, es ist schon komisch."

Ich bin richtig happy! Ich liebe Mick zwar immer noch, aber sein Bild verblasst, wenn ich an Hansi denke. Der ist ja echt süß. Ich freu' mich, ihn morgen zu sehen. Hoffentlich kommt er. Ich möchte gern mit ihm gehen.

Jetzt sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Mir geht's wieder gut, das Traurigsein ist vorbei. Aber, wenn Hansi nicht kommt, dann ist wieder alles wie früher. Bitte, Hansi, bitte, komm. Du musst kommen und mich von meiner unglücklichen Liebe befreien. Du bist der richtige Typ. Er ist sehr groß, schlank und hat süße braune Locken. Ich glaube, ich bin mal wieder dabei mich zu verlieben.

Hoffentlich wird es keine Enttäuschung. Hoffentlich will Hansi keinen Sex. Ich brauche ja nur an Jürgen zu denken. Bitte, lieber Hansi, sei so, wie ich es mir wünsche. Morgen um sieben Uhr in der Eisdiele, morgen Abend, wie gut, dass unsere Eisdiele erst nächste Woche zu macht, denn sonst hätte ich Hansi vielleicht nie kennengelernt.

Heute Nacht werde ich nicht von Mick träumen, sondern von Hansi. Ich hätte es beinah vergessen, als ich ihn nach seiner Lieblingsplatte fragte, sagte er: "We were all wounded at Wounded Knee. " Jetzt werde ich diese Platte wieder täglich hören.

(Fortsetzung folgt)Teenager in der Hippiezeit - Folge verpasst?

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