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04/07/2015 13:14 CEST | Aktualisiert 04/07/2016 07:12 CEST

Warum wir auf unsere Nachbarn achten sollten

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Rasputin

Sanfte Küsse, zärtliches Streicheln, endlose Liebkosungen. Wenn Heribert träumt, spürt er Theresia ganz nah. Wie sehr hatten sie sich auf einen gemeinsamen Ruhestand gefreut. Zeit für Spaziergänge, Besichtigungen, Kino, Theater und Reisen. So viele Pläne. Natürlich könnte Heribert das alles auch allein tun, aber ohne Theresia fühlt er sich so leer.

Vor drei Jahren erkrankte sie plötzlich schwer und ließ ihn einfach allein. Wie sollte er diesen Verlust verkraften? Es gab keine Familie mehr und nur noch wenige Bekannte. Zu Nachbarn hatte Heribert nie Kontakte gepflegt. Er gewöhnte sich an die Einsamkeit und verkroch sich in seinen Büchern. Theresia lebte in seinen Erinnerungen weiter und er sprach täglich mit ihr. Oft auch laut auf der Terrasse. Die Nachbarn hielten ihn für wunderlich, aber störten sich nicht weiter daran.

Dann zog vor einigen Monaten im Haus nebenan die Familie Nowak ein und sein ruhiges Leben wurde auf den Kopf gestellt. So wie jetzt.

"Verfluchter Köter! Halte endlich die Schnauze!" Heribert ist außer sich. Sein Blutdruck steigt und sein Herz hämmert zum Zerspringen. Schon wieder hat ihn der Nachbarshund aus seinen sehnsuchtsvollen Träumen gerissen. Es ist kurz nach Mitternacht. Einfach umdrehen und weiter schlafen kann er nicht. Rasputin hört nicht auf. Er bellt oft stundenlang. Den ganzen Tag über und auch in der Nacht. Es ist zum Verzweifeln.

Heribert fühlt sich so hilflos und das macht ihn wütend. Sein ganzes Leben lang war er erfolgreich im Beruf. Jedes Problem konnte er lösen und jetzt? Er hat sich schon mehrmals bei Frau Nowak beklagt. Zuerst sehr freundlich, höflich und vorsichtig. Dann mit Bitten und Drängen. Es ist nicht normal, dass Hunde ständig bellen. Rasputin muss richtig erzogen werden. Frau Nowak schaut ihn immer nur verständnislos an und schüttelt den Kopf. Sie regt sich auf und redet auf ihn ein. Er hört ihr nicht zu. Heribert spürt nur Rücksichtslosigkeit und Ignoranz.

Rasputin wird draußen angebunden, damit er nicht weglaufen kann. Heribert kann das nicht ertragen. Der Hund tut ihm leid, aber er raubt ihm auch die letzten Nerven. Nun verliert Heribert, der stets ein besonnener und ruhiger Mensch gewesen ist, ständig die Kontrolle. Er läuft fluchend durch sein Haus und schreit durch die geöffneten Fenster. Im Garten erledigt er nur noch das Nötigste. Sobald er nach draußen geht, schlägt der Hund an, springt am Zaun hoch und knurrt ihn böse an. Heribert fühlt sich bedroht.

Der Zustand wird unerträglich. Heriberts Zorn wird immer größer. Er stellt sich die schlimmsten Dinge vor, geht in den Keller, durchsucht alte Koffer und Schachteln, und wird bald fündig. Von seinem Vater hatte er einen Vorderladerrevolver geerbt. Einen Colt New Army 1860 mit Kaliber 44, eine schussfähige Replika-Waffe. Bleikugeln, Zündhütchen, Verdämmungspfropfen und auch Schwarzpulver muss er noch irgendwie besorgen. Auf dem Weg nach oben, mit dem Revolver in der Hand, bleibt er stehen und lauscht in sich hinein.

Theresia weist ihn empört zurecht. Er fügt sich und sie flüstert: "Lass ihn schlafen." Heribert überlegt eine Weile, holt Schlaftabletten, geht in die Küche und präpariert eine Leberwurst damit. Er schlendert nach draußen, wirft Rasputin den Köder zu, gräbt ein großes Loch in seinem Garten, holt ein Seil und wartet.

Endlich schläft der Hund. Tief und fest. Niemand ist da. Heribert steigt über den Jägerzaun, fesselt Rasputin mit dem Seil, bindet seine Schnauze zu, packt ihn, hebt ihn hinüber und schleppt ihn zu dem Loch. Er legt ihn hinein und schaufelt ihn mit Erde zu.

Endlich Ruhe! Nun sitzt Heribert lächelnd im Schaukelstuhl auf der Terrasse. Stunden vergehen. Er summt leise vor sich hin. Das Leben ist wieder schön. Heribert küsst Theresia. Von nebenan dringen Wortfetzen zu ihm herüber, aber er beachtet sie nicht. Frau Nowaks Stimme klingt aufgeregt. "Mein Nachbar ist auf seiner Terrasse und hält eine Waffe in der Hand. Bitte kommen Sie schnell! Er verhält sich schon lange merkwürdig. Dauernd spricht er von einem Hund. Dabei gibt es hier gar keine Hunde."

In meinen anderen Geschichten geht es um Liebe, Schuld, Seelenschmerz, Sehnsucht, Verzweiflung und Verantwortung.


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