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15/10/2015 14:16 CEST | Aktualisiert 15/10/2016 07:12 CEST

Kurzgeschichte: Wenn die Lust zur Last wird

Thinkstock

Nur ein Moment

Betrübt schleicht Anja durch die Stadt. Sie will noch nicht nach Hause gehen. Gestern Nacht ist es wieder passiert. Wie soll sie das nur ertragen? Wenn sie doch mit Ulrich darüber reden könnte, aber ihre zaghaften Versuche scheitern jedes Mal kläglicher. Sofort flucht er grimmig und schüchtert sie immer mehr ein.

Meistens kann sie ihren Kummer verbergen, aber heute wirkt sie wie ein Häufchen Elend. Tief in Gedanken versunken seufzt sie in sich hinein und irrt ziellos, ohne ihre Umgebung wahrzunehmen, durch die vertrauten Straßen. Sie hat sich selbst verloren.

Ein Leben ohne Ulrich kann sie sich nicht vorstellen, aber sie fürchtet seine Bedrängnis. Früher hatten sie eine harmonische Ehe voller Zuneigung, Verständnis und Leidenschaft geführt. Doch durch die Wẹchseljahrbeschwerden wurde für Anja aus Wonne Schmerz.

Um Ulrich nicht zu verärgern, überwindet sie sich oft, aber wenn er sie aus dem Schlaf reißt, spürt er ihre Abneigung und reagiert grob. Darum täuscht sie häufig Unwohlsein vor und übernachtet im Wohnzimmer. Stets kreisen dieselben Fragen in ihr. So auch jetzt.

Warum ist Ulrich so sehr liebebedürftig? Wieso kann er keine Rücksicht nehmen? Wo bleibt sein Verständnis? Weshalb fühlt er sich deswegen als Mensch abgewiesen? Kann er nicht begreifen, dass Begehren nur ein kleiner Teil des Zusammenlebens ist? Ist denn die seelische Verbindung nicht viel bedeutender?

Warum quält er sie? Würde er sich auch so verhalten, wenn sie ernsthaft krank wäre? Wieso verzeiht sie ihm und hofft, dass sich dieses Problem irgendwann von allein lösen wird? Muss sie es möglicherweise noch viele Jahre dulden? Welche Konsequenzen fürchtet sie bei einer Trennung?

Anja bleibt stehen und schüttelt den Kopf. Sie will nicht weiter darüber nachdenken. Vielleicht ist es nur eine Phase. Nach so vielen glücklichen Jahren kann das nicht das Ende sein. Er wird schon längst auf sie warten. Sie wechselt die Richtung und beeilt sich. Ihren Blick hält sie gesenkt. Nach wenigen Schritten fällt ihr auf dem Bürgersteig eine geöffnete Teedose auf. Verwundert sieht sie hinein, erkennt Münzen und schaut um sich herum.

Direkt vor ihr steht eine silberne Statue auf einem Sockel. Seit wann steht hier eine Figur? Neugierig betrachtet sie die merkwürdige Kleidung, die emporgereckten Arme und die starren Augen. Braune Augen in einem silbernen Gesicht. Sie schmunzelt, greift in ihre Jackentasche und wirft eine Münze in die Teedose.

Da zwinkert ihr ein Auge zu, dann bewegt sich die Gestalt anmutig und verbeugt sich galant vor ihr. Ein warmer Männerblick strahlt sie an. Er streckt ihr seine silberne Hand entgegen, sie reicht ihm ihre Hand und lacht.

Er schaut ihr tief in die Augen, nimmt ihre Hand ganz sanft, dreht sie leicht und haucht einen Kuss darauf. Anja ist überrascht und gerührt. Er verneigt sich noch ein Mal vor ihr, nimmt wieder seine Position ein, blinzelt ihr zu und verharrt dann still.

Leicht und beschwingt geht Anja weiter. Es gibt noch so viele unentdeckte, schöne Momente, für die es sich lohnt zu leben. Sie ist sich bewusst, dass seine respektvolle Geste nicht ihr persönlich galt, dennoch fühlt sie sich geehrt. Ihr Frohsinn kommt zurück, sie begrüßt die Sonne und summt ein Lied.

Schnell kehren ihre Gedanken zu Ulrich zurück. Wann ist er das letzte Mal zärtlich gewesen? Sie kann sich nicht erinnern. Wie wenig muss er sie achten? Wie oft hat er sie gedemütigt? Sie muss sich wehren, bevor es zu spät ist. Nicht mehr dulden, was sie nicht will. Sie wird ihn verlassen. Sofort.

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